SOZIALES
Mehr als 10.000 Beratungen in 30 Jahren – und der Bedarf bleibt hoch
Oberberg – Der Gummersbacher Verein nina+nico feiert Geburtstag – Viel Arbeit für die Beratungsstelle für von Gewalt betroffene Mädchen, Jungen und Frauen – Spenden bleiben entscheidend – Tag der offenen Tür im September.
Von Lars Weber
Relevanter und wichtiger denn je, auch nach 30 Jahren Arbeit: Der Verein nina+nico hat sein Jubiläum in diesem Jahr zum Anlass genommen, im Rahmen eines Pressegesprächs auf die Historie der Beratungsstelle für von sexualisierter, psychischer und physischer Gewalt betroffene Mädchen, Jungen und Frauen zu schauen, auf aktuelle Entwicklungen einzugehen und einen Blick in die Zukunft zu werfen. Auch der Gummersbacher Bürgermeister Raoul Halding-Hoppenheit nahm an dem Termin teil. Nachdem sie an den Start gegangen seien, hätten sie gehofft, dass man sie vielleicht bald nicht mehr benötigt, sagte die Vorsitzende Monica Weispfennig. Doch dies war ein Trugschluss. Die Beratungszahlen sind auf konstant hohem Niveau, was auch Bürgermeister Halding-Hoppenheit bestätigen konnte. „Auch beim Jugendamt ist die Fallzahlenentwicklung erschreckend.“ Prävention, Aufklärung, Beratung – es ist wichtig, über die Themen zu sprechen. Dazu soll auch ein Tag der offenen Tür im September dienen, mit dem das 30-jährige Bestehen gefeiert werden soll.
Nina+nico wurde bereits 1991 als eine Beratungsstelle für von Gewalt betroffene Mädchen, Jungen und Frauen von der damaligen Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Gummersbach initiiert, schaute Weispfennig zurück. Zunächst gab es sogar Häme für die Idee. Sexualisierte Gewalt im ländlichen Raum? Das sollte es hier nicht geben. Doch die Anfragen kamen. Und als diese sich aus dem gesamten Kreisgebiet häuften, und sich die Stadt Gummersbach aus der Finanzierung herauszog, gründete sie zusammen mit sieben Frauen 1996 den gemeinnützigen Verein. Getragen wurde der Verein vor allem von vielen ehrenamtlich tätigen Frauen, nur eine auf Honorarbasis angestellte Beraterin gab es, die einmal pro Woche eine offene Beratungsstunde in den Räumen des Bruno Goller-Hauses anbot und Beratungen an verschiedenen Gummersbacher Schulen durchführte. Inzwischen sind die Räume von nina+nico in Niederseßmar in der Kölner Straße 316. Dank einer Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen und der Jugendämter gibt es seit 2022 drei fest angestellte Beraterinnen, dazu kommen unter anderem sechs auf Honorarbasis angestellte Frauen. „Das hätte uns am Anfang niemand zugetraut“, sagt Weispfennig.
Das Aufgabenfeld ist vielfältig und anspruchsvoll, wie der Vorstand des Vereins berichtet. Neben Weispfennig gehören Dagmar Steinmann und seit Februar auch Nina Sommer, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Gummersbach, dazu. Beraten werden Mädchen, Jungen und Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, unterstützt werden auch Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher. Dazu gehen Beraterinnen an Schulen und auch in Kitas, man kooperiert zudem Institutionen, Verbänden, Psychotherapeuten, Ärzten, Rechtsanwälten, der Polizei, den Jugendämtern, den anderen Beratungsstellen im Kreis oder auch dem "Weißen Ring". Besonders die Fälle sexualisierter Gewalt nehmen einen großen Teil in der Arbeit ein (siehe Kasten), vor allem während der Pandemie, als die Familien zu Hause viel Zeit verbrachten mit nur wenigen Kontakten, habe sich die Zahl drastisch erhöht, erklärt Weispfennig.
