SPORTMIX

Vom Trainer zum Täter: Gegen sexuellen Missbrauch im Sport

ks; 20.11.2025, 22:00 Uhr
Fotos: Maxx Hoenow --- Beim Fachtag wurden Regenschirme mit der Aufschrift „Sport vereint – alle unter einem Schirm“ verteilt.
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Vom Trainer zum Täter: Gegen sexuellen Missbrauch im Sport

ks; 20.11.2025, 22:00 Uhr
Bergneustadt – Der Kreissportbund Oberberg hat einen Fachtag zur Prävention und Intervention gegen sexualisierte Gewalt im Sportverein veranstaltet – Berührende Rede von Boris Kaminski.

Ob im Schwimmen, im Tennis oder auch im Turnen: in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Missbrauchsvorwürfe im Sport. Betroffen davon ist nicht nur der Leistungssport, sondern auch der Breiten- und Vereinssport. Am vergangenen Dienstag hat der Kreissportbund Oberberg (KSB) erstmals einen Fachtag zur Prävention und Intervention gegen sexualisierte Gewalt im Sportverein veranstaltet. Rund 150 Menschen aus den oberbergischen Sportvereinen kamen dazu im Bergneustädter Krawinkelsaal zusammen. „Deutlich mehr, als wir erwartet haben“, freute sich KSB-Geschäftsführerin Anja Lepperhoff. „Man merkt schon, dass es ein Umdenken gibt, dass die Vereine sensibler werden und sich dem Thema mehr öffnen.“

 

[Zu Beginn hat Hagen Jobi, Vorsitzender des KSB, ein Grußwort gesprochen.]

 

Auch im Oberbergischen gibt es Fälle von sexualisierter Gewalt im Sport, sagen Anja Lepperhoff und Uwe Köster, Mitarbeiter der Beratungsstelle „Der Baumhof“ in Gummersbach, auf Nachfrage von OA. Eine statistische Erfassung dazu gebe es aber nicht. „Das Schwierigste dabei ist die Grauzone – gerade im Sport“, sagte Lepperhoff. Und oftmals werde der Kreissportbund gar nicht über einen Fall informiert. Veranstaltet wurde der Fachtag in Zusammenarbeit mit den oberbergischen Fachberatungsstellen und Jugendämtern sowie der Landesfachstelle „Prävention sexualisierte Gewalt“ (PsG.nrw). Es ging um Sensibilisierung, aber auch darum, die Vereinsvertreter bei ihrer Präventionsarbeit zu unterstützen, ein Netzwerk aufzubauen und Wege aufzuzeigen, sollte es im Verein einen Verdachtsfall geben.

 

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Nach den Grußworten von Anja Lepperhoff und Hagen Jobi, dem Vorsitzenden des KSB, gab es einen Vortrag von Boris Kaminski. Der 48-Jährige ist ein ehemaliger Bundesliga-Basketballtrainer – und hat als Kind sehr erfolgreich Tennis gespielt, gehörte zu den Top-Spielern deutschlandweit. Vor einigen Jahren hat er öffentlich gemacht, als Kind im Tennis sexuelle Gewalt durch seinen damaligen Trainer erfahren zu haben. Kaminski war acht Jahre alt, als er zu diesem Trainer kam. Mit der Zeit hätten sie sich fast täglich gesehen. Sein Trainer habe ihn von der Schule abgeholt, mit in die Halle genommen und abends nach Hause gebracht. „Er war wie mein bester Freund“, erzählte Kaminski, der ihn auch wie einen Onkel, als Vorbild, als seine Leitfigur im Sport beschreibt.

 

Mit der Zeit sei der Trainer wie ein Familienmitglied gewesen, habe an Weihnachten und Geburtstagen mit am Tisch gesessen. Erste harmlose Berührungen habe es an den Beinen im Auto gegeben; später habe der Trainer einen Abschiedskuss verlangt, erst auf die Wange, irgendwann auf den Mund. Doch das sollte ein Geheimnis bleiben, über das Boris nicht sprechen durfte. Kaminski erzählte davon, dass der Trainer mit ihm zusammen duschen gegangen ist, und dass sie sich bei den deutschlandweiten Turnieren ein Zimmer geteilt haben. Er erzählte von Massagen, von sexuellen Übergriffen und einem zweiwöchigen Sommerurlaub auf Sylt, in dem auch kinderpornografisches Bild- und Videomaterial entstanden sein soll. „Das war für mich die Hölle“, sagte er.

 

[Boris Kaminski wurde als Kind von seinem Tennistrainer sexuell missbraucht. Auf dem Fachtag hat er über seine Erlebnisse gesprochen.]

 

„Ich hatte keine Hilfe. Ich wusste nicht, wie ich da rauskommen soll.“ Als er sich zum ersten Mal wehrte, soll der Trainer ihn mit einem heißen Bügeleisen verletzt haben. Zudem übte er finanziellen und auch emotionalen Druck aus. „Mit 13 habe ich die Beziehung beendet“, sagte Kaminski, der das Wort „Beziehung“ dabei ganz bewusst wählte. Die Konsequenz: er flog aus der Förderung. Kaminski ist davon überzeugt, dass es in dem System Menschen gab, die von den Taten seines Trainers wussten. „2017 fing für mich die Aufarbeitungsphase an“, sagte der 48-Jährige, der auch Mitglied im Betroffenenrat UBSKM (Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen) ist.

