SPORTMIX
Mit viel PS und einer kleinen Portion Wahnsinn auf der Pulling-Strecke
Reichshof – Familie Kaßner aus Freckhausen hat ein Hobby der besonderen Art - Beim „Garden Pulling“ räumen sie einen Preis nach dem anderen ab.
Von Josephine Tscheliesnigg
Wir schreiben das Jahr 2007: René Kaßner ist zwölf Jahre alt und entdeckt dank seines Papas Stefan und einer Veranstaltung im Münsterland seine neue Leidenschaft. Große Motoren, viel PS – ein Wettkampf der anderen Art. Beim „Garden Pulling“ geht es darum, mit einem Trecker der „Marke Eigenbau“ den sogenannten „Full Pull“ zu erreichen. Erschwert wird dies durch einen Bremswagen, der an den umgebauten Trecker des Teilnehmers angehangen wird. Durch stets unterschiedliche Beschaffenheiten der Strecken und wechselnden Wetterbedingungen, muss je nach Situation der Fahrstil angepasst werden, um es bestmöglich ins Ziel zu schaffen.
Alle Teilnehmer, die den „Full Pull“ erreicht haben, treten im Finale gegeneinander an und dann heißt es: Wer am weitesten kommt, gewinnt. Selbst nach einigen Jahren im Sport, passiert es jedoch auch schonmal, dass man sich während eines Rennens verschätzt. „Du fährst 500 Kilometer durch Deutschland, legst einmal den falschen Gang ein, verballastierst dich und fährst dann mit dem achten Platz nachhause. Das gehört auch dazu“, merkt René an.
[Der Trecker von René Kaßner während des Aufbaus.]
Es ist ein Hobby, das die Familie Kaßner aus Reichshof-Freckhausen vereint: Die Begeisterung für den Sport lieferte damals Papa Stefan. Schnell sprang der Funke auch auf seine Kinder über. Erst packte es Sohn René, kurz darauf dann auch Tochter Denise. Mama Karola ist mittlerweile der liebevoll genannte „Caterer“ der Familie und versorgt sie alle abseits der Strecke. Vor allem in den kleineren Klassen, die nicht als Profi-Sport gelten, herrsche eine familiäre Stimmung, so Denise. „Man tritt nur auf der Bahn gegeneinander an und abends trinkt man dann zusammen ein Bierchen. Jeder hilft jedem, denn der Wettkampf wird erst auf der Strecke ausgetragen.“ Trotz des großen familiären Zusammenhalts gerät man auch schonmal aneinander – vor allem während besonders stressigen Zeiten kurz vor den Wettkämpfen. „Dann ist der Geduldsfaden manchmal recht kurz“, merkt Schwester Denise an. „Vor allem wenn die Jungs sich nicht eins sind welche Idee besser ist.“
Die Geschwister sind mit ganzem Herzen bei der Sache. Fasziniert ist René vor allem von der Möglichkeit, sich „technisch austoben“ zu können: „Man kann sich selbst etwas überlegen, etwas konstruieren und damit gegen andere antreten, um zu sehen wer der bessere ist. Für Denise ist es vor allem die Gemeinschaft im Sport, die sie so begeistert: „Man lernt viele Leute kennen aus den unterschiedlichsten Teilen Deutschlands und entwickelt dadurch viele Freundschaften.“
Dass hinter dem Hobby viel mehr steckt als nur das „Treckerfahren“, macht es für René so besonders. „Man stempelt es schnell ab, aber es geht ja nicht nur ums Fahren, sondern auch ums Bauen. Man muss sich mit den verschiedensten Gewerken auseinandersetzen, das gerät schnell in Vergessenheit, wenn der Name ‚Traktor‘ fällt.“ Vom Motorenbau, über das Programmieren der Steuerung, bis hin zum Stahl- und Metallbau – alles Marke Eigenbau. „Du kannst nichts von der Stange kaufen, das macht es so speziell“, erzählt er.
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[Denise Kaßner bei einem Wettkampf in Hessen mit ihrem Trecker „Little Fox“.]
Doch das schlägt sich auch in den Kosten nieder. „Bei den kleinen Klassen kann man sich das noch aus dem privaten Geldbeutel leisten, aber trotzdem muss man abwägen, was man als nächstes angeht. Man arbeitet auf ein Ziel hin“, so René. Preise für diese Art von Traktoren starten schon ab 5.000 Euro – doch es kann auch schnell weit darüber hinausgehen. Für Fahrzeuge in seiner Klasse legt man auch gerne mal 25.000 bis 28.000 Euro hin. „Es geht immer darum: ‚Will ich mitfahren oder vorne fahren?‘“, macht er deutlich.
Der größte Kostenpunkt seien vor allem anstehende Reparaturen sowie der Transport zu den Veranstaltungen. Diese finden jedoch nur über die Sommermonate statt – im Winter heißt es daher: Wartungsarbeiten durchführen und Optimierungen einarbeiten. Motor raus, Komponenten prüfen, Verschleißteile austauschen. Zwei bis drei Wochen vor dem ersten Meisterschaftslauf können die Änderungen dann beim „Test & Tune“-Event unter reellen Bedingungen ein erstes Mal getestet werden. „Man kann vieles optimieren: andere Nockenwellen, anderes Profil, Reifen nachschneiden oder auch die Raddrehzahl verändern. „Auch den Motor kann man grundsätzlich immer höher züchten, aber das geht auf die Konsistenz“, erklärt René. Es gehört viel dazu, um dieses Hobby ausführen zu können. Am wichtigsten ist allerdings Leidenschaft – dann folgen auch Siege.
Die Geschwister haben bereits so einige Wettkämpfe für sich entscheiden können und sind mehrfach Deutscher Meister geworden. Auch den Europameistertitel haben sie 2012 gewonnen. In diesem Jahr konnten sie sich erneut für die EM qualifizieren. Wenn sie im nächsten Jahr ausgetragen wird, sind die Kaßners definitiv mit von der Partie und geben auf der Pulling-Strecke aus Leidenschaft und mit ihren Treckern alles.
Aktuelle Informationen rund um die Wettkämpfe des Pulling-Teams gibt es hier.

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