LOKALMIX

Mit Flöte, Federn und treibenden Beats: Klangschmiede möchte zum ESC-Vorentscheid

lw; 20.08.2026, 06:00 Uhr
Fotos: Lars Weber --- Sie kennen sich zwar erst kurze Zeit, die Klangschmiede mit Claudia Sokoll und Timo Tofaute (Mitte) und ihre Freunde haben aber ein gemeinsames Ziel vor Augen: den ESC-Vorentscheid.
LOKALMIX

Mit Flöte, Federn und treibenden Beats: Klangschmiede möchte zum ESC-Vorentscheid

  • 0
lw; 20.08.2026, 06:00 Uhr
Wiehl – Das Musikprojekt von Claudia Sokoll und Timo Tofaute sammelte bereits Millionen Streams online – Nun bewerben sich die Drabenderhöher beim SWR – OA war beim Videodreh auf Schloss Burg zu Gast.

Von Lars Weber

 

Mehr als 800 Jahre hat der prächtige Rittersaal auf Schloss Burg auf dem Buckel – aber das, was diesen Montag dort los ist, hat der Raum trotz seiner bewegten Historie noch nicht erlebt. Drehleiern, Dudelsäcke, alte Flöten und edle Roben, das mag noch bekannt vorkommen. Dazu treibt aber ein lauter und harter Technobeat die Szenerie voran. Eine Sängerin, mit dunklem Make-Up, Federn und Tierschädel als Kopfschmuck spürt die Musik am ganzen Körper. Ihr männlicher Gesangspartner tut es ihr gleich. Die Kamera läuft. Der Ton auch. Jede Bewegung muss sitzen, denn alle Beteiligten vor und hinter der Linse eint dasselbe Ziel: Sie wollen es als „Klangschmiede & Friends“ gemeinsam zum ESC-Vorentscheid des SWR schaffen.

 

WERBUNG

Angetrieben wird das ganze Team von den zwei Wiehlern Claudia Sokoll und Timo Tofaute. Das Musikprojekt Klangschmiede aus Drabenderhöhe macht schon länger auf sich aufmerksam. Millionen Streams haben sie auf den unterschiedlichen Musikplattformen schon gesammelt, ihre internationale Fan-Community wächst und wächst (OA berichtete). Mit ihrem Mittelalter-Techno treffen sie offensichtlich einen Nerv, was auch Szenegrößen nicht verborgen bleibt. So folgt eine Zusammenarbeit mit der bekannten Band Corvus Corax (OA berichtete). Kommt nun der nächste große Wurf?

 

Die Idee, es doch einfach mal beim größten Musikwettbewerb der Welt zu probieren, entstand direkt nach dem ESC dieses Jahr in Wien, erzählt Claudia Sokoll, als sie - gewandet in grüner Robe - den Reporter am Burgtor empfängt. Mitte Mai schauen sie und ihr Lebensgefährte Tofaute den Wettbewerb im Fernsehen an. Beide mögen den Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie der ESC einmal hieß, und verfolgen ihn jedes Jahr ganz gerne. Das deutsche Ergebnis nervt sie. Sarah Engels bekam gerade mal zwölf Pünktchen und reiht sich damit ein in die Liste schwacher Ergebnisse aus der Republik. Und in ihrer Wohnung in Drabenderhöhe denken sich Sokoll und Tofaute: Wie würde wohl unser Mittelalter-Techno beim ESC ankommen? „Wir haben dann einfach direkt unsere Community gefragt“, erinnert sich die 51-Jährige. Und das Ergebnis war eindeutig.

 

[Claudia Sokoll und Timo Tofaute sind seit Anfang 2025 als Klangschmiede unterwegs. Ihr Mittelalter-Techno hat seitdem viele Anhänger gefunden.]

 

Inzwischen hat sich die Idee verselbstständig – und sie an diesem Montag auf Schloss Burg mit einer Gruppe an Menschen zusammengeführt, die sie größtenteils vor wenigen Wochen noch gar nicht kannten. Tatsächlich ist es nicht der erste Kontakt mit dem Thema ESC, erzählt Sokoll, während sie die Treppen zum Rittersaal erklimmt. Im vergangenen Jahr arbeitete die Klangschmiede schon mit der Band Keltania. Die Gruppe hat sich vor der Kooperation mit den Wiehlern mit einem Song erfolglos für den ESC 2026 beworben. Die Klangschmiede fertigte einen Remix dieses Songs an. Schon damals habe sich der Gedanke in den Kopf gesetzt, es vielleicht eines Tages selbst zu versuchen, erinnert sich die 51-Jährige.  

