SOZIALES
Vier Jahre Krieg: „Wir stehen das weiter durch“
Oberberg – Heute vor vier Jahren hat Russland die Ukraine angegriffen – Zwischen Ohnmacht und Menschlichkeit – Ukraine-Hilfe der Caritas besteht nach wie vor.
Heute vor vier Jahren hat Russland seinen Angriff auf die Ukraine gestartet. Der 24. Februar 2022 ist in die Geschichtsbücher eingegangen. Damals hat wohl kaum jemand gedacht, dass der Krieg in der Ukraine bis heute andauern wird. Seit vier Jahren gibt es wieder Krieg in Europa. Vier Jahre, in denen unzählige Menschen ihr Leben verloren haben, Häuser und Städte zerstört worden sind und Millionen von Ukrainern ins Ausland geflohen sind. Einige Tausend von ihnen haben im Oberbergischen ein zweites Zuhause gefunden. Und viele Oberberger haben geholfen – den Menschen, die hier angekommen sind, aber auch den Ukrainern, die in ihrem Land geblieben sind.
„Ich weiß noch genau, wie ich am Morgen des 24. Februar mit ein paar Kolleginnen in einer Besprechung saß“, erinnerte sich Andrea Missbrandt gestern in einem Gespräch mit OA. Missbrandt arbeitet schon seit vielen Jahren bei der oberbergischen Caritas, leitet dort das Projekt „Menschen stärken Menschen“. Eigentlich hatten sie eine klare Tagesordnung vor sich; im Kopf waren aber die Nachrichten vom Angriff auf die Ukraine sowie Bilder von fliehenden Menschen und zerstörten Gebäuden. Ein Gefühl von Ohnmacht und Fassungslosigkeit machte sich breit, ebenso wie der Wunsch zu helfen. „Aber wie genau, wussten wir da noch nicht“, erzählte Andrea Missbrandt.
Ende Februar ist ihr in den Sozialen Medien immer wieder der Name Valentyna Butulay begegnet, die schon seit vielen Jahren in Gummersbach lebt, ursprünglich aus der Ukraine kommt. Auch sie war erschüttert von den Nachrichten und Bildern, die sie aus ihrem Heimatland erreichten. Und auch sie wollte unbedingt etwas tun, sammelte Spenden für die vom Krieg betroffenen Menschen. Kurzerhand nahm Andrea Missbrandt Kontakt zu ihr auf. Mit der Zeit ist daraus eine große Spenden- und Hilfsaktion für die Menschen in und aus der Ukraine geworden. Unter anderem wurden seitdem über 60 LKW beladen mit Hilfsgütern in die Ukraine geschickt. „Und ich hätte nie gedacht, dass ich vier Jahre später noch immer damit beschäftigt sein würde“, erzählte Missbrandt.
Ein weiterer LKW beladen mit Hilfsgütern ist gerade unterwegs. „Eigentlich sollte der sich schon im Dezember auf den Weg machen, aber da wollte ihn niemand fahren. In der Ukraine gab es teilweise minus 20 Grad, viel Schnee und Glätte. Das ist der stärkste Winter seit langer Zeit“, sagte Valentyna Butulay. Dazu kommen die ständigen Bombardierungen und die Zerstörungen der Infrastruktur. Dass Multimilliardär Elon Musk Russland vor Kurzem den Zugriff zum Satellitensystem Starlink abgeschaltet habe, scheint sich aber schon bemerkbar zu machen. Zwar würde das Land immer noch von Drohnen erreicht werden, sagte Butulay, „aber es ist ruhiger geworden“. Und die langsam steigenden Temperaturen würden ihr Übriges tun. „Das Leben kommt wieder – und es wird viel repariert.“
Als die ersten Ukrainerinnen kurz nach Kriegsbeginn im Oberbergischen angekommen sind, „ging es ums nackte Überleben“, sagte Missbrandt. Im Vordergrund standen ganz essentielle Bedürfnisse wie ein Dach über den Kopf zu haben und die Kinder mit Essen versorgen zu können. „Das ist heute nicht mehr so. Heute sind andere Themen präsent wie die berufliche Selbstverwirklichung oder auch ‚Frauenthemen im Allgemeinen‘“, erzählte sie. Doch der Krieg macht vor persönlichen Schicksalen nicht Halt. „Viele schaffen die Trennung nicht, wenn der Mann in der Ukraine lebt und die Frau hier. Da sind schon viele Ehen kaputtgegangen“, erzählte Butulay. Aber: „Hier sind auch schon viele Ehen geschlossen worden – zwischen Ukrainern oder auch interkulturell. Und es wurden auch schon Kinder hier geboren.“
