BERGNEUSTADT
Windkraftgegner kämpfen um jede Unterschrift
Bergneustadt – Die Initiative Gegenwind will die sieben Windkraftanlagen in Bergneustadt verhindern - Bürgermeister Thul wirbt für die Bürgerbefragung und fordert mehr Sachlichkeit in der Diskussion.
Von Peter Notbohm
Bis zu sieben Windräder mit einer Höhe von 250 Metern könnten in den kommenden Jahren auf dem Beulberg und dem Laubberg in Bergneustadt gebaut werden (OA berichtete und OA berichtete). Bergneustadts Verwaltung und Politik haben dabei aufgrund des Regionalplans und der gesetzlichen Vorgaben nahezu kein Mitspracherecht. Sie könnten die Anlagen höchstens in Teilen verhindern, wenn der Oberbergische Kreis sich dazu entschließt, seine Flächen nicht zu verpachten.
Die Pläne stoßen auch bei vielen Bürgern auf Kritik. Zerstörung der Natur, Tierschutz, Infraschall und die Werteminderung der Grundstücke sind häufig genannte Argumente. Zu den Kritikern der Anlagen zählt auch Markus Rädler, der die Initiative „Gegenwind“ ins Leben gerufen hat. Nach eigenen Angaben war der Ingenieur am Bau von Windkraftanlagen in seinem Berufsleben schon mehrfach beteiligt, nennt sich selbst „einen Vollbluttechniker“.
Er sieht sich nicht als Gegner von erneuerbaren Energien – im Gegenteil. Die geplanten Anlagen seien in ihren Ausmaßen ein „absoluter Gigantismus“, der aufgrund seiner Nähe zu Ortschaften und Menschen nicht nach Bergneustadt passe, sagt Rädler im Gespräch mit Oberberg-Aktuell. Aufgrund ihrer Größe werde man die Anlagen aus nahezu jedem Stadtteil sehen, ist er überzeugt. Besonders betroffen seien Wiedenest, der Hackenberg, Attenbach und große Teile von Pernze.
Er zieht in Zweifel, dass Deutschland überhaupt noch neue Anlagen bauen muss, da die Kapazität bereits jetzt weit über der elektrischen Durchschnittslast und der elektrischen Maximallast liege und die Bundesrepublik im Gegensatz zu Norwegen über zu wenig Grundlastkraftwerke verfüge. Stattdessen warnt er vor einer politischen Ideologie: Schon heute würden viele Windräder in den windreichen Stunden stillstehen, da die erzeugte Energie nicht abgenommen werden könne.
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[Foto: Google Earth, bearbeitet mit KI ---- So könnten laut "Gegenwind" die Windkraftanlagen von der Breslauer Straße aus aussehen.]
Auch die Erwartungen der Bundesnetzagentur, dass der Bruttostromverbrauch in den kommenden Jahren massiv steigen werde, bezweifelt er. Die Statistiken der vergangenen 50 Jahre würden das Gegenteil zeigen. Seit der Corona-Pandemie sinke der Stromverbrauch aufgrund des Abbaus der produzierenden Industrie. Ein Trend, der auch durch die zunehmende Elektromobilität und Wärmepumpen nicht aufgehalten werde. Alle Argumente von „Gegenwind“ hat Rädler auch in einer ausführlichen Erwiderung (hier zum Nachlesen) auf den offenen Brief der SPD Bergneustadt (OA berichtete) dargestellt.
Kritisch sieht „Gegenwind“ auch die Belastung durch Infraschall (niederfrequenter Schall, der für das menschliche Ohr in der Regel nicht hörbar ist), auf den Menschen laut Rädler äußerst unterschiedlich reagieren würden. Belastbare Daten kann er für diese Behauptung nicht nennen. Festgehalten wird von ihm auch an der Aussage, dass die Anlagen in Bergneustadt nur mit erheblichen Eingriffen in die Natur und deutlich mehr Lastwagenfahrten als bislang angenommen, errichtet werden könnten. Einen Vergleich mit dem Bau eines Windparks in Olpe (ebenfalls sieben Anlagen mit 7,2 MW Leistung) hält er für unzulässig, weil die Voraussetzungen dort durch die Ebenerdigkeit vollkommen andere seien.
