LOKALMIX
„Ballebäuschen“: Eine Ära endet, die Heimat bleibt
Reichshof – Nach 35 Jahren verabschiedet sich das Betreiber-Duo Marlies und Günter Allmann des vielfach ausgezeichneten Restaurants in den Ruhestand – Die Zukunft des Hauses ist geklärt.
Von Lars Weber
Im beschaulichen Hespert geht es dieser Tage emotionaler zu als sonst. In der Hasseler Straße 10 werden in den vergangenen Wochen immer häufiger Briefe und kleine Geschenke übergeben, oder auch Fotos aus vergangenen, aber nicht vergessenen Zeiten. Die eine oder andere Träne wird auch verdrückt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen Marlies (63) und Günter Allmann (69) und ihr wahr gewordener Lebenstraum, das Restaurant „Ballebäuschen“. Nach 35 Jahren werden die Allmanns Ende des Monats die Dienstküche kaltlassen und ihre gemütlichen Räume nicht mehr Gästen von nah und fern öffnen. Mit fast 70 darf man auch mal in Rente gehen, meint Günter Allmann. Eine Zäsur für sie und auch eine Zäsur für alle Stammgäste und Freunde der Allmanns, die seit der Ankündigung im Mai vergangenen Jahres keinen Besuch auslassen, um sich zu bedanken. Für mehr als drei Jahrzehnte feinste und vielfach ausgezeichnete Küche im Dorf Hespert. Vor allem aber für eine Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit inmitten kulinarischer Perfektion, die man so nicht lernen kann.
Das Ehepaar sitzt an diesem Dienstag keine zwei Wochen vor der endgültigen Schließung des Restaurants im nicht eingedeckten Gastraum. Bis die Küche wieder hochgefahren wird, dauert es noch etwas. Nach Corona wurden die Öffnungszeiten im Ballebäuschen angepasst, von Freitag bis Sonntag werden die Gäste inzwischen empfangen – dann herrscht hier Hochbetrieb. Neben den Allmanns gehören vier feste Mitarbeiter und sieben Minijobber zum Team. Teils sind sie schon seit Jahrzehnten im „Ballebäuschen“ – durchaus außergewöhnlich in der Branche, aber trotz eindeutiger Hierarchien pflegen die Allmanns eben auch seit jeher das Miteinander. „Wir essen immer gemeinsam im Team“, erzählen sie.
Und diese Verbundenheit lässt sich auf die Kunden übertragen. Manche kamen als Kinder mit ihren Eltern das erste Mal hierher ins beschauliche Hespert, nur um immer wieder zurückzukehren – für Hochzeiten, für Taufen, für ein gutes Essen aus der Küche des Meisterkochs Günter Allmann. „Es sind so viele Erinnerungen hier entstanden“, sagt dieser. Bis zuletzt sammelte der 69-Jährige Auszeichnungen für das „Ballebäuschen“, schon lange sind sie selbst Stammgast: im Gault Millau zum Beispiel oder im Aral Schlemmeratlas.
Dass die Bensbergerin und der Kölner aber ausgerechnet im Reichshof landen, das war vor fast 40 Jahren so nicht abzusehen. Dafür mussten die beiden erst einmal zusammenfinden. Kennengelernt hatten sie sich während Marlies‘ Ausbildung zur Köchin. Ihr Vorgesetzter: Günter Allmann. „Er war ein harter Chef“, erinnert sie sich. Gestern wie heute ein Perfektionist, der von anderen nichts weniger fordert als von sich selbst. „Das hat der Kunde verdient!“ Mehr passierte zwischen ihnen in der Zeit aber nicht. Erst, als Günter sieben Jahre später sein Adressbuch durchforstete, um sich nach ehemaligen Weggefährten zu erkundigen, stolperte er auch über die Nummer von Marlies. „Er hat angerufen, er hat mich geduzt, ich hab ihn