LOKALMIX

Millionenschaden für private Waldbesitzer

lw; 08.10.2019, 18:06 Uhr
Fotos: Lars Weber --- Die rote und gelbe Farbe toter Fichtennadeln ist in ganz Oberberg zu sehen.
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Millionenschaden für private Waldbesitzer

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lw; 08.10.2019, 18:06 Uhr
Oberberg – Die Folgen der Trockenheit der vergangenen Jahre und des Borkenkäferbefalls sind in der Region gravierend.

Von Lars Weber

 

Wer derzeit im südlichen Bergischen Land in die Landschaft schaut, für den sind die Folgen unübersehbar. Ganze Berghänge und Kuppen zeigen die gelbe und rote Farbe toter Fichtennadeln. Aus Laubwäldern ragen die vertrockneten Kronen der Buchen. Auf die Ursache dieser Entwicklung, die unmittelbaren Folgen und die zukünftigen Maßnahmen sind bei einer Pressekonferenz im Lindlarer Metabolon Kay Boenig, Leiter des Regionalforstamts Bergisches Land, und Hans-Friedrich Hardt, Vorstandsmitglied beim Waldbauernverband NRW, eingegangen. „Viele Menschen sind verunsichert. Es ist ein Thema, das alle angeht“, so Boenig.

 

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Die Trockenheit und der Käferbefall gingen in der Entwicklung eine folgenschwere Partnerschaft ein. 2018 und 2019 herrschte eine „beispiellose Trockenheit“. Die Waldbäume mussten teils mit weniger als der Hälfte des gewohnten Niederschlags auskommen. „Daran sind sie nicht gewöhnt“, sagt Boenig. Die Folge: Gerade der Fichte fehlt es an Saft, um das Harz zu produzieren, was als Abwehr gegen Schädlinge wie den Borkenkäfer benötigt wird. Die Bäume sind aufgrund der Trockenheit sozusagen schutzlos. Die Käfermassenvermehrung wird zudem gefördert durch massig Holz, was an den Waldwegen herumliegt, weil es nicht verarbeitet und verkauft werden kann. Der Grund: Die Stürme Friederike und Burglind haben 2018 durch ganz Europa gewütet und überall eine Übermenge an Holz produziert, erklärt Hardt. Das überschüssige Holz wurde niemand los, also lagerte es am Wegesrand: „Ideale Bedingungen für die Käfer.“

 

[Hans-Friedrich Hardt (links) und Kay Boenig sorgen sich um den Baumbestand.]

 

Im Bergischen Land sei davon auszugehen, dass die Hälfte der aktuellen lebenden Holzvorräte der Fichte von rund neun Millionen Kubikmetern der Käferplage zum Opfer fallen wird. Die Entwicklung zeigt sich auch an der Schadholzentwicklung, die sich alleine von 2018 auf 2019 vervierfacht haben wird von rund 350.000 auf 1,45 Millionen Kubikmeter. „Mindestens die Hälfte davon ist in oberbergischen Wäldern, dort liegt ein Schwerpunkt“, sagt Boenig. Da die Sägewerke in ganz Europa völlig überlastet sind von dem Käferholz, würden die unverarbeiteten Stämme inzwischen zuhauf nach China verkauft, allerdings nicht gewinnbringend. „Das ist eine reine Entsorgung“, sagt Hardt, dem diese Entwicklung alleine schon wegen der fehlenden Nachhaltigkeit nicht gefällt. Viele befallene Bäume, die nicht verkauft werden können, stünden weiter im Wald, werden schnell morsch und so zu einer Gefahr für jeden Waldbesucher.

 

Besonders hart trifft es Privatwaldbesitzer. Im Forstamtsgebiet Bergisches Land gebe es davon rund 30.000, davon alleine im Oberbergischen 10.000. „Sie sind teils finanziell überfordert“, sagt Hardt. Auf der einen Seite wirft die Bewirtschaftung kaum noch etwas ab. „Das trifft besonders Altbauern, die ihren Wald dazu nutzen wollten, ihre geringe Rente aufzubessern.“ Die Verluste für die Privatwaldbesitzer beziffert Boenig auf rund 50 Millionen € im Bergischen Land. Alleine 25 Millionen € davon entfallen auf oberbergische Waldbesitzer. Auf der anderen Seite müssen die privaten Waldbesitzer für Verkehrssicherheit sorgen. Die Rechnungen des Landesbetriebs Straßen, der viele dieser Arbeiten übernimmt, können die Menschen kaum bezahlen. „Die Leute schwanken zwischen Resignation und Verzweiflung“, sagt Hardt.

 

[Kay Boenig ist Leiter des Regionalforstamts Bergisches Land.]

 

Um dem Käfer Einhalt zu gebieten, sollen laut Boenig die Kontrollen der Bäume intensiviert werden. Dort sollen auch die Bauhöfe der Kommunen verstärkt aktiv werden. Um die Waldbesitzer zu unterstützen, fordert der Waldbauernverband NRW vom Land eine Förderung, wenn es um die Beseitigung des riskanten Baumbestands geht. Eine Unterstützung könne es aber auch sein, wenn zum Beispiel die Ampelanlage vom Landesbetrieb, die zur Sperrung von Straßen benötigt wird, dann nicht in Rechnung gestellt werde, sagt Hardt. Zudem sollten die behördlichen Verfahren vereinfacht werden, ergänzt Boenig.

 

[Hans-Friedrich Hardt ist Vorstandsmitglied im Waldbauernverband NRW.]

 

Es werde nun noch stärker auf Mischwälder gesetzt, um die Wälder für die Zukunft fit zu machen. „Als die Fichten gepflanzt wurden, passten sie hierher.“ In Anbetracht des Klimawandels sei dies nicht mehr der Fall, so Hardt. Künftige „klimastabile“ Wälder orientieren sich am aktuellen Wetter und an den Prognosen für die kommenden Jahrzehnte. Boenig nennt zum Beispiel die Lärche, die Douglasie oder auch die Schwarzkiefer bei den Nadelbäumen sowie bei den Laubbäumen die Esskastanie, die Roteiche, die Winterlinde oder auch diverse Wildobstarten als Möglichkeiten, die Böden der Mischwälder gut auszunutzen.

 

Bei der Aufforstung der zerstörten Flächen fordert Boenig viel Geduld. Die Wiederbewaldung der Schadflächen sei eine Aufgabe der kommenden zehn Jahre. Hardt hofft, dass auch die Allgemeinheit mit anpackt. „Die Lage ist derzeit katastrophal“, sagt Boenig. „Der Wald wird aber nicht verschwinden.“

KOMMENTARE

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Ja, die Fichte in Monokultur hat es nicht mehr leicht. Wir brauchen klimastabile Mischwälder - und zwar aus heimischen standortgerechten Baumarten. Dazu gehören Buchen und Eichen, Birken und Vogelbeeren. Doch um diese Baumarten wieder etablieren zu können - auch in Mischung mit Nadelholz, muss sich äußerst dringend in wahrscheinlich fast allen Jagdrevieren die Jagdbewirtschaftung grundlegend ändern. Hier sind alle Grundeigentümer in der Pflicht, mit ihrer Jagdgenossenschaft den Jagdausübungsberechtigten an ihren gesetzlichen Auftrag zu erinnern und die Umsetzung auch konsequent anzumahnen. Reh und Co. müssen deutlich stärker bejagd werden - so wie Wolf, Bär und Luchs es auch getan haben. Dann wachsen unsere Wälder wieder von alleine! Horrido!

Torsten Dörmbach, 09.10.2019, 07:50 Uhr
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