LOKALES
„Das Brötchen hat uns groß gemacht“
Gummersbach – Nach 102 Jahren ist heute Schluss: Zum letzten Mal hat die Bäckerei Lange geöffnet – Hartmut Lange und seine Frau Gritta verabschieden sich in den Ruhestand.
Für Hartmut Lange ist der heutige Tag ein ganz besonderer. Es ist der letzte Tag, an dem die Bäckerei Lange ihre Brote, Brötchen, Teilchen und Kuchen verkauft – etwas, das viele Menschen in Gummersbach und Umgebung bedauern. 1924 von Adolf Lange im Gummersbacher Ortsteil Niederseßmar gegründet, besteht die Bäckerei Lange seit über einhundert Jahren. Seit 1990 wird das Unternehmen von Hartmut Lange geführt – und das in dritter Generation. Zwölf Filialen gehören zum Betrieb, darunter auch das Traditionscafé „Café Berges“ auf dem Steinberg. Doch heute ist Schluss: Für Hartmut Lange und seine Frau Gritta geht es in den Ruhestand – und für immerhin elf der zwölf Filialen wird es auch nach dem 31. Juli 2026 weitergehen.
Hartmut Lange ist mit der Bäckerei groß geworden. „Ich war schon als Kind in der Backstube dabei und habe mitgeholfen. Wenn man in so einem Laden aufwächst, macht man automatisch mit“, erzählt er ihm Gespräch mit OA. Als er älter wurde, hat er noch vor der Schule Brötchen ausgefahren. „Meine Mutter packte die Brötchentüten“, erinnert sich der heute 72-Jährige. Und er fuhr dann durch den Ort, durch jede Straße, und legte den Leuten ihre Brötchen vor die Tür – jeden Tag, auch im tiefsten Winter. „Um 5 Uhr bin ich losgefahren, um 7 Uhr war ich wieder zurück“, erzählt Lange. Das machte er auch noch Jahre später. Doch den Start um 5 Uhr schaffte er nicht jeden Morgen, denn das ein oder andere Mal kamen dem jungen Hartmut an den Wochenenden Handballspiele und lange Feiern dazwischen.
Studiert hat er an der Fachhochschule am Sandberg; er ist Ingenieur geworden. Geschwister hatte Hartmut Lange nicht. „Ich war der einzige, und ich war immer hier. Aber meine Eltern haben es mir immer freigestellt, was ich beruflich machen möchte.“ Ein Jahr war er bei der Firma Bohle beschäftigt, ist dann zu Ford nach Köln gewechselt. Lange war beruflich viel unterwegs und hat an den Wochenenden in der Bäckerei geholfen. Seinen Sohn hat er damals nur wenig gesehen. 1984 ist er zurück in die Bäckerei gekommen. „Ich wollte in die Beratung oder selbstständig sein“, sagt Lange. Für das Backen und die Bäckerei habe er sich aber immer schon interessiert. „Das hat mir Spaß gemacht.“ Seine Ausbildung war stark verkürzt, ebenso wie die Vorbereitung zur Meisterprüfung. Ob BWL, Steuern oder auch Recht: Durch das Aufwachsen im Familienbetrieb und sein Wirtschaftsingenieur-Studium war er bestens vorbereitet.
1990 hat Hartmut Lange die Bäckerei von seinem Vater Rolf Lange übernommen. Und mit der Zeit kamen ergänzend zum Stammhaus in Niederseßmar immer mehr Filialen hinzu: angefangen 1984 mit einem Geschäft in Rebbelroth. Heute gehören insgesamt zwölf Filialen zum Betrieb: in Gummersbach, Wiehl und Ründeroth. „Ich bin immer im Umkreis gewesen, wollte eigentlich nie weiter weg“, sagt Lange mit Blick auf die Filialen und die Wurzeln in Gummersbach. „Ein guter Freund von mir war Marktleiter im Rewe Ründeroth.“ Und so kam es, dass Hartmut Lange sogar eine Filiale in Engelskirchen eröffnet hat. Die größte Verkaufsstelle des Unternehmens liegt aber in Wiehl, im Rewe Markt.
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[Zur Lange Bäckerei gehören insgesamt rund 140 Mitarbeitende. Eine von ihnen ist Manuela Freitag (M.), die die Kunden unter anderem im Stammhaus bedient.]
Sechs Standorte werden zum 1. August von der Schneiders Bäckerei aus Netphen übernommen (OA berichtete): neben dem Stammhaus in der Kölner Straße auch die Geschäfte in der Kaiserstraße, im Toom-Baumarkt, in Windhagen sowie im Rewe in Wiehl und im Rewe in Ründeroth. Weiterbetrieben werden auch das Café Berges auf dem Steinberg, die Filialen in der Moltkestraße, auf dem Hepel und auf dem Bernberg sowie das Backhaus in Marienhagen. Diese fünf Standorte werden von Mitarbeitern aus dem Lange-Team fortgeführt. Die Bäckerei in Hülsenbusch wird aufgegeben. „Die Dorfgemeinschaft in Hülsenbusch ist sehr engagiert“, sagt Lange. Doch ein Nachfolger ist für diesen Standort nicht gefunden worden. „So viele gibt es gar nicht mehr, die das machen wollen“, erklärt der 72-Jährige.
