LOKALMIX

Von Bergneustadt ins „Paradies am Rande der Welt“

Red, ks; 08.07.2026, 14:40 Uhr
Foto: Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Archie Stocker --- Reisepass BRD (1956): Im Alter von 21 Jahren kann Archie Stocker sich endlich seinen Traum von der Auswanderung nach Kanada erfüllen. Mit seinem Reisepass ausgestattet macht sich der Büroangestellte an Bord der Arosa Star auf den Weg nach Quebec City.
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Von Bergneustadt ins „Paradies am Rande der Welt“

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Red, ks; 08.07.2026, 14:40 Uhr
Bergneustadt – 1956 ist Karl Achim Stocker nach Kanada ausgewandert – Seine Geschichte ist nun in einer Ausstellung im Bundesrat zu sehen.

Mit „16/16 Geschichten aus dem Deutschen Auswandererhaus“ wird aktuell im Bundesrat in Berlin eine Ausstellung zur langen Migrationsgeschichte Deutschlands gezeigt: Darin werden sechzehn einzigartige Lebenswege vorgestellt – jeder führt in eines der 16 Bundesländer hinein oder aus ihm heraus. Eine der Geschichten, die Ratsmitglieder und Gäste anzieht, ist die Geschichte von Karl Achim „Archie“ Stocker, der einst in Bergneustadt lebte und das Leben im Bergischen Land gegen die Wildnis Kanadas tauschte.

 

Das Paradies am Ende der Welt

 

Das Deutsche Auswandererhaus ist ein Museum in Bremerhaven. In einer Mitteilung des Museums heißt es, dass sich 1947 ein elfjähriger Junge zusammen mit seinem Bruder aus dem elterlichen Haushalt in Bergneustadt geschlichen hat. Die beiden träumen davon, die kleine Stadt im Bergischen Land gegen das Abenteuer der unendlichen, menschenleeren Wälder Kanadas einzutauschen – doch so weit kommen sie nicht. Die Polizei sammelt die beiden an diesem Tag im 150 Kilometer weit entfernten Osnabrück ein und bringt sie heim.

 

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Karl Achim Stocker bewahrt sich den Traum: Im Dezember 1956, neun Jahre später, betritt der junge Mann in Bremerhaven ein Schiff nach Québec. In Kanada angekommen, wird er zunächst Arbeiter in einer Kleidungsfabrik in Vancouver. Doch er „wollte mehr von der Schönheit British Columbias erleben“, so Archie, wie er nun gerufen wird, selbst sagt. So nimmt er verschiedene Jobs an, zunächst in den Wäldern als Tellerwäscher in einem Construction Camp, später in einem Kramladen mit Poststelle. Schließlich verschlägt es ihn 1961 nach Graham Island, eine der Hauptinseln von Haida Gwaii im Nordwesten British Columbias, knapp 750 Kilometer von Vancouver entfernt. Hier arbeitet er in einer Sägemühle, dann an Maschinen und in Trucks in einem Holzfällerlager.

 

Außerdem lernt er Elizabeth („Liz“) kennen, die Angehörige der indigenen Gruppe der Haida ist. Archie und Elizabeth heiraten 1964 und werden Eltern von fünf Kindern. Bis heute lebt Archie Stocker auf Graham Island, seinem „Paradies am Rande der Welt“. Mit seiner Kamera ist Archie auch heute noch unermüdlich unterwegs, um bedeutende Ereignisse und besondere Momente des Gemeinschaftslebens auf Haida Gwaii fotografisch festzuhalten.

 

[Foto: Archie Stocker --- Im August 2022 wird in Old Massett ein neuer Totempfahl vor dem Langhaus des Haida-Künstlers Christian White aufgestellt. Totempfähle, Gyaa`aang genannt, können unterschiedlichen Zwecken dienen: Gemeinschaften zusammenbringen, Abstammungslinien festhalten oder auch Verstorbener gedenken.]

 

Nicht nur ein persönlicher Sehnsuchtsort

 

Nordrhein-Westfalens Auswanderungstradition ist lang: 1683 gründeten Krefelder Mennoniten und Quäker die erste deutschsprachige Siedlung Nordamerikas, „Germantown“. Westfälische Leinenweben und sauerländische Handwerker zog es Mitte des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika, besonders in die USA. Kanada ist bis heute eher seltenes Ziel: Zwischen 2015 und 2024 wanderten dem Museum zufolge 4.300 Menschen aus NRW dorthin aus.

 

Drei Millionen Menschen geben heute in Kanada an, deutsche Wurzeln zu haben. Die Wildnis des Landes lockte lange Pelzjäger und Goldsucher, dafür wurden die Indigenen des Landes Stück um Stück um ihre Rechte gebracht. Erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert entstand ein Umdenken. Bis heute kämpfen die Indigenen um Anerkennung und Entschädigung.

 

Die Ausstellung

 

Heute sind Interviews mit und Fotos und Objekte von „Archie“ Stocker Teil der Sammlung des Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven. Das Museum wurde vom amtierenden Bundesratspräsidenten Dr. Andreas Bovenschulte eingeladen, eine Ausstellung für den Deutschen Bundesrat zu konzipieren. Dabei handelt es sich um eine Auswahl von 16 Biographien aus den über 3.500 Familien- und Lebensgeschichten, die das Museum in seiner stetig wachsenden Sammlung bewahrt.

 

[Zeichnung: Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Prof. Günther Hönn --- Ausstellungsplakat „16/16 Geschichten aus dem Deutschen Auswandererhaus“.]

 

„Die 16 Lebenswege dieser Ausstellung laden dazu ein, Migration aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und ein tieferes Verständnis füreinander zu entwickeln“, betont Bovenschulte. „Sie machen Mut, sich mit Offenheit, Empathie und Neugier auf die Erfahrungen anderer einzulassen und deren Lebenswege nachzuvollziehen.“ Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Oktober 2026 zu sehen und kann im Rahmen von Führungen besucht werden. Informationen zu Terminen und Anmeldung sind auf der Internetseite des Bundesrates verfügbar.

 

Das Deutsche Auswandererhaus

 

Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven sammelt, bewahrt und erzählt am historischen Standort eines der größten europäischen Auswanderungshäfen Biografien und Objekte, die Ein- und Auswanderung erlebbar machen. Seit seiner Gründung im Jahr 2005 ist so eine der bedeutendsten Sammlungen zur Migrationsgeschichte von 1692 bis heute entstanden – mit etwa 35.000 Objekten aus über 50 Ländern. Mit einer partizipativen Dauerausstellung, regelmäßigen Sonderausstellungen und Veranstaltungen ist das Migrationsmuseum ein Ort des Wissens, des Austauschs und der Begegnung.

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