LOKALMIX
Wie mit Kohlesäcken einst ein Stück Demokratie beschützt wurde
Wiehl – In der Stadtbücherei ist aktuell die Ausstellung „Zwischen Flammen und Freiheit – Wenn Worte verboten sind“ zu sehen – Sie beschäftigt sich mit den Bücherverbrennungen 1933 durch die Nationalsozialisten, schlägt aber auch die Brücke in die Gegenwart.
Von Lars Weber
Haltung, Zivilcourage und Meinungsfreiheit rückt die neue Ausstellung „Zwischen Flammen und Freiheit – Wenn Worte verboten sind. Literatur, Widerstand und der Kampf für Demokratie im Nationalsozialismus“ in den Mittelpunkt, die seit Freitag in der Wiehler Stadtbücherei zu sehen ist. Auf 15 Aufstellern werden dabei bislang wenig bekannte Formen des Widerstands gegen die Bücherverbrennungen von 1933 sichtbar gemacht und lokale Ereignisorte mit den Biografien verfolgter Autoren verknüpft. Kurator Jan Schenck aus Küsten in Niedersachsen ist Mitbegründer des Vereins Verbrannte Orte, der es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht hat, die Erinnerung an das Thema der Bücherverbrennungen bei den Nationalsozialisten 1933 wachzuhalten, sondern auch eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Auch angesichts der Wahlergebnisse der laut Verfassungsschutz gesichert rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt wird bei der Ausstellung gefragt: Wie kann die Demokratie heute gestärkt werden?
Rund 20 Besucher kamen am Freitagabend zur Ausstellungseröffnung. Den musikalischen Rahmen bereitete das Duo Zielke & Solh. Schenck führte selbst in die Ausstellung ein. In mehr als 160 Bücherverbrennungen wurden 1933 von den Nationalsozialisten die Werke verfolgter Autoren verbrannt – nicht nur in Großstädten, sondern auch in kleineren Städten oder auf dem Land. Eine Karte ist online einzusehen. Im Oberbergischen ist dort keine Bücherverbrennung verzeichnet. Hunderte der verfolgten Autoren gingen ins Exil, andere tauchten unter oder leisteten Widerstand. Einige von ihnen greift die Ausstellung auf – wie Erich Kästner, der sogar selbst als einer der wenigen betroffenen Autoren mit ansehen musste, wie seine Bücher in die Flammen geworfen wurden. In der Ausstellung steht nun passenderweise „Das Blaue Buch“ Kästners, sein geheimes Kriegstagebuch, direkt neben dem Aufsteller.
Gewidmet wird sich aber in der Ausstellung auch dem Widerstand weniger bekannter Persönlichkeiten wie Bibliothekarinnen oder Buchhändlern, wie bei einem Gespräch am Mittwoch Büchereileiterin Tanja Draube, die stellvertretende Fachbereichsleiterin bei der Stadt Wiehl, Marleen Diederichs, und Lisa Schroeter von der Koordinierungsstelle Netzwerk gegen Rechts im Oberbergischen Kreis erzählten. Das Netzwerk hatte die Ausstellung in den Oberbergischen Kreis geholt und mit der Stadtbücherei in Wiehl den passenden Ort für sie gefunden.
Schon Ende 2023 stellte der Verein Verbrannte Orte in Hückeswagen aus. Nun, drei Jahre später, ist der Themenkomplex des Widerstands hinzugekommen. Tatsächlich mussten Schenck und sein Team viel recherchieren, um Formen des Widerstands gegen die Bücherverbrennungen aufzuspüren. „Es waren häufig eher Aktionen im kleineren oder privaten Rahmen“, erklärt Schroeter. Eingeteilt in die Kategorien Rettung, Verweigerung, Kritik oder Tätlich können sich Interessierte nun durch die Ausstellung hangeln. Es gibt viel zu lesen. Wer aber nicht so viel Zeit mitbringt, der kann sich auch nur mit wenigen Aufstellern beschäftigen. „Jedes Plakat ist in sich abgeschlossen.“
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Zu lesen sind Geschichten wie die von Lina Hilger aus Bad Kreuznach. Die Schulleiterin stellte noch am Tag der Bücherverbrennung auf dem Hof ihrer Schule, an der sie nicht teilnahm, einen Antrag auf vorzeitige Pensionierung. Sie begründete dies mit der Annahme, dass ihre „seit 30 Jahren gewohnten Erziehungsmethoden mit den Erziehungsmethoden der nationalen Revolution“ unvereinbar seien. Oder die Geschichte der Buchhandlung in Dresden, die der erste bekannte Schauplatz einer Bücherverbrennung 1933 war. Bevor die Nationalsozialisten den Laden stürmten, hatten die Inhaber Richard Bellmann und seine Frau mehr als 3.000 Bücher in 20 Kohlesäcken aus der Buchhandlung geschafft. Beim Abtransport halfen Soldaten der Aktion sogar unwissentlich, als sie den Lkw Starthilfe gaben, als er stehenblieb.
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Draube und Diederichs freut es sehr, dass die Ausstellung den Weg in die Wiehler Bücherei gefunden hat. „Sie passt perfekt hierhin. Die Bücherei ist nicht nur ein Ort zum Ausleihen von Büchern, sondern eben auch ein Ort der Begegnung und der Diskussion“, so Diederichs. Um ins Gespräch zu kommen, bieten sich zwei interaktive Aufsteller an. Dort ist die Meinung der Besucher gefragt: Wie kann jeder die Demokratie schützen? Gibt es Widerstand in einer Demokratie? Was macht man selbst? Auf den Aufstellern können sich Interessierte beteiligen.
Zum Konzept der Ausstellung gehört aber auch der Besuch von Schülerinnen und Schülern. In zwei Workshops werden sich diese dann direkt zusammen mit Kurator Jan Schenck in das Thema vertiefen.
Die Ausstellung können sich Interessierte bis zum 2. Oktober zu den Öffnungszeiten der Bücherei anschauen. Weitere Informationen zum Netzwerk gegen Rechts gibt es hier.