LOKALMIX

Leben mit dem Virus

pn; 16.03.2020, 15:26 Uhr
Fotos: Peter Notbohm.
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Leben mit dem Virus

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pn; 16.03.2020, 15:26 Uhr
Gummersbach - Wie wirken sich die Erlasse der NRW-Regierung auf das tägliche Leben in der Gummersbacher Innenstadt aus? Viele Geschäfte blieben leer - Schlangen in Supermärkten und Drogerien.

Von Peter Notbohm

 

Die Sonnenstrahlen lockten die Menschen dann doch irgendwann in die Gummersbacher Fußgängerzone. Wirkte die Kaiserstraße am Montagmorgen noch weitgehend verlassen, füllte sich gegen Mittag die Außengastronomie zunehmend, vielerorts schlenderten nicht nur Eltern mit ihren Kindern an den Schaufenstern der Läden vorbei. Betreten werden in den Zeiten des Coronavirus momentan aber die wenigsten Geschäfte. Lediglich in Drogerien und Supermärkten ist der Andrang weiter groß und die Schlangen an den Kassen bilden ein starkes Kontrastprogramm zur gähnenden Leere in vielen Geschäften, wo die Verkäufer meist tatenlos an den Kassen stehen. Überall entstehen Gespräche zwischen Passanten - in kaum einem geht es nicht um das Virus und die daraus entstehenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens.

 

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[Die Gastronomie im Forum füllte sich erst zur Mittagszeit, wenn viele Angstellte ihre Pausen hatten. Während auch die Geschäfte kaum frequentiert waren, hatten Dienstleister wie Nagelstudios und Friseure noch Kunden.]

 

Zumindest in den beiden Einkaufszentren in der Innenstadt, dem EKZ und dem Forum Gummersbach, ist von der gestrigen Anordnung der NRW-Landesregierung aber noch nichts zu merken. „Der Zutritt zu Einrichtungshäusern und Einkaufszentren, „Shoppingmalls“ oder „Outlets“ soll nur zur Deckung des dringenden Bedarfs unter strengen Auflagen erlaubt sein“, heißt es in dem Erlass. Strenge Auflagen? Davon sieht man in beiden Gebäuden nichts – jedermann kann derzeit noch ungehindert eintreten.

 

Das liegt daran, dass die Regierung in Düsseldorf die Ausführungsbestimmungen zum sonntäglichen Erlass noch nicht an die Kommunen übermittelt hat. „Wir wissen nicht, was wir tun sollen und wie wir es tun sollen“, sagt Stadtsprecher Sigfried Frank. Weder sei geklärt, wer diese Kontrollen durchführen soll, noch wer berechtigt sei, die Einkaufszentren weiter zu betreten. Darauf beruft sich auch Forum-Manager Bernd Mucho. „So lange es keine behördliche Anordnung gibt, können wir nichts zu möglichen Schließungen sagen“, will er sich ausdrücklich nicht an Spekulationen beteiligen, „dafür ist die Thematik viel zu dynamisch.“

 

[Mit Ausnahme der Axa-Filiale waren alle Geschäfte für den Publikumsverkehr im Forum geöffnet.]

 

Noch am Wochenende strömten viele Jugendliche ins Forum und verbrachten ihre Freizeit dort. Einzig die Axa Versicherung ist derzeit nicht mehr für den Publikumsverkehr geöffnet. Das Unternehmen hat seine Geschäftsstellen angewiesen, den Kundenverkehr auf das Telefon zu verlegen, um so einen Beitrag zur Eindämmung des Coronavirus zu leisten. Geöffnet ist zwar Saturn, Beratung findet aber auch hier - mangels Kundschaft - kaum statt. Auch hier wissen die Mitarbeiter noch nicht, wie es in den kommenden Tagen weitergehen wird. „Noch haben wir normalen Betrieb und es gibt Richtlinien, wie wir uns zu verhalten haben, außerdem einen Notfallplan“, sagt Verkäufer Christian Grabe.

 

[Im Karstadt hatten die Verkäufer am Vormittag kaum etwas zu tun.]

