LOKALMIX

Oberbergische Hilfe im Ahrtal – Ein Erlebnisbericht

pn; 31.07.2021, 07:00 Uhr
Fotos: Privat.
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Oberbergische Hilfe im Ahrtal – Ein Erlebnisbericht

pn; 31.07.2021, 07:00 Uhr
Oberberg – Im Katastrophengebiet im Ahrtal sind Tausende Freiwillige unterwegs, um den Anwohnern zu helfen – Auch mehrere Oberberger haben sich auf den Weg gemacht.

Von Peter Notbohm

 

Es sind eindrückliche Bilder, die sich alle Helfern ins Gedächtnis einbrennen. Das idyllische Ahrtal gleicht auch zwei Wochen nach der verheerenden Hochwasserkatastrophe einem Kriegsgebiet. Den Massen an Schutt und Schlamm Herr zu werden, wird noch mehrere Wochen dauern – trotz der riesigen Hilfsbereitschaft seitens vieler Tausender Freiwilliger aus dem gesamten Bundesgebiet.

 

Auch aus dem Oberbergischen haben sich viele Menschen auf den Weg gemacht, um die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten zu unterstützen. Darunter auch eine Gruppe um Sebastian Wenzel, der am Samstag nach dem Unwetter mit einigen Freunden in geselliger Runde im heimischen Garten zusammensaß. Im Gespräch entstand schnell die Idee, dass man doch auch helfen müsse. Eine WhatsApp-Gruppe mit einer handvoll Teilnehmer war zügig gegründet, am Montag wackelte der Plan aufgrund einiger Absage aber bereits wieder.

 

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[Besonders in den Seitenstraßen war anfangs kaum ein Durchkommen.]

 

Doch die noble Idee machte im Bekanntenkreis schnell die Runde, sodass sich letztlich doch 15 Männer und Frauen zusammenfanden, um sich als freiwillige Helfer auf den Weg zu machen. Darunter auch Daniel Wenzlau, mit dem Oberberg-Aktuell über die Erlebnisse der Gruppe vor Ort gesprochen hat. Und was die Gruppe, die weitgehend aus Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr bestand, innerhalb kürzester Zeit auf die Beine stellte, liest sich durchaus beeindruckend. Denn dank der Unterstützung mehrerer oberbergischer Unternehmen reiste der Tross mit zwei Radladern (Firma Buchen und Andre Melcher), einem 40 Tonnen Muldenkipper (Groschmidt), einem 7,5 Tonnen Kipper (Gerhard Müller Bauunternehmungen) mehreren Transportern (Gebr. Gies Gartengestaltung, Gummi Berger Gruppe, Tischlerei Schürmann), einem Anhänger (stewe Dienstleistungen) sowie unzähligen Sachgütern und Hilfsmitteln ab. „Die Hilfsbereitschaft war überwältigend“, erzählt Wenzlau. Einer der Radlader war ein Ausstellungsstück und quasi nagelneu.

 

Zunächst ging es am frühen Mittwochmorgen nach Swisttal, wo das schwere Gerät allerdings nur bedingt hilfreich war, sodass sich die Gruppe nach einigen ausgepumpten Kellern schnell entschloss, Richtung Dernau in Rheinland-Pfalz, einer besonders betroffenen Ortschaft, aufzubrechen. Nachdem vor Ort drei verlassene Garagen als provisorische Unterkunft eingerichtet waren, ging es an die Arbeit. Besonders der Muldenkipper war im Dauereinsatz und wurde immer wieder von Baggern beladen, welche zunächst die Hauptstraßen vom Schlamm, Schutt und Müll befreiten. Mit den Radladern wurden nachts zudem die Seitenstraßen, die anfangs noch etwas vernachlässigt wurden, frei geschoben.

 

[Das Wasser hinterließ überall Zerstörung.]

 

Auf die Eindrücke, die auf die oberbergischen Helfer einprasselten, habe man sich aber kaum vorbereiten können. „Natürlich hatten wir durch die Fernsehbilder eine grobe Idee, was uns erwartet“, sagt Wenzlau, „aber trotzdem waren wir alle wirklich schockiert. Die Optik und insbesondere der Geruch waren Dinge, die man sich einfach nicht vorbereiten konnte. Es erinnerte wirklich an zerbombte Gebiete.“

 

[Auch die Kleinsten wollten helfen, die Ortschaft schnellstmöglich wieder bewohnbar zu machen.]

 

Noch eindringlicher waren allerdings die Gespräche mit den Anwohnern, die ihre Existenzen verloren haben. „Viele haben uns erzählt, dass sie dort selbst nach den Aufräumaktionen nicht mehr leben wollen, weil das Erlebte dieser Nacht so tief in ihnen steckt“, so Wenzlau. Teilweise hatten die Anwohner bis zu sieben Stunden in Bäumen ausgeharrt, ehe sie gerettet worden waren. Hinzu kamen die Eindrücke von aufgestellten Bildern in verschlammten Häusern, um die Kerzen der Trauer positioniert waren. „Die Emotionen, die da auf einen eingeprasselt sind, waren wirklich heftig, sodass selbst erfahrene Feuerwehrleute abends mal ein, zwei Tränen verdrücken mussten.“

 

Auch die Anwohner reagieren völlig unterschiedlich. Viele würden in einem Tunnel leben: Manche reden überhaupt nicht, verarbeiten still - andere vernichten abends zur Bewältigung gemeinsam literweise Bierkästen. „Wir haben schnell gelernt, dass das Wichtigste im Krisengebiet tatsächlich Bier und Trockeneis sind“, so Wenzlau. Entsprechend wichtig war auch ein kurzer Abstecher ins benachbarte Mayschoß. Die Ortschaft war zeitweise nur über Luft gut erreichbar, da sämtliche Zufahrtsstraßen weggeschwemmt waren. Mit einem Sprinter ging es durch die Weinberge über Schotterstrecken, um den Anwohnern neben Hilfe einfach nur ein paar Kisten Bier zur Motivation zu bringen.

 

 

Beeindruckend empfindet Wenzlau allgemein die bundesweite Welle der Hilfsbereitschaft. Bundeswehr und THW unterstützen die Helfer, wo es ging. Es habe riesige Berge an Wasser und Toilettenpapier gegeben, hinzu kamen unzählige Food-Trucks. Koordiniert wurde vor Ort vieles von „Katastrophen-Guido“ - so der Spitzname eines Mannes, der in der Ortschaft aufgewachsen war, inzwischen eigentlich längst andernorts lebt, aber unbedingt in seiner alten Heimat helfen wollte. Auch von Plünderungen blieb Dernau in den ersten Tagen noch verschont. Der „Katastrophen-Tourismus“ setzte erst ein, als die Gruppe am vergangenen Samstag ins Oberbergische zurückkehrte.

 

Dass die Welle der Solidarität nicht abebbt, kann man auch am Beispiel der oberbergischen Gruppe sehen. Ein Teil hat sich in der vergangenen Woche erneut auf den Weg gemacht, um in den betroffenen Gebiet tatkräftig mit anzupacken.

 

Spenden für die Opfer der Hochwasser-Katastrophe

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