 

Im Rittersaal wird schon auf Sokoll gewartet. Den Dreh dort mussten sie vorziehen. Es nieselt, es ist diesig, das verhindert die Aufnahmen im Burghof. „Das Wetter hat den ganzen Drehplan durcheinandergeworfen“, lacht Sokoll. Erschüttern kann sie das selbstredend nicht. Sie hält heute alle Zügel in der Hand. Eigentlich ist sie Spezialistin für digitales Marketing. Ihr Freund Timo macht zwar schon mehr als zehn Jahre professionell Musik, muss die Arbeiten an der Idee ESC aber zwischen seinen Schichten als Pflegefachkraft erledigen. „So eine große Produktion ist auch für uns Neuland“, sagt der 45-jährige Tofaute, in schwarz mit grauem Fell gekleidet. Er ist schon an seinem Platz am DJ-Pult. Der nächste Durchlauf steht an.

 

Als die Fans der Klangschmiede ihre Unterstützung zusicherten, war den beiden Wiehlern eines klar: Nur als Elektroprojekt können sie nicht zum ESC-Vorentscheid. Sie brauchen Mitstreiter, Musiker, Sänger, um ihre Vision real werden zu lassen – und die Regeln des Wettbewerbs zu erfüllen. „Das Grundgerüst des Songs stand in nur zwei Wochen“, sagt Timo Tofaute (Foto). Um ihn mit Leben zu füllen, startete die Klangschmiede einen Aufruf in der Community. Gesucht wurden Drehleierspieler, Flötisten, Sängerinnen und Sänger und Dudelsackspieler – und einmal mehr ist auf die Fans und Freunde Verlass. Sokoll kam jedenfalls aus dem Telefonieren kaum noch raus. „Jetzt stehen hier ‚Klangschmiede & Friends‘ auf der Bühne. Und sie kommen aus ganz Deutschland“, erzählt sie stolz. Zumal fast alle Beteiligten umsonst mitmachen und ihre Zeit in das Projekt investieren. Für die entstehenden Kosten startete die Klangschmiede eine Spendenkampagne – und stecken dazu ihr eigenes Geld in ihren Traum.

 

Wer sind Klangschmiede & Friends?
 

Kern des Projekts sind Claudia Sokoll und Timo Tofaute aus Drabenderhöhe, die gemeinsam die Klangschmiede bilden und die kreative Leitung sowie die Produktion innehaben. Auf der Bühne stehen wird Sokoll nicht, dafür steht Tofaute hinter seinem gewohnten DJ-Pult. Ihn begleiten auf der Bühne als Sänger Melli Ochsenfeld (4. v.li.) alias Skadiya aus Schmallenberg im Sauerland und Manuel Wagner (2. v.re.), der im Dortmunder Raum im Groove-Metal-Umfeld von „Mavort“ sowie bei der Band „One Simple Idea“ aktiv ist. Die Flöte am Mund hat Jens Barabasch (li.), ein klassisch ausgebildeter Instrumentalist aus der Düsseldorfer Musikszene. Martin Rehm (re.) aus Oberfranken spielt die Drehleier. Er ist Musiker bei „Feuerwulf“, außerdem Veranstalter des Feuermond-Festivals. Am Dudelsack schließlich ist Harald Kunze (3. v.re.), Bandleader von „Weltenkrieger – Barden des Lichts“ aus Höchstädt an der Donau. Beim Dreh mit dabei war zudem Kunzes Sohn Fionn (2. v.li.). Auch er spielt Dudelsack. Hat die Bewerbung Erfolg, dürfte er aufgrund der ESC-Altersbestimmungen nicht auf der Bühne stehen, da er noch keine 18 Jahre ist.

 

An Geld oder Ruhm denkt beim Drehtag im Schloss aber niemand. Für eine Truppe, die sich erst kurze Zeit kennt und die sich gerade zum Teil zum ersten Mal persönlich begegnet, laufen die Rädchen erstaunlich gut zusammen. Der Ton ist freundlich bis herzlich, Sokoll wirft ab und an mal einen ihrer derben Sprüche in den Saal. Aber wer seine Freizeit gerne im Mittelalter verbringt, den kann das natürlich nicht umhauen – und setzt im Zweifel noch einen obendrauf.

 

[Sokoll (re.) im Gespräch mit dem Tontechniker an diesem Tag, Daniel Valente Fraga (li.). Der Sauerländer ist selbst Musiker und produziert auch andere Künstler, zum Beispiel das Album von Sängerin Melli Ochsenfeld.]

