HANDBALL
Belohnung nach Sieg im Topspiel: Sigurdsson gibt seinen Jungs trainingsfrei
Gummersbach - Nach dem 37:31-Heimsieg über die MT Melsungen belohnt Gummersbachs Trainer seine Mannschaft auf seine Art – Ausverkaufte SCHWALBE arena erlebt Partie mit irrsinnigem Tempo – 'RPP - Ambulantes Therapie- und Reha-Zentrum' und AggerEnergie präsentieren die Berichterstattung über den VfL Gummersbach.
Von Peter Notbohm
VfL Gummersbach - MT Melsungen 37:31 (20:19).
Bedingungslosen Tempo-Handball ist man bei den Spielen des VfL Gummersbach inzwischen gewohnt. Was die Fans in der erneut ausverkauften SCHWALBE arena am Sonntagnachmittag im Spitzenspiel der Handball-Bundesliga erlebten, kann aber fast nur noch mit dem Wort „wahnwitzig“ beschrieben werden. Beim 37:31-Heimsieg des VfL Gummersbach über die MT Melsungen legten beide Teams vor allem im ersten Durchgang ein irrsinniges Tempo vor. Die Zuschauer kamen kaum damit nach, die Tore zu bejubeln. Phasenweise holten beide Keeper den Ball im 20-Sekunden-Takt aus dem Netz.
![]()
[Giorgi Tskhovrebadze war mit sieben Toren neben Julian Köster bester VfL-Torschütze und traf erneut spektakulär per Rückhandwurf.]
Manch einer sprach im Anschluss sogar von einer der besten VfL-Leistungen überhaupt in der Ära Sigurdsson. So weit wollte der isländische VfL-Coach nach dem Spiel zwar nicht gehen, zeigte sich aber dennoch „unglaublich zufrieden“: „Die Jungs haben mich heute gezwungen, ihnen morgen freizugeben.“
Matchwinner der Partie war Torhüter Tibor Ivanisevic, der nach zehn Minuten für den glücklosen Daniel Rebmann zwischen die Pfosten kam. Der Serbe parierte nicht nur starke 13 Bälle, sondern erzielte auch ein Tor selbst; ein zweites verhinderte der Pfosten. Nicht nur Sigurdsson lobte im Anschluss seinen Keeper: „Er hat uns den Rücken freigehalten.“ Auch Melsungens Coach Roberto Garcia Parrondo sah in ihm den entscheidenden Faktor.
Der 33-Jährige reagierte gewohnt bescheiden auf die Lobeshymnen: „Nach nicht so gutem Start haben wir ab der 20. Minute eine richtig gute Abwehr gestellt und schnelle Tore erzielt. Nach der Pause haben wir dann mit dieser fantastischen Kulisse im Rücken das Spiel nach Hause gebracht.“ Zu den Gerüchten um eine mögliche Birlehm-Verpflichtung (siehe Vorbericht) wollte er sich nach seiner starken Vorstellung nicht äußern.
![]()
[Ole Pregler ging gegen seinen Heimatclub keinem Zweikampf aus dem Weg und musste mehrfach einstecken.]
Ein besonderes Spiel war es aber auch für Ole Pregler. Gegen seinen Heimatverein bekam der junge Spielmacher den Vorzug vor Dominik Mappes, der zuletzt gegen Berlin gestartet war. Sigurdsson sprach von einer logischen Entscheidung, „nicht, weil der Gegner Melsungen hieß, sondern weil Ole seit September fast immer angefangen hat und keine Angst hat, ins Eins gegen Eins zu gehen.“
Der U21-Weltmeister leugnete nach dem Abpfiff nicht, dass es gegen die MT immer etwas Außergewöhnliches sei. Dass er beginnen würde, habe er 90 Minuten vor der Partie in der Besprechung erfahren, wollte aber ohnehin lieber über die Teamleistung sprechen: „Ich bin einfach nur stolz auf die Mannschaft. Wir haben dem nächsten Topteam die Punkte geklaut und diesmal sogar gewonnen.“
Nach dem späteren Sieg sah es zunächst allerdings gar nicht aus. Die Partie nahm nach der Schweigeminute für den langjährigen VfL-Edelfan Rainer Zierau sofort Fahrt auf und Melsungen hatten sich nach fünf Minuten bereits eine 5:2-Führung herausgeworfen. Das Tempo blieb weiter wahnwitzig hoch: Nach dem 7:9 (9.) brachte Sigurdsson Ivanisevic ins Tor, der allerdings auch vier Minuten bis zum ersten gehaltenen Ball brauchte. Auf der Gegenseite entnervte dagegen Nebosja Simic (5 Paraden) in dieser Phase die VfL-Schützen deutlich häufiger. Nach einer Viertelstunde waren beim 11:13 trotzdem bereits unfassbare 24 Tore gefallen. Vor allem den Rückraum um Elvar Örn Jonsson, Spielmacher Erik Balenciaga und den 2,15-Meter-Hünen Dainis Kristopans bekam man bis zu diesem Zeitpunkt kaum gestoppt.
