LOKALMIX

Erinnerungen an Karstadt: Zwischen Einkaufsstress und Weihnachtszauber

lw; 19.12.2020, 10:00 Uhr
Fotos: Lars Weber --- Heinz Kreiensiek war von 1979 bis 2005 Geschäftsführer der Karstadt-Filiale in Gummersbach.
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Erinnerungen an Karstadt: Zwischen Einkaufsstress und Weihnachtszauber

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lw; 19.12.2020, 10:00 Uhr
Gummersbach – Zum ersten Mal seit 45 Jahren wird in der Innenstadt ohne Karstadt Weihnachten gefeiert – Heinz Kreiensiek denkt an die geschäftige Zeit zurück.

Von Lars Weber

 

Dieses Jahr ist alles anders im Weihnachtsgeschäft. Der neuerliche Lockdown trifft die Einzelhändler allerorts in dieser Zeit besonders hart. „Grausam und bitter“, findet das Heinz Kreiensiek, der aber gleich hinterherschickt, dass die Gesundheit aller jetzt unbedingt vorgehe. Kreiensiek weiß um die Gemütslage der Geschäftstreibenden in Gummersbach, schließlich war er lange Jahre selbst einer von ihnen. Von 1979 bis 2005 führte er die Gummersbacher Karstadt-Filiale, war Mitbegründer und auch Vorsitzender der Innenstadtgemeinschaft. Das Aus der Filiale traf den 77-Jährigen sehr. Er weiß: Karstadt war für viele Bürger in der Weihnachtszeit ein fester Anlaufpunkt. So mancher machte dort erst Heiligabend die letzten Geschenke klar. Im Gespräch mit OA erinnert sich Kreiensiek an Stress, Zusammenhalt und ein wenig Weihnachtszauber.

 

Weihnachten begann im Einkaufszentrum Bergischen Hof eigentlich schon im Oktober. „Zu diesem Zeitpunkt mussten wir anfangen, die Deko aufzuhängen. Da kam einiges zusammen. Das ging nicht über Nacht und da sich der Ladenaufbau auch von Jahr zu Jahr änderte, musste auch immer wieder neu geplant werden.“ So zog schon lange vor dem ersten Advent weihnachtliche Stimmung in den Karstadt und den Bergischen Hof – daran hatte aber nicht jeder Freude. „Einige Leute hatten dafür wenig Verständnis“, erinnert sich Kreiensiek. „Meist legte sich der Ärger aber, wenn ich ihnen die Situation erklärt hatte.“ Umso schneller ging der Abbau. „Der fing aber auch schon 14 Tage vor Weihnachten an.“

 

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Viel schneller als gewollt ging der Abbau in einem Jahr, als ein „leicht angesäuselter Mann“ den Karstadt betrat. „Wir hatten gerade erst den großen Baum aufgestellt und geschmückt.“ Dummerweise fand der Mann den Baum in seinem Zustand auch äußerst anziehend, sodass er ihm näherkam, als gut für den Baum war. Der Mann riss die Drei-Meter-Tanne zu Boden. „Zum Glück war niemandem etwas passiert.“ Den Mann schickte Kreiensiek schnell weg. Und der Baum stand im Handumdrehen wieder. „So etwas vergisst man nicht“, sagt Kreiensiek mit einem Lachen.

 

Die Beleuchtung, die vielen Sterne und natürlich auch die vielen Weihnachtsbäume sorgten für eine tolle Atmosphäre. Besonders schöne Erinnerungen hat der in Bremerhaven aufgewachsene Kreiensiek an die Zeit, in der der große Weihnachtsbaum von Kindergartenkindern geschmückt wurde. Die Idee kam in den 80er-Jahren auf. „Alles, was an den Baum kam, wurde selbst gebastelt.“ Samstags traten Kindergärten auch neben Gesangsvereinen auf und sangen Weihnachtslieder. Kunden, Eltern, Großeltern, alle kamen zusammen. „Das war sehr schön.“

 

Die besinnlichen Lichter und die geschmückten Bäume täuschten aber nicht darüber hinweg, dass das weihnachtliche Treiben vor allem auch Stress bedeutete, für Kreiensiek, seine Mitarbeiter – aber auch seine Kunden. „Da wurde es schonmal hektisch und es entstanden lange Schlangen. Ausbaden mussten das meistens meine Mitarbeiter.“ Er erinnert sich daran, wie er nach seinem Dienst an Heiligabend – um 14 Uhr schloss Karstadt -, dem Gottesdienst und dem Fest im Kreis seiner Familie früh im Sessel einschlief. „Da fiel auch immer viel Druck ab.“

 

[Das EKZ Bergischer Hof ist natürlich auch ohne Karstadt-Filiale reich geschmückt, die Pandemie und der Lockdown verhindern aber große Weihnachtsstimmung.]

 

Denkt Kreiensiek an Weihnachten im Karstadt und im Bergischen Hof, denkt er vor allem auch an „seine“ Karstadt-Familie. Als er 1979 in Gummersbach anfing, waren es noch rund 300 Mitarbeiter, 2005 und nach diversen Umstrukturierungen noch 140. Er erinnert sich daran, wie die Kinder von Mitarbeitern als Aushilfen im Weihnachtsgeschäft die Waren für die Kunden in Geschenkpapier packten oder an die Weihnachtsfeiern jedes Jahr im Restaurant. „Viele studierten etwas ein, verkleideten sich und nahmen ihren Chef auch gerne auf die Schippe“, so der 77-Jährige grinsend. „Ich konnte gut darüber lachen. Das war Familie!“

 

Wie nah die Karstadt-Familie zusammenstand, zeigt eine andere Anekdote: „Eine Abteilungsleiterin hatte an Heiligabend einen Sohn zur Welt gebracht. Pflichtbewusst, wie sie war, wollte sie am 31. Dezember schon wieder zur Inventur kommen und helfen. Sie hatte aber niemanden für das Kind. Da sie unbedingt kommen wollte, nahm ich das Baby zu mir ins Büro. Nach einer Weile fing der Junge an zu Schreien. Ich hab mit ihm gespielt, Faxen gemacht, aber ich bekam ihn einfach nicht beruhigt. Auch den Schnuller hat er immer wieder ausgespuckt. Ich musste die Mutter über Lautsprecher rufen. Die hatte schon an meiner Stimme gehört, dass was ist. Als sie im Büro war, schaute sie nur einmal auf das Kind und auf den Schnuller und sagte: ‚Schau mal Chef, den Schnuller musst du so herum reintun!‘ Ich hatte die ganze Zeit oben und unten beim Schnuller verwechselt!“

 

Die Geschichte ist schon einige Jahre alt. Doch als Kreiensiek im Oktober am letzten Tag Karstadts wieder im Kreis „seiner“ Familie war, wurde auch diese Anekdote wieder erzählt. Karstadt mag nach viereinhalb Jahrzehnten nicht mehr ein Teil Gummersbachs sein, die vielen Erinnerungen an diese Zeit bleiben aber noch lange lebendig.

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