 

Ähnlich sieht es im Karstadt im EKZ aus: Auch hier herrscht weitgehend Leere und die Mitarbeiter sind bei Kundenkontakt angewiesen, den nötigen Abstand zu halten. Zudem stehen überall verteilt Desinfektionsmittel. Eine der wenigen Kunden ist Jessica G. Sie ist mit ihren beiden Kindern in der Spielzeugabteilung unterwegs und sucht nach Gesellschaftsspielen. Ihre Familie ist von der Schließung der Kitas betroffen. „Wir hoffen derzeit, dass mein Mann seinen Job auf Home-Office umstellen kann“, sagt sie. Während sie in einer Apotheke arbeitet, ist ihr Mann Industriekaufmann. Die Großeltern hätten zwar Zeit, den Kontakt habe man aufgrund des Coronavirus aus Vorsicht aber auf ein Minimum reduziert. Ob sie die Maßnahmen für sinnvoll hält? „Da bin ich zwiegespalten. Insgesamt halte ich sie für sinnvoll, aber es nützt ja auch nichts, nun die Bevölkerung fünf Wochen zuhause einzusperren und dann gehen alle wieder raus und das Virus bricht erneut aus.“

 

Eine andere Meinung vertreten Yasmin und Johan Reker. Die beiden brunchen mit ihren beiden Kleinkindern, die im August in die Kita kommen sollen, im Forum. „Natürlich sollte man auf Hygiene achten, aber momentan machen sich alle viel zu sehr verrückt“, sagt er. Kritik finden bei ihnen vor allem die Hamsterkäufe: „Die wichtigsten Sachen, wie Nudeln, Mehl, Reis und Klopapier sind an vielen Orten ausverkauft. Es wäre toll, wenn man wieder normal einkaufen könnte.“

 

[Nicht nur in den Regalen mit Teigwaren waren viele Lücken zu sehen - Auch Klopapier war im Dornseifer gegen Mittag kaum noch zu bekommen.]

 

Ein Wunsch, den wohl auch viele Menschen im Einzelhandel derzeit haben dürften. Die Verkäufer ächzen nicht nur unter der Last der immer wieder aufzufüllenden Regale, sondern haben auch täglich mit unzähligen Menschen zu tun. „Ich habe Angst“, gibt Petra Dehnen unumwunden zu. Die Angestellte des Dornseifer-Markts im Forum Gummersbach gehört zur Risikogruppe der über 60-Jährigen und sieht mit Sorge, dass kaum jemand den eingeforderten Abstand von zwei Metern einhält – nicht nur an der Kasse: „Diese Ratschläge kommen von studierten Virologen. Die werden wissen, warum sie das öffentlich sagen.“ Sie und ihre Kollegen tragen allesamt Plastikhandschuhe, zudem werden die Einkaufswagen regelmäßig mit Desinfektionsmitteln abgesprüht.

 

Einkaufen im Supermarkt war auch Fynn Herzig. „Ich habe Besorgungen für meine Großeltern gemacht“, erzählt der Spieler des VfL Gummersbach. Wie es beim Zweitligisten in kommenden Wochen weitergeht und ob die Saison fortgesetzt wird, darauf ist auch er gespannt. Noch ist der Trainingsbetrieb nicht offiziell abgesagt, nach dem Erlass der NRW-Regierung ist damit aber zu rechnen. Beratungen finden derzeit vereinsintern statt. Existenzielle Sorgen macht man sich dagegen bei Sportissimo in der Moltkestraße. Nicht nur, dass Sportbekleidung derzeit zu den Luxusgütern gehört, die kaum gefragt sind und damit das Tagesgeschäft nahezu komplett eingebrochen ist. Auch das Vereinsgeschäft ist durch den Stillstand in allen sportlichen Ligen zum Erliegen gekommen.

 

[Gegen Mittag füllte sich die Fußgängerzone zunehmend mit Menschen.]

 

„Wir merken es an allen Ecken und Enden“, sagt Filippo Raccuglia. Richtig verärgert sind er und Frank Buchen allerdings über das Angebot der Bank ihres Einkaufsverbandes. Zwar will diese einen fünfstelligen Kredit gewähren, diesen allerdings zu 4,9 Prozent Zinsen. Von der vielzitierten „Bazooka“, von der Finanzminister Olaf Scholz noch am Wochenende sprach, sei damit wenig zu spüren. "Wichtig wäre in diesen Zeiten, dass unsere Fixkosten übernommen werden", erklärt Buchen das größte Problem vieler Unternehmer.

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