SOZIALES

Ein Anker bei Gewalterfahrungen

ks; 05.06.2021, 09:00 Uhr
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Fotos: Michael Kleinjung --- Jutta Ringsdorf (v.li.), Monica Weispfennig und Dagmar Steinmann engagieren sich als Vorstandsfrauen für den Verein nina+nico.
SOZIALES

Ein Anker bei Gewalterfahrungen

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ks; 05.06.2021, 09:00 Uhr
Oberberg – Seit der Gründung vor 25 Jahren wurden beim Verein nina+nico über 8.000 Einzelberatungen durchgeführt.

Anfang der 1990er Jahre gab es im Oberbergischen keine Beratungsstelle für Mädchen, Jungen und Frauen, die Gewalterfahrungen machen mussten. Die damalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Gummersbach setzte sich für eine derartige Einrichtung ein – mit Erfolg: 1991 wurde nina+nico ins Leben gerufen. „Doch die Anfragen kamen aus dem gesamten Kreisgebiet, sodass sich die Stadt Gummersbach aus der Finanzierung herauszog“, schildert Monica Weispfennig. Gemeinsam mit acht weiteren Frauen gründete sie 1996 den gemeinnützigen Verein nina+nico: „Dafür sind wir ausgelacht worden. Die Leute meinten, dass es ‚so etwas‘ nicht in Oberberg gäbe.“

 

[Monica Weispfennig freut sich über die gewachsene Akzeptanz des Vereins und seiner Arbeit.]

 

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. In den vergangenen 25 Jahren haben die engagierten Frauen über 8.000 Einzelberatungen durchgeführt. Zwischen 360 und 500 Fälle erreichen den Verein  mittlerweile im Jahr. „Bei mehr als einem Drittel der Fälle haben die Betroffenen sexualisierte Gewalt erfahren“, sagt Vorstandsmitglied Weispfennig. Aber auch physische und psychische Gewalt, familiäre oder schulische Probleme, Cybermobbing, Gefahren im Internet, der Missbrauch von K.-o.-Tropfen oder auch Magersucht seien immer wieder Thema: „Mit den Jahren sind auch Probleme hinzugekommen, an die man in den 1990ern noch gar nicht gedacht hat.“

 

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Auch die Zahl der Anrufe sei seit Bestehen von nina+nico gestiegen – zuletzt in der Pandemie: „Zwar durften wir in den vergangenen Monaten aufgrund der Corona-Einschränkungen nicht mehr in den Schulen arbeiten, aber die Anrufe haben sich mehr als verdreifacht.“ Hinter verschlossenen Türen seien Kinder und Frauen mit Gewalt konfrontiert worden. „Der Druck, der vor der Pandemie latenter da war, wurde verstärkt“, meint Weispfennig und stellt klar, dass die psychische Gewalt dabei nicht unterschätzt werden darf: „Ein Mensch kann durch psychische Gewalt so klein gemacht werden, dass das zum Suizid führt.“

 

Neben dem Beraten und Unterstützen der Betroffenen leistet nina+nico Aufklärungsarbeit und bietet Informationsveranstaltungen in Schulklassen und sogar Kindergärten an. Hierbei entstehen für die Kinder wertvolle Kontakte, die sie im Bedarfsfall nutzen können. „Die jüngeren Betroffenen im Alter ab zehn Jahren kommen oftmals mit kleineren Problemen zu uns. Sobald sie das Gefühl haben, dass wir absolut verschwiegen sind und sie Vertrauen gefasst haben, öffnen sie sich. Aber auch ältere Frauen, zum Teil in meinem Alter, suchen nach einer Traumaberatung oder Hilfe, weil sie laut Krankenkasse als austherapiert gelten“, schildert die 72-Jährige.

 

In den Räumlichkeiten des Vereins wurde vor sechs Jahren einen Arbeitsraum für eine Resilienzberatung eingerichtet. Die Beraterin arbeite vor allem mit Kindern im Vorschul- sowie Grundschulalter, die aufgrund Erlebter sexueller Gewalt oder schwerer Misshandlungen ‚verstummt‘ oder für das Erlebte noch gar keine Sprache entwickelt haben. Fast 80 Kinder haben diese Hilfe im vergangenen Jahr in Anspruch genommen. „Mit der Zeit finden die Kinder ihre Stärke wieder“, freut sich Weispfennig und ergänzt, über ein Notfalltelefon tagtäglich rund um die Uhr erreichbar zu sein: „Manchmal müssen wir sofort reagieren und Kinder mit Unterstützung des Jugendamtes aus den Familien holen.“

 

Mit den gestiegenen Aufgaben sei auch das Team in den vergangenen 25 Jahren gewachsen. Während sich die Beratungsstelle anfänglich durch viele ehrenamtlich tätige Frauen ausgezeichnet habe, sind heute neben den drei ehrenamtlichen Vorstandsfrauen sieben Beraterinnen aktiv, die auf Honorarbasis angestellt sind. „Die Frauen verfügen allesamt über eine sozial-pädagogische Fachausbildung sowie spezielle Zusatzausbildungen im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit“, fasst Weispfennig zusammen. Doch diese Arbeit muss auch finanziert werden. „Um das leisten zu können, brauchen wir im Jahr etwa 65.000 bis 70.000 Euro“, stellt das Vorstandsmitglied klar. Durch Zahlungen des Kreises sowie der Gleichstellungsbeauftragten von Wiehl und Waldbröl stünden dem Verein rund 10.000 Euro zur Verfügung. Der Rest muss durch die Einnahme von Spenden gedeckt werden.

 

[Das elfköpfige Team samt Vorstandsfrauen plant, die Jubiläumsfestivitäten im kommenden Jahr nachzuholen.]

 

Weispfennig hat den Verein mitgegründet: „Ich bezeichne nina+nico als mein drittes Kind. Auch wenn die Arbeit manchmal an die Substanz geht und wir an manchen Tagen mit vier oder sogar fünf Fällen konfrontiert werden: Solange ich fit bin, werde ich mich für die Kinder und Frauen einsetzen.“ Sie freut sich, dass Väter heute häufiger im Familienleben integriert sind – und trotzdem sei die Arbeit damit nicht getan: „Ich wünsche mir, dass wir einen anderen Begriff von Erziehung entwickeln. Auch wenn das jetzt etwas klerikal klingt, aber die Erziehung ist unsere heiligste Aufgabe.“ Kinder sollten nicht klein gemacht werden und ohne Gewalt aber mit Vertrauen erzogen werden: „Nur so haben sie die Chance, gesund aufzuwachsen und ein besseres Selbstwertgefühl zu entwickeln.“

 

Spenden für den gemeinnützigen Verein nina+nico können auf folgende Konten überwiesen werden:

 

IBAN DE 22 3845 0000 0000 1965 92 (Sparkasse Gummersbach)

 

IBAN DE 05 3846 2135 7500 6370 18 (Volksbank Oberberg eG)

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