![]()
[Wurfgewaltige 2,15 Meter von Dainis Kristopans oder quirlige 1,69 Meter von Erik Balenciaga: Die MT Melsungen stellte Gummersbachs Abwehr vor verschiedene Aufgaben.]
Gummersbach reagierte, drehte defensiv an kleinen Stellschrauben und zwang Melsungen damit in die erste kleine Schwächephase. Zwei Ivanisevic-Paraden sowie ein Lattenknaller vom Ex-Gummersbacher Ivan Martinovic beim Siebenmeter ließen die Partie kippen: Lukas Blohme traf beim 14:13 (19.) zur ersten VfL-Führung und legte gleich noch die Treffer 15 und 16 nach – die SCHWALBE arena kochte erstmals. Melsungen nutzte im Anschluss allerdings eine Überzahl, um wieder zum 18:18 (28.) durch Timo Kastening auszugleichen. Die knappe Pausenführung sicherte der erneut spektakuläre Girogi Tskhovrebadze quasi mit der Halbzeitsirene.
[Julian Köster war mit einer Daumenverletzung von der DHB-Auswahl zurückgekehrt, spielte aber trotzdem durch.]
Nach 30 Minuten bedingungslosem Tempo-Handball änderte sich das Bild nach dem Seitenwechsel zunächst. Melsungen suchte nicht mehr den ganz schnellen Abschluss, tat sich mit seinen nun langen Angriff aber auch schwer gegen die stark arbeitende VfL-Deckung. Auffälligster Akteur war in dieser Phase VfL-Kapitän Julian Köster, der 60 Minuten durchackerte und nun neben zwei Toren auch einen Siebenmeter zog – 24:20 (37.) für die Oberberger.
Auf dem Feld wurde es nun zunehmend hektischer und fehlerbehafteter. Auf das 25:23 (39.) reagierte Sigurdsson unmittelbar mit einer Auszeit. Unglücklich aus VfL-Sicht zudem eine Zeitstrafe gegen Tom Kiesler wegen Trikotziehens. Auf der Gegenseite blieben harte Attacken gegen Ole Pregler dagegen ungeahndet, was die SCHWALBE arena mit lauten Schieber-Rufen in Richtung der Schiedsrichter quittierte. Unstrittig dagegen die rote Karte gegen den bis dahin gut aufgelegten Ellidi Vidarsson in der 43. Minute. Der Kreisläufer kam im Zweikampf gegen Erik Balenciaga zu spät und erwischte den Spanier nur noch seitlich im Wurfarm.
![]()
[Machte bis zu seiner Disqualifikation ein starkes Spiel: Ellidi Vidarsson.]
„Aber wir hatten ja noch den Luxus Kristjan Horzen auf der Bank“, so Sigurdsson, der trotzdem seine Taktik umstellen musste. Statt wie geplant Mappes erneut nach einer Viertelstunde zu bringen, um das Tempo hochzuhalten, musste Pregler nun durchspielen. Aus der Ruhe brachte das die Oberberger aber nicht. Nur wenig später traf Tilen Kodrin zum 29:24 (45.) nach starkem Pass von Tskhovrebadze.
