LOKALMIX

Wenn der „Strommann“ einfach nicht vorbeikommt

kp; 01.11.2026, 14:00 Uhr
Fotos: Katja Pohl --- Wenn der „Strommann“ einfach nicht vorbeikommt, muss auch eine Fabrikantentochter (Pavla Brandsch) weiter mit Kerzen und Petroleum zurechtkommen.
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Wenn der „Strommann“ einfach nicht vorbeikommt

kp; 01.11.2026, 14:00 Uhr
Bergneustadt – Bei der ersten Taschenlampenführung erlebten die Gäste das Heimatmuseum im Kerzenschein.

Von Katja Pohl

 

Es ist ganz schön dunkel, wenn eine Küche nur von einer Kerze erleuchtet wird, in der Spinnstube das Flämmchen der Petroleumlampe aus Sparsamkeit nur auf die winzigste Stufe heruntergedreht wurde. Wer in einer so schummrigen Küche Äpfel schält, muss schon geschickt mit dem Schälmesser sein, und wer Wolle gleichmäßig, fast ohne Licht spinnen kann, hat ganz sicher sehr viel Übung.

 

[Wer früh aufsteht, darf auch - wie hier der Herr des Hauses, Walter Jordan - früh wieder zu Bett gehen.]

 

Im Bergneustädter Heimatmuseum fand jetzt die erste Taschenlampenführung statt, zu der Museumsleiterin Pavla Brandsch und Hubertus Dan, unterstützt durch Mitglieder des Heimatvereins „Feste Neustadt“, eingeladen hatten. Brandsch und Dan, der oft ehrenamtlich durch das Museum führt, hatten gemeinschaftlich die Idee, den Teilnehmenden ein Stück Geschichte auf diese Weise näherzubringen. So sagte die Museumsleiterin: „Wir wollten zeigen, was es früher bedeutet hat, in der dunkleren Jahreshälfte zu leben und zu arbeiten.“ Und Hubertus Dan erinnerte im Zuge der Führung, beleuchtet von einer Laterne, durch die drei Etagen des Hauses in der Bergneustädter Altstadt daran, dass in mittelalterlichen, aber auch noch in späteren Zeiten Wachskerzen ein Luxus waren, der zumeist dem Klerus vorbehalten war, dass die einzige Lichtquelle im Haus in der Regel die Feuerstelle war.

 

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An einer etwas größeren Feuerstelle startete die Taschenlampenführung denn auch. Schmied Christian Gregorzewski hatte das Feuer ordentlich geschürt und hämmerte kräftig aufs Eisen, als er davon erzählte, dass Schmiede früher wichtig für die Dorfgemeinschaft waren. Da Pferde zur Arbeit unabdingbar waren, wurden gute Hufschmiede immer gebraucht. „Ich kann ganz gut im Dunkeln arbeiten, die Esse leuchtet ja. Und Wärme spendet sie im Winter auch“, erläuterte der Schmied. Weiter ging's für die große Gruppe zum Modell Bergneustadts im Museum, wo Hubertus Dan von den beiden großen Bränden erzählte – um 1742 und 1745 veränderte sich das Stadtbild durch zwei Brandkatastrophen, Steine der alten Stadtmauer wurden zu Fundamenten der neuen Häuser.

 

[Auch bei Schuster Dirk Wintersohl gab es spannende Geschichten und eine echte Schusterkugel.]

 

Wenige Schritte weiter, im Salon, wartete Pavla Brandsch in einem originalen Festtagskleid des späten 19. Jahrhunderts. Das Kleid hat Dr. Ullrich Wimmer, Betreiber des Bergischen Drehorgelmuseums in Kempershöhe, dem Museum vor Jahren geschenkt. „Es stammte von einer seiner Vorfahrinnen“, erläuterte die Museumsleiterin. In ihrer Rolle als Fabrikantentochter aus der Viebahn-Dynastie wartete sie auf „August, den Strommann“ – den Schlosser- und Elektrikermeister August Schürfeld, geboren 1890, der das historische Stromnetz der Stadt maßgeblich mitaufgebaut hat.

 

[Äpfel schälen im Kerzenlicht ist nicht ganz ungefährlich.]

 

Denn Glühbirnen und Lampen, angeschafft in Bonn, waren schon vor Ort, allein, sie leuchteten noch nicht, weil August sich verspätete. Er kam dann auch nicht mehr, aber das machte zumindest den weiterwandernden Gästen nichts, denn im oberen Stockwerk erfuhren sie von Heliane Keller, wie mühselig die Arbeit der Weberinnen und der Spinnerinnen war. Sie entdeckten den Hausherrn, gespielt von Walter Jordan, schnarchend im Bett und leuchteten kurz mit ihren eigenen Taschenlampen in die Schule. Die fanden Lotta (7) und ihre Mutter Anna Haselbach besonders schön. Sie berichtete, sie habe als Grundschülerin einen Tag in dem historischen Klassenzimmer im Museum lernen dürfen und sei von dieser Erfahrung sehr begeistert gewesen. Auch Lotta fand die Schule spannend, ebenso wie die Feuerwehrhelme und die Akteure, die die Führung mit Leben füllten.

 

 

Unterm Dach gehörte dazu auch Schuhmachermeister Dirk Wintersohl, der besondere Leisten vorzeigte. Sie wurden von Schuhmachermeister Heinrich Marenbach einst für ein australisches Zwergkänguru namens Skippy beziehungsweise Pünktchen angefertigt. Besitzerin des putzigen Tieres war Ottilie „Otti“ Rheins, eine eigenwillige und sehr tierliebe Frau aus der Altstadt, die ihrem Känguru Schuhe aus Leder anpassen ließ. Aber auch um die Schusterkugel ging’s, denn die mit Wasser gefüllte Kugel kann das eher diffuse Licht einer Kerze bündeln und so einen hellen Lichtfleck erzeugen.

 

[Nach der Taschenlampenführung waren auch die Akteurinnen und Akteure begeistert davon, wie viel Spaß allen die Idee von Museumsleiterin Pavla Brandsch (hi. stehend) und Hubertus Dan (3. v. li.) gemachte hatte.]

 

Bei Minna, alias Beate Schülter, in der Küche endete der spannende Rundgang. Es gab frisch geschälte Äpfel zum Probieren und die einhellige Meinung, dass diese Führung im Licht von Laterne und Taschenlampe einzigartig war und gerne wiederholt werden darf.