 

Etwa eine Stunde sprach Kaminski über seine Kindheit und Jugend und wie sich das Erlebte auf sein weiteres Leben ausgewirkt hat. Über 150 Betroffene sollen sich in den vergangenen Jahren an ihn gewandt haben und ihm ihre Missbrauchsgeschichten aus der Kindheit erzählt haben. Wichtig sei, eine unabhängige Anlaufstelle zu haben. Kaminski appellierte dafür, „mit offenen Augen durch die Welt zu gehen“ und mutig zu handeln. Dass Trainer Kinder abholen oder nach Hause fahren, lehnt er ab, ebenso, dass sich Trainer in Umkleiden aufhalten, während die Kinder und Jugendlichen sich umziehen. Kritisch sieht er auch Gespräche unter vier Augen, befürwortet stattdessen das Sechs-Augen-Prinzip. Und er befürwortet, dass es in Vereinen eine Ansprechperson für das Thema geben soll – aber diese müsse den Kindern und Jugendlichen durch persönliche Kontakte auch bekannt sein.

 

Boris Kaminskis Geschichte ließ nicht unberührt. Nach einer Pause sprachen Birgit Wetter-Kürten und Melina Kyranoudis von den Fachberatungsstellen über den Umgang mit Betroffenen bei Grenzverletzungen, Übergriffen und auch sexualisierter Gewalt. Justus Walbrühl, Fachkraft sexualisierte Gewalt beim Fußballverband-Mittelrhein, berichtete aus der Sicht des organisierten Sports über die wichtigsten Schritte, die Sportvereine vornehmen sollten, um mit sexualisierter Gewalt umzugehen bzw. diese zu verhindern. Nancy Friske, freiberufliche Referentin für den Landessportbund NRW, sprach über die Unterstützungsmöglichkeiten durch den Kreissportbund Oberberg und Dieter Brüning, Vorsitzender des VfL Gummersbach, über die bisher erfolgten Schritte zum Qualitätsbündnis zum Schutz vor Gewalt im Sport.

 

[Die Referenten der Veranstaltung (v.l.): Justus Walbrühl (Koordinierungsstelle für Prävention sexualisierter Gewalt beim Fußballverband Mittelrhein), Christof Kelzenberg (Moderator), Nancy Friske (Freiberufliche Referentin), Anja Lepperhoff (KSB-Geschäftsführerin), Dieter Brüning (Vorsitzender VfL Gummersbach), Birgit Wetter-Kürten (Fachberaterin im „Haus für Alle“, Waldbröl) und Uwe Köster (Mitarbeiter der Beratungsstelle „Der Baumhof“, Gummersbach).

 

Ergänzt wurde das Programm von einem „Markt der Möglichkeiten“. Neben dem Kreissportbund Oberberg, dem Kriminalkommissariat Prävention und Opferschutz der oberbergischen Polizei, dem Weißen Ring Oberberg und den Fachberatungsstellen bei Sexualisierter Gewalt im Oberbergischen Kreis haben dabei auch die Jugendämter der Stadt Gummersbach, des Oberbergischen Kreises, der Stadt Radevormwald, der Stadt Wiehl und der Stadt Wipperfürth sich und ihre Unterstützungsangebote vorgestellt.

 

Der Fachtag solle Orientierung geben und Wissen und Sicherheit vermitteln, sagte Hagen Jobi. „Sexuelle Gewalt darf kein Tabu mehr sein“, machte der KSB-Vorsitzende deutlich. „Ich weiß, wie schwer sich der Sport tut, auch Konsequenzen zu ziehen“, sagte Uwe Köster, Mitarbeiter der Beratungsstelle „Der Baumhof“ und ehemaliger Kriminalbeamter. Er sprach etwa über Unsicherheiten und Loyalitätskonflikte, aber auch über eine „kriminelle Empathie“ der Täter. „Viele dieser Menschen sind sehr empathisch“, erklärte er. Und viele Kinder und Jugendliche sind mit gravierenden Schwierigkeiten konfrontiert, vielleicht weil die Eltern getrennt sind oder sie in der Schule gemobbt werden. „Aber der Trainer hört ihnen zu“, schilderte er.

 

Wie Anja Lepperhoff erklärte, sind bestimmte Fördergelder an die Entwicklung von Schutzkonzepten in Vereinen geknüpft. Das gelte ab dem kommenden Schuljahr für FSJ- und BFD-Einsatzstellen sowie Vereine, die KJFP-Mittel (Kinder- und Jugendförderplan) erhalten. Dieter Brüning befürwortet das. Vor zwei Jahren sei der VfL auf einer Veranstaltung des KSB mit dem Thema konfrontiert worden; Brüning habe sich dem Thema ganz persönlich angenommen. „Das Schutzkonzept haben wir fertig“, sagte er, sodass der VfL Ende des Jahres in das Qualitätsbündnis zum Schutz vor sexualisierter und interpersoneller Gewalt im Sport eintreten kann. Vorgekommen seien derartige Fälle beim VfL noch nicht, sagte Brüning. „Aber wenn, dann wissen wir, wie wir damit umgehen müssen.“

 

[Rund 150 Personen waren beim Fachtag im Krawinkelsaal und haben symbolisch Schutzschirme für Kinder und Jugendliche aufgespannt.]

 

Der Fachtag hat am 18. November und damit am Europäischen Tag zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch stattgefunden. Weitere Informationen und eine Broschüre des KSB zu diesem Thema sind hier zu finden. „Jeder Junge und jedes Mädchen sind es wert, dass wir uns heute mit diesem Thema beschäftigen“, sagte Anja Lepperhoff. Damit Kinder und Jugendliche auch im Sport sicher sind.

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