Andrea Oltmann ist die pädagogische Leiterin bei nina+nico. Sie berichtet, dass die Fälle immer komplexer werden. Polizei und Gerichte sind häufig bereits Teil davon, manchmal lebt ein Elternteil im Ausland, auch mit Kinderpornoringen habe man es zu tun. „Es geht um Gewalt in ungeahnten Ausmaß, das hat heftige Dimensionen angenommen“, sagt sie. Teils arbeite man deshalb auch zu zweit an Fällen. Zudem sei es essentiell, dass die Mitarbeiterin des Vereins aufeinander aufpassen, es gibt regelmäßige Supervision. „Wir versuchen, uns im Team aufzufangen.“
Mehr als 10.000 Beratungen in 30 Jahren
Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1999 gab es bis Ende 2025 für den Bereich Gummersbach, Bergneustadt, Marienheide, Wiehl, Reichshof, Waldbröl, Morsbach, Engelskirchen sowie vereinzelt Lindlar und Wipperfürth 10.105 Beratungen. Allein für Gummersbacher gab es in diesem Zeitraum 2.697. Im vergangenen Jahr waren es 60, mehr als die Hälfte in dem Bereich sexualisierte Gewalt, gefolgt von den Bereichen familiäre Probleme, persönliche Konflikte, schulische Probleme und körperliche Gewalt.
Wer eine Beratung benötigt, macht einen Termin mit dem Verein aus. Es gibt keine offene Sprechstunde. So wird die Anonymität und der sichere Raum sichergestellt. Erstberatung dauern im Durchschnitt rund eine Stunde. Oft seien zwischen 15 bis 20 oder mehr Beratungen in einem Fall notwendig, um den Betroffenen zu helfen. Die meisten werden vom Verein kostenlos getragen.
Von den beratenen Personen waren 4.600 Mädchen und junge Frauen sowie 1.487 Jungen und junge Männer bis 21 Jahre. Erwachsen waren 2.722 Personen, die meisten von ihnen Frauen. Zudem wurden 1.292 Pädagoginnen und Pädagogen beraten. Durch die regelmäßigen Klasseninformationen sowie die vom Verein unterstützten Theaterstücke zum Thema Missbrauch und Gewalt seien zudem mehr als 37.000 Kinder und Jugendliche erreicht worden, um sie über ihre Rechte zu informieren sich bei körperlichen, verbalen oder sexuellen Übergriffen Rat und Hilfe zu holen und sie über weitere Themen, wie zum Beispiel Magersucht, Gefahren im Internet, K-O-Tropfen oder Cyber-Mobbing aufzuklären.
Immer ein Thema: die Finanzierung des Vereins, weshalb Weispfennig über die Jahre schon so manche Sorgen gehabt hat. Da nur wenige Kräfte über die Förderung finanziert werden, muss der Verein das nötige Geld für Honorare, Materialien, Miete und Nebenkosten - im Jahr sind es 100.000 Euro - selbst aufbringen. Sie sind dabei auf Spenden angewiesen. Die nötigen Informationen dazu gibt es hier. Auch wer Mitglied werden möchte, findet dort eine Beitrittserklärung.
Zukünftig kann sich der Verein vorstellen, auch in der Beratung von volljährigen übergriffigen Tatverdächtigen aktiv zu werden. Dafür habe man sich auf eine Förderung beworben. Allerdings müsse man dann eine klare räumliche Trennung sicherstellen. Die Mädchen, Jungen und Frauen, die zu ihnen kommen, sollen in den Räumen nur auf das Team des Vereins treffen. Eine mobile Beratungsmöglichkeit sei zum Beispiel denkbar, wenn der Förderantrag Erfolg haben sollte.
Das Team von nina+nico sieht aktuell nicht, dass die Fallzahlen weniger werden könnten. Gerade Themen wie Künstliche Intelligenz in Verbindung mit dem Internet und Sozialen Medien haben sexualisierte Gewalt in weiteren Formen gefördert. „Alles ist manipulierbar“, sagt Oltmann. Da sei viel Intervention, Prävention und Beratung nötig. Besonders in der Ansprache männlicher Jugendliche sieht Mitarbeiterin Renate Resch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. „Sie müssen früh abgeholt werden.“ Die jungen Männer probieren viel aus, kennen die Regeln nicht. Im Prinzip seien viele zunächst selbst Opfer. „Das kippt aber schnell zu einem Täterdasein.“ Präventive Programme aber in diesem Bereich gibt es praktisch nicht.
Viel zu diskutieren und viel zu erfahren gibt es dann am 24. September, wenn nina+nico einen Tag der offenen Tür in der Kölner Straße 316 veranstaltet, um den 30. Geburtstag zu feiern. Es wird dabei auch Angebote für Kinder und Jugendliche geben. Weitere Informationen dazu sollen noch folgen. Mehr über den Verein gibt es hier.