 

Drei Produktionen sollen an diesem Tag im Kasten landen. Teil der Bewerbungsunterladen muss ein 90-sekündiges Vorstellungsvideo sein. Nur hier wird Claudia Sokoll selbst auch vor der Kamera stehen, der Songperformance gehört von der Klangschmiede nur Timo Tofaute an. Aufgenommen werden dabei das Musikvideo und ein ungeschnittenes Gesangsvideo mit den Sängern Manuel Wagner und Melli Ochsenfeld. Die Sängerin kommt eigentlich aus Waldbröl und lebt nun im Sauerland. Als Skadiya arbeitet sie gerade an ihrem ersten Soloalbum mit Pagan Music. „Ich war gerade im Auto, als ich den Post von der Klangschmiede sah, dass sie nach Sängern suchen. Da hab ich einfach mal geschrieben – und gleich Antwort erhalten.“ Ein Austausch folgte. „Sie ist genau das, was wir gesucht haben, die Stimmfarbe passt perfekt zum Song“, schwärmt Sokoll von der „Erscheinung“ Melli, wie sie so barfüßig in schwarz und mit Federn und Tierschädel neben ihr steht. „Das fühlt sich für mich nicht nach einer Verkleidung an“, sagt Ochsenfeld mit einem Lachen.

 

[Spüren die Musik: Die Leadsänger Melli Ochsenfeld und Manuel Wagner.]

 

Sie hat beim Dreh mit einer Erkältung zu kämpfen. „Brauchst du ein paar Minuten“, fragt Tontechniker Daniel Valente Fraga. Braucht sie. Denn die reinen Gesangsaufnahmen müssen natürlich sitzen. Die Unterbrechung tut ihr gut, die passenden Bonbons und Wasser ebenso. Es bleibt auch Zeit, um mit ihrem Gesangspartner Manu noch kurz einen Backstreet-Boys-Klassiker anzustimmen, um zu schauen, ob die Stimme nun wieder ran darf. Und wie sie das tut. Während des Drehs herrscht andächtige Stille. Auch das anwesende Kamerateam des WDR schleicht auf Zehenspitzen durch den Rittersaal, um die Szenerie einzufangen. Drei Durchläufe gibt es – dreimal folgt riesiger Applaus für die Leistungen.

 

Auch Birgit "Annie" Mirwald applaudiert. Die Fantasy-Autorin nutzte zur Vorstellung ihres Romans „Die Mondtänzerin“ Musik der Klangschmiede, die sie bei TikTok gehört hatte. So entstand der Kontakt, der bis heute noch enger geworden ist. „Als das ESC-Thema aufkam, hab ich gleich gedacht, dass Schloss Burg sich perfekt als Drehort eignen würde“, sagt Mirwald. Da aus der ersten Idee, auf Schloss Homburg zu drehen, nichts wurde, freuen sich Sokoll und Tofaute über das Engagement. Mirwald stellt die Verbindung her – und nun darf sich die Crew kostenfrei auf  Schloss Burg austoben – mit freundlichster Genehmigung der Stadt Solingen und des Betreibers, dem Schlossbauverein Burg a/d Wupper. „Wir sind so unendlich dankbar dafür, dass das geklappt hat“, sagt Claudia Sokoll.

 

[Für das Video geben Jens Barabasch sowie Fionn und sein Vater Harald Kunze alles.]

 

Mirwald ist ganz begeistert von dem Song, bekommt ihn gar nicht mehr aus dem Kopf. Und auch die anderen Beteiligten sprechen gerne vom „Ohrwurmcharakter“ des Liedes. So wie Harald Kunze. Gerade hat der Dudelsackspieler einen Koffer voller Equipment vom Parkplatz bis hoch in den Rittersaal gehievt. Er braucht eine kurze Verschnaufpause, bevor er sprechen kann. Eigentlich ist Kunze Teil der Band „Weltenkrieger – Barden des Lichts“, mit der er in ganz Deutschland jedes Jahr bis zu 60 Auftritte hat. „Ich hab die Songs der Klangschmiede schon lange in meiner Playlist“, erzählt der Dudelsackspieler schließlich. Auch er habe auf den Aufruf der Klangschmiede geantwortet. Der ihm präsentierte Song gefiel ihm sofort. Und beim Dudelsack-Spiel konnte er direkt ein paar wichtige Tipps weitergeben. „Das war vor etwa sechs Wochen.“  Das zeigt die Geschwindigkeit, die das Projekt in kürzester Zeit aufgenommen hat.

 

Kunze schnappt sich seinen Dudelsack. Er muss zurück in den Rittersaal. Zum Abschluss des Vormittags gibt es nochmal eine weitere Performance mit der ganzen Kapelle, der gesamten Band. Trotz der Wetterkapriolen liegt das Team gut im Plan. Nach der Pause geht es unter anderem noch in die Kemenate und auf den Wehrgang für Aufnahmen. Nach dem Tag geht es in die Postproduktion. Die Klangschmiede möchte nicht erst auf den letzten Drücker mit der Bewerbung fertig werden. „Deadline, also Bewerbungsschluss, ist am 21. September, wir wollen eigentlich eine Woche früher dran sein“, hofft Claudia Sokoll.  