Der Arbeitstag eines Bäckers beginnt oftmals dann, wenn die meisten anderen noch schlafen. Lange spricht von 2 Uhr, 1 Uhr, freitags auch mal 0 Uhr, als es in der Backstube losging. „Mit den Jahren wurde das immer früher“, sagt er. Durchgearbeitet habe er aber nicht. „Ich habe schon geschlafen, vielleicht zwei Stunden.“ Im Betrieb habe er im Prinzip alles gemacht. Bis zum Mittag war er in der Backstube, nachmittags hat er Filialen beliefert und sich danach noch ins Büro gesetzt. 2002 hat Lange seine heutige Frau Gritta kennengelernt, 2021 haben die beiden geheiratet. „Vorher hatten wir dafür keine Zeit“, sagt die 65-Jährige lachend. Seitdem arbeitet sie mit im Unternehmen.
[Ein Plakat der Interessen- und Werbegemeinschaft am Dreieck, das an die Baustelle 2004 erinnert.]
Wichtig war Hartmut Lange auch immer die Nähe zu Vereinen – er hat sie mit seinen Backwaren unterstützt und sich auch selbst engagiert, so zum Beispiel im Bürgerverein Niederseßmar oder auch in der Interessen- und Werbegemeinschaft am Dreieck, die 2004 anlässlich einer großen Baustelle gegründet worden ist. Noch heute veranstaltet die Interessen- und Werbegemeinschaft den Sternmarkt, und hängt samstags vor dem 1. Advent die Weihnachtsbeleuchtung in der Umgebung auf. Wichtig ist Lange aber auch die Nähe zur GGS Niederseßmar. „Am Nikolaus gehe ich durch Schule und verteile Weckmänner. Das ist Tradition bei uns.“
An St. Martin hat das Team schonmal 4.000 oder 5.000 Weckmänner an einem Tag hergestellt – in Handarbeit. „Die Arbeit ist manchmal echt hart. Aber es ist schön zu sehen, wenn sich die Kinder freuen“, sagt Lange. Bis zuletzt war er noch oft in der Backstube. Auf die Frage, welche Produkte zu ihren Lieblingen gehören, finden beide schnell Antworten. „Das Vital-Brötchen und die Punschballen“, sagt Gritta. „Chia, Bergisches Krüstchen oder auch Körner – ich bin da flexibel“, sagt Hartmut Lange mit einem Lachen. Und der Butterstreusel, der darf für ihn auch nicht fehlen.
Eine Nachfolge aus der Familie hat der 72-Jährige nicht. „Ich habe drei Kinder. Sie sind alle ihren eigenen Weg gegangen.“ Sein Sohn Carsten Lange hat in der 2. und 3. Liga Handball gespielt und ist heute Jugendtrainer beim VfL Gummersbach. Sein zweiter Sohn lebt in Hamburg, die Tochter in Oldenburg. Schweren Herzens gibt er die Bäckerei „eigentlich nicht“ auf. „Es ist jetzt auch in Ordnung, dass ich das hier zu Ende bringe“, sagt Lange über das Werk seiner Familie. „Irgendwann muss mal Schluss sein, und der Zeitpunkt ist gut. Jetzt können wir das machen, was wir lange nicht machen konnten.“ Spontan etwas zu unternehmen, sei für das Ehepaar seit Corona schwierig gewesen. Und: „Ich will nicht mit dem Rollator durch die Backstube.“
Das Schönste sei für ihn immer das Miteinander mit den Kunden und den Lieferkunden gewesen. „Viele kennt man ein Leben lang. Viele haben uns über die Jahre die Treue gehalten.“ Und zwischendurch mal ein kurzes Schwätzchen zu halten, habe für den Bäckermeister auch dazugehört. „Wir wollten immer Qualität an den Kunden bringen – und das ist uns über weite Strecken gelungen. Der Anteil an Brötchen ist enorm; das ist nicht in jeder Bäckerei so“, erzählt er. „Das Brötchen hat uns groß gemacht.“
Nicht zuletzt schwärmt Hartmut Lange auch von seinem Buttercroissant. „Das Rezept habe ich aus Südfrankreich mitgebracht.“ Hergestellt wird es mit französischem Mehl und reichlich Butter. Probiert hat er es erstmals in einer französischen Bäckerei. „Da habe ich gesagt: Wenn du das isst, kannst du unseres nicht mehr essen“, sagt der 72-Jährige lachend. „Wenn er auf Reisen ist, muss er in jede Bäckerei rein. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Das Backen ist seine Leidenschaft – und das bleibt“, sagt Gritta Lange über ihren Mann. Viel ausruhen, reisen, Zeit mit den Enkeln verbringen und Freunde besuchen, das möchten die beiden in Zukunft machen. „Und zum VfL gehen“, sagt Hartmut. Denn „Handball ist auch eine Leidenschaft.“
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