Viele Ukraine leben in zwei Welten – verfolgen die Ereignisse in der Heimat und bewältigen ihren Alltag in Deutschland. „Sie wollen Normalität erleben und dazugehören“, sagte Caritas-Direktor Andreas Rostalski. Dabei kommen auch diverse Themen zur Sprache, so etwa die wirtschaftliche Lage der Ukraine, die diskutierte Präsidentschaftswahl oder auch, wo sie für sich eine Zukunft sehen. Während die einen zurück in die Ukraine möchten, möchten viele andere in Deutschland bleiben – und da gibt es auch in vielen Familien Uneinigkeit. Eines sei laut Valentyna Butulay aber klar: „Egal mit wem ich spreche: alle sagen, wir stehen das weiter durch.“
In den vier Jahren sind bei der Caritas für die Ukraine-Hilfe rund 180.000 Euro zusammengekommen, sagte Caritas-Direktor Andreas Rostalski. Enorm sei aber vor allem der Umfang der Sachspenden gewesen. Unterstützt wurde die Aktion nicht zuletzt vom ehemaligen Caritas-Direktor Peter Rothausen, der im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen ist. „Aber wir machen weiter“, betonte sein Nachfolger – denn die Hilfe werde nach wie vor gebraucht. Unterstützt werden dabei vor allem zwei Organisationen: die „Dorohi Dobra“ in Kiew und die „Bank Dobra“ in Zhytomyr. Seit Dezember sei die Spendenbereitschaft wieder etwas gestiegen, erzählte Missbrandt. „Ob das an Weihnachten oder der Kälte lag, wissen wir nicht.“
Dass unter den Menschen, die auf die Ukraine-Hilfe der Caritas aufmerksam werden, auch viele Leute sind, die außerhalb des Oberbergischen leben, zeige, wie außergewöhnlich die Aktion ist. So wird die Caritas beispielsweise im April 20 Pflegebetten aus einem Kölner Pflegeheim erhalten, um sie in die Ukraine zu bringen. Eine Herausforderung sei dabei, den Transport zu stemmen. „Wir brauchen zwischen 3.000 und 4.000 Euro, um einen LKW in die Ukraine schicken zu können“, sagte Rostalski. Aus diesem Grund sei die Caritas auch auf Geldspenden angewiesen. Darüber hinaus werden auch Decken, Kleidung, Pflegeprodukte, Verbandskästen und Medikamente benötigt. „Die Packungen dürfen auch angebrochen sein“, erklärte Butulay.
Wer Sachspenden abgeben möchte, kann sich dafür unter der Tel.: 0151/40 03 09 68 bei Valentyna Butulay melden. Geldspenden sind möglich auf das Spendenkonto der Caritas Oberberg mit der IBAN DE45 3845 0000 0000 2210 10 und dem Verwendungszweck „Ukraine“. Valentyna Butulay, Andrea Missbrandt und Andreas Rostalski sind äußerst dankbar für die Unterstützung des Projektes. „Ohne die Oberberger würde das nicht gehen“, sagte Andrea Missbrandt. Mittlerweile würden sich auch viele Ukrainer, die nach ihrer Ankunft Hilfe erhalten haben, selbst engagieren. Dazu gehören auch „meine beiden Brüder Yurii Butulay und Vladyslav Mychka“, erzählte Butulay. In Erinnerung an die ersten Momente nach Kriegsbeginn sagte Missbrandt abschließend doch etwas hoffnungsvoll: „Aus einem Moment der Ohnmacht ist eine Bewegung der Menschlichkeit geworden.“
KOMMENTARE
Jeder Nutzer dieser Kommentar-Funktion darf seine Meinung frei äußern, solange er niemanden beleidigt oder beschimpft. Sachlichkeit ist das Gebot. Wenn Sie auf Meinungen treffen, die Ihren Ansichten nicht entsprechen, sehen Sie von persönlichen Angriffen ab. Die Einstellung folgender Inhalte ist nicht zulässig: Inhalte, die vorsätzlich unsachlich oder unwahr sind, Urheberrechte oder sonstige Rechte Dritter verletzen oder verletzen könnten, pornographische, sittenwidrige oder sonstige anstößige Elemente sowie Beschimpfungen, Beleidigungen, die illegale und ethisch-moralisch problematische Inhalte enthalten, Jugendliche gefährden, beeinträchtigen oder nachhaltig schädigen könnten, strafbarer oder verleumderischer Art sind, verfassungsfeindlich oder extremistisch sind oder von verbotenen Gruppierungen stammen.Links zu fremden Internetseiten werden nicht veröffentlicht. Die Verantwortung für die eingestellten Inhalte sowie mögliche Konsequenzen tragen die User bzw. deren gesetzliche Vertreter selbst. OA kann nicht für den Inhalt der jeweiligen Beiträge verantwortlich gemacht werden. Wir behalten uns vor, Beiträge zu kürzen oder nicht zu veröffentlichen.