 

Bei der Bandperformance legen sich alle noch einmal mächtig ins Zeug. Die 51-jährige Sokoll schaut bei jedem genau hin. Passt die Mimik? Die Bewegungen? Als die letzten Töne des Songs verklungen sind, tänzelt die Wiehlerin mit ihrer grünen Robe schwungvoll durch die Musiker hindurch. „Ich bin so begeistert, genau so hab ich es in meinem Kopf gehabt!“, freut sie sich. „Wir müssen es in den Vorentscheid schaffen, schon alleine, damit ich noch mehr Zeit mit euch verbringen darf“, lacht Sokoll nach dem Gefühlsausbruch. Der musste sein. Und es scheint, dass jeder ihn auch versteht. Denn es ist spürbar, dass sich hier alle mit dem Song von „Klangschmiede & Friends“ identifizieren.

 

[Etliche Takes benötigt es, um alles im Kasten zu haben. Auch der WDR schaute mit einem Kamerateam vorbei.]

 

Dieser Spirit der Gemeinschaft, der gegenseitigen Unterstützung, der diesen Drehtag umweht, passt zu dem (mehrsprachigen) Lied, das die Klangschmiede geschrieben hat. Und wie klingt der Song jetzt? Was will er vermitteln? Und wie heißt er eigentlich? Das bleibt ein gut gehütetes Geheimnis – zumindest noch ein paar Tage. Der SWR hat die Freigabe gegeben, dass die Songs für den Vorentscheid ab dem 1. September veröffentlicht werden dürfen. Bis dahin gibt es für Claudia Sokoll und Timo Tofaute noch viel zu tun. Wie sie die Chancen einschätzen, es zum ESC-Vorentscheid zu schaffen, möchten sie gar nicht kommentieren. „Diese Erfahrung allein wie beim Dreh auf Schloss Burg ist aber schon geil!“

 

Hier gibt es weitere Informationen zum Projekt.

 

Die Bewerbung
 

Der ESC 2027 wird in Burgas in Bulgarien stattfinden. Bevor es aber soweit ist, muss der deutsche Teilnehmer bestimmt werden. Verantwortlich dafür ist dieses Mal der SWR. Für "Eurovision Song Contest - Das Deutsche Finale 2027" sucht dieser laut Mitteilung „hochtalentierte Newcomer:innen mit Persönlichkeit und etablierte Acts mit Songs, die künstlerische Kreativität und Exzellenz verbinden“. Die Bewerbung für den Vorentscheid ist bis 21. September um 12 Uhr mittags möglich. „Alle Genres sind denkbar!“ Entscheiden, wer es in den Vorentscheid schafft, wird das SWR-Musikteam, zu dem unter anderem Jules Kalmbacher gehört, der zum Beispiel Acts wie Helene Fischer, Mark Forster oder Bausa produziert hat. Mit dabei ist auch Pele Loriano, der laut SWR die musikalische Strategie hinter den beiden ESC-Siegern 2024 und 2025 maßgeblich mitverantwortet habe, oder auch die Künstlermanagerin Celina Spanier. Der Vorentscheid findet voraussichtlich im Februar 2027 statt.

KOMMENTARE

0 von 800 Zeichen
Jeder Nutzer dieser Kommentar-Funktion darf seine Meinung frei äußern, solange er niemanden beleidigt oder beschimpft. Sachlichkeit ist das Gebot. Wenn Sie auf Meinungen treffen, die Ihren Ansichten nicht entsprechen, sehen Sie von persönlichen Angriffen ab. Die Einstellung folgender Inhalte ist nicht zulässig: Inhalte, die vorsätzlich unsachlich oder unwahr sind, Urheberrechte oder sonstige Rechte Dritter verletzen oder verletzen könnten, pornographische, sittenwidrige oder sonstige anstößige Elemente sowie Beschimpfungen, Beleidigungen, die illegale und ethisch-moralisch problematische Inhalte enthalten, Jugendliche gefährden, beeinträchtigen oder nachhaltig schädigen könnten, strafbarer oder verleumderischer Art sind, verfassungsfeindlich oder extremistisch sind oder von verbotenen Gruppierungen stammen.
Links zu fremden Internetseiten werden nicht veröffentlicht. Die Verantwortung für die eingestellten Inhalte sowie mögliche Konsequenzen tragen die User bzw. deren gesetzliche Vertreter selbst. OA kann nicht für den Inhalt der jeweiligen Beiträge verantwortlich gemacht werden. Wir behalten uns vor, Beiträge zu kürzen oder nicht zu veröffentlichen.
WERBUNG