Auf Melsunger Seite machte sich dagegen der Kräfteverschleiß bemerkbar. MT-Trainer Parrondo ließ Julius Kühn und Ivan Martinovic nahezu 60 Minuten auf der Bank schmorren und ließ stattdessen seinen Rückraum fast durchspielen. Jonsson traf zwar neunmal, erlaubte sich in dieser Phase aber zunehmend mehr Fehlwürfe und technische Fehler, sodass Gummersbach seinen Vorsprung kontinuierlich ausbaute – das 32:26 (52.) erzielte Ivanisevic per Empty-Net-Tor.
Melsungen verkürzte zwar nochmal auf vier Tore (34:30/58.), der VfL ließ sich den Sieg aber auch vom 7 gegen 6 der Gäste nicht mehr nehmen und feierte im Anschluss eine große Party mit seinen Fans. Sigurdsson, der reihenweise Extra-Lob an seine Spieler verteilte, störte nach dem Spiel nur die Phase nach dem 29:24: „Da hätte ich mir gewünscht, dass die Jungs cleverer agieren, aber das ist wie schon gegen Berlin meckern auf ziemlich hohen Niveau.“ Auch Parrondo sprach auf der Pressekonferenz von einem verdienten VfL-Erfolg: „Wir sind sehr enttäuscht und haben nicht unser Level gezeigt.“
![]()
[Auf fünf Tore kam Lukas Blohme. Seine Zeitstrafe wollte der Rechtsaußen allerdings nicht wahrhaben und musste von Trainer Sigurdsson beruhigt werden.]
Während es für Melsungen die dritte Saisonniederlage war und der Rückstand auf Spitzenreiter Berlin damit auf fünf Punkte angewachsen ist, feierte Gummersbach den sechsten Saisonsieg, bleibt damit punktgleich mit dem THW Kiel und auf Rang sechs in Tuchfühlung zu den internationalen Plätzen. Nach dem trainingsfreien Montag wird sich die Mannschaft auf das nächste Auswärtsspiel vorbereiten. Am 20. November geht es zur HSG Wetzlar.
Gummersbach: Julian Köster, Giorgi Tskhovrebadze (je 7), Lukas Blohme, Ellidi Vidarsson (je 5), Ole Pregler, Tilen Kodrin (je 3), Milos Vujovic (3/2), Dominik Mappes, Stepan Zeman, Kristjan Horzen, Tibor Ivanisevic (je 1).
Melsungen:Elvar Örn Jonsson (9), Timo Kastening (7/4), Erik Balenciaga (5), Dainis Kristopans (4), Adrian Sipos (3), Florian Drosten, Rogerio Moraes (je 1), Ivan Martinovic (1/1).
Zeitstrafen
8:8 Minuten (Pregler, Blohme, Kiesler, Vidarsson (Rot) - Sipos, Kristopans, Mandic, Arnarsson).
Siebenmeter
2/3 - 4/5 (Vujovic scheitert an Simic - Martinovic an die Latte).
Schiedsrichter
Christian vom Dorff/Fabian vom Dorff.
Zuschauer
4.132 (ausverkauft).
![]()
KOMMENTARE
Jeder Nutzer dieser Kommentar-Funktion darf seine Meinung frei äußern, solange er niemanden beleidigt oder beschimpft. Sachlichkeit ist das Gebot. Wenn Sie auf Meinungen treffen, die Ihren Ansichten nicht entsprechen, sehen Sie von persönlichen Angriffen ab. Die Einstellung folgender Inhalte ist nicht zulässig: Inhalte, die vorsätzlich unsachlich oder unwahr sind, Urheberrechte oder sonstige Rechte Dritter verletzen oder verletzen könnten, pornographische, sittenwidrige oder sonstige anstößige Elemente sowie Beschimpfungen, Beleidigungen, die illegale und ethisch-moralisch problematische Inhalte enthalten, Jugendliche gefährden, beeinträchtigen oder nachhaltig schädigen könnten, strafbarer oder verleumderischer Art sind, verfassungsfeindlich oder extremistisch sind oder von verbotenen Gruppierungen stammen.Links zu fremden Internetseiten werden nicht veröffentlicht. Die Verantwortung für die eingestellten Inhalte sowie mögliche Konsequenzen tragen die User bzw. deren gesetzliche Vertreter selbst. OA kann nicht für den Inhalt der jeweiligen Beiträge verantwortlich gemacht werden. Wir behalten uns vor, Beiträge zu kürzen oder nicht zu veröffentlichen.

BILDERGALERIE