Rädler hat seine weiteren Bedenken bzgl. des Referentenentwurfs zur EEG-Novelle in einem Offenen Brief zusammengefasst (hier zum Nachlesen). Im Ergebnis zweifelt er an, dass die Stadt keine Einflussmöglichkeiten hat, um nicht auch die vier Windkraftanlagen auf der Sülemicke und am Hackenberg zu verhindern. Das Ziel von „Gegenwind“ sei es, alle sieben Anlagen zu verhindern, sagt Rädler, der mit seinen Mitstreitern seit Wochen in mehreren Stadtteilen Bergneustadts Unterschriften sammelt. Nach eigener Aussage hätten sich bereits über 1.000 Bürger eingetragen. Diese wolle man dem Bürgermeister noch offiziell überreichen.
Rädlers Befürchtung ist, „dass viele Bürger gar nicht wissen, dass sie durch die Anlagen betroffen sein werden“. Er hofft, dass sich die Bergneustädter informieren, das Gespräch mit ihren Stadtverordneten suchen und ihr Votum bei der wahrscheinlich anstehenden Bürgerbefragung abgeben. Ob die Bürgerbefragung kommt, soll im Haupt- und Finanzausschuss kommende Woche vorberaten und anschließend im Rat entschieden werden. Bürgermeister Matthias Thul (CDU) geht von breiter Zustimmung der Fraktionen aus.
Thul will dem Bürgervotum folgen
Dass die sieben Windkraftanlagen das Stadtbild grundlegend verändern können, ist für Bürgermeister Matthias Thul unstrittig. Er selbst befürwortet den Bau, auch weil er in Gesprächen mit der heimischen Industrie mehrfach gespiegelt bekommen habe, dass der Strom grüner und günstiger werden müsse.
Zudem werde Bergneustadt durch die daraus resultierenden EEG-Abgaben erheblich profitieren, erklärt das Stadtoberhaupt. „Wenn vier Windkraftanlagen kommen, haben wir als Stadt Gewerbesteuerpachteinnahmen. Dazu kommen die Pflichtabgaben aus dem EEG. Zusammen auf jeden Fall ein sechsstelliger Betrag jedes Jahr über 20 Jahre, der tendenziell auch ansteigt“, so Thul. Profitieren würden die Bürger u.a. über die Sportförderung, da die Gelder aus der EEG-Zwangsabgabe sozialen und wohltätigen Zwecken zugutekommen müssen. Derzeit werden 20.000 Euro an die Vereine ausgeschüttet. Diesen Betrag könnte man laut dem Bürgermeister durch den Bau der Windräder verdreifachen.
Dennoch sieht Thul die Kritik: „Ich kann jeden verstehen, der sagt, ich möchte diese Windräder nicht in Bergneustadt.“ Er selbst empfinde die Anlagen nicht als zu laut, könne aber nachvollziehen, wenn Bürger dies anders sehen. Den Behauptungen, dass die Stadt durch das nicht zur Verfügung stellen von Wegen und Waldflächen den Bau verhindern könne, widerspricht er: „Nach allen mir vorliegenden Informationen stimmt das nicht. Es wäre schlichtweg gelogen, wenn ich den Menschen die Hoffnung machen würde, dass man hier etwas verhindern könnte.“ Vier Windräder werden aufgrund der gesetzlichen Vorgaben aus seiner Sicht auf jeden Fall gebaut.
Befürwortet wird von Thul die geplante Bürgerbefragung über die anderen drei Anlagen. Es sei „nur richtig, die Bürger nach ihrer Meinung zu fragen und sie zu beteiligen“. Das sei auch für die Fraktionen bei ihrer Meinungsbildung wichtig. Er hofft auf eine hohe Beteiligung mit einem klaren Ergebnis und betont, dass „auch wenn ich Befürworter Erneuerbarer Energien bin und die Vorteile sehe, werde ich mich an das Ergebnis der Bürgerbefragung halten“. Gleichzeitig müsse die Diskussion über das Thema aber auf Augenhöhe stattfinden und faktenbasiert ablaufen. „Das geht bei manchen derzeit leider verloren.“
KOMMENTARE
1
Es geht hier nicht um Grünen Strom, oder Umwelt es geht hier nur ums Geldverdienen.
Thoma , 11.09.2026, 07:19 Uhr2
Habt ihr schon über ein genossenschaftliches Projekt nachgedacht? Ohne große Investoren die sich die Taschen voll machen?
Im HSK laufen dort einige Anlagen so. So profitieren die Anwohner langfristig.
Außerdem finde ich die Höhe von 250m extrem viel.
Ich kann mich mit den Windkraftanlagen anfreunden, aber nicht bei solchen Extremen.
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