JUNGE LEUTE

„Wäre ich 15 Minuten später gewesen…“

pra; 28.07.2026, 19:00 Uhr
Foto: Josephine Tscheliesnigg --- Pascal Gleich war während des Anschlags auf dem CSD in Berlin.
JUNGE LEUTE

„Wäre ich 15 Minuten später gewesen…“

pra; 28.07.2026, 19:00 Uhr
Gummersbach - CSD-Besucher Pascal Gleich erlebt den Anschlag in Berlin mit - Eine Attacke auf die queere Community.

Von Josephine Tscheliesnigg

 

Am Wochenende wurde der Christopher Street Day (CSD) in Berlin gefeiert. Die Demonstration, die die Rechte der queeren Community stärken soll, endete in diesem Jahr mit einem Schock für viele. Unter ihnen: Pascal Gleich. Der Gummersbacher CSD-Besucher war nur wenige Minuten vom Tatort entfernt und blickt heute auf das Wochenende zurück.

 

Gleich war mit Freunden etwas essen. Ungefähr 15 Minuten bevor der Anschlag passierte, durchquerten sie noch den Tiergarten. Da die andere Seite abgesperrt war, war dies die einzig mögliche Route, um zum Brandenburger Tor zu kommen. „Es war warm, viele Leute waren unterwegs, man wollte mit der Absperrung wahrscheinlich den Zufluss steuern“, erinnert er sich. Gerade als Sarah Connor ihr letztes Lied gespielt hat, unterbrach der Veranstalter die Show und schickte die Stars von der Bühne. „In der ersten Sekunde habe ich gedacht, dass das zum Showprogramm dazugehört. In Sekunde zwei hat man dann aber gemerkt, dass Veranstalter und Ordnungspersonal ganz schön nervös sind“, schildert Gleich die Situation kurz nach der Tat.

 

[Foto: Pascal Gleich --- Während der Anschlag am Tiergarten passiert, wird am Brandenburger Tor noch gefeiert.]

 

Die Musik ist aus, die Lichter gehen an, Stille flutet den Platz vor dem Brandenburger Tor. „Es war, als hätte jemand den Aus-Schalter gedrückt“, versetzt sich der CSD-Besucher zurück in den Moment. Ruhig und ohne Panik hätten sich alle Besucher in Richtung Ausgang begeben. Hubschrauber kreisen, Polizeisirenen heulen. „Es war wie in einer anderen Welt. Eine Minute früher feierst du noch ausgelassen und in der nächsten siehst du zu, dass du schnell nachhause kommst“, erinnert sich Gleich. Schnell wurde den CSD-Besuchern klar, die Lage ist ernst. Mithilfe von Live-Tickern verfolgten sie die Situation per Smartphone. Dann erreichte sie die Nachricht, was genau passiert ist. „Wir waren geschockt und wie im Tunnel. Auf dem Weg zum Hotel guckten wir nach links und rechts, beantworteten Nachrichten, telefonierten mit Eltern und Freunden, um ihnen zu versichern, dass es uns gut geht“, erzählt er.

 

Pascal Gleich und seine zwei Freunde rekonstruierten nach Ankunft im Hotel die Situation in Gedanken. Aufgewühlt stellten sie fest, dass sie kurz vor dem Anschlag noch am Tatort waren: „Hätte man irgendwann am Tag mal eine Pause eingelegt und wäre 15 Minuten später gewesen, dann hätte es vielleicht einen von uns getroffen.“ Erschüttert über den Anschlag, kann Gleich noch immer nicht ganz realisieren, was passiert ist. Wie abrupt die Veranstaltung enden musste. „Man fragt sich, was geht in so Leuten vor? Wir wollen nur Sichtbarkeit zeigen und für unsere Rechte einstehen. Es ist unverständlich, wie man so hasserfüllt sein kann. Wie kann man in 2026 nicht jeden leben und lieben lassen, wie er es will?“ Die Gruppe habe sich auf der Veranstaltung sehr sicher gefühlt. Dass ihnen diese Sicherheit versucht wurde zu nehmen, hinterlässt Erschütterung. „Du hast nicht das Gefühl, dass jemand kommt, der es nicht unterstützt. Wir sind alle eins – alle ein ganzes“, macht Pascal Gleich deutlich.

 

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Um mit der Situation umgehen zu können, redet er mit Freunden und Familien oft über das, was geschehen ist. „Am Tag nach dem Anschlag war es das beherrschende Thema unter uns. Ich bin nicht der Einzige, der damit klarkommen muss.“ Am nächsten Wochenende ist Pascal Gleich auf dem CSD in Hamburg. Geplant war dies schon lange. Wie er sich vor Ort fühlen wird, kann er noch nicht einschätzen. Fakt ist: Er wird sich weiter für seine Rechte einsetzen – trotz bedrückendem Gefühl: „Ich finde es wichtig, dass man Haltung zeigt. Wir wollen die Leute, die uns das verbieten wollen, nicht gewinnen lassen.“ Doch Haltung zu zeigen ist nicht immer einfach. Die Resonanz auf das Projekt „Caya“ zeigt dies sehr deutlich. Die Anlaufstelle unterstützt Kinder und Jugendliche im Oberbergischen Kreis auf ihrem queeren Weg und bietet Hilfestellungen und Beratungen an (OA berichtete).

 

Dass der CSD eine tief verwurzelte Geschichte in der Vergangenheit hat, ist vielen nicht bewusst. Bereits 1969 gingen queere Minderheiten in New York auf die Straße. Der sogenannte „Stonewall-Aufstand“ in der Christopher Street führte damals zu tagelangen Straßenschlachten zwischen Trans- und Homosexuellen und der Polizei. Heute erinnert der CSD an jene Anfänge.

 

Anschläge wie der in Berlin zeigen umso mehr, welche Wichtigkeit die Demo auch heute noch hat. „Man ist immer irgendwo Zielscheibe in der heutigen Zeit“, verdeutlicht Pascal Gleich. Ihm ist es daher umso wichtiger weiterzukämpfen: „Man sollte den hasserfüllten Menschen das Feld nicht überlassen. Dann haben sie gewonnen und das durchgedrückt, was sie haben wollten.“ Dass im Oberbergischen Kreis ein erster CSD stattfand (OA berichtete), sei schonmal ein guter Anfang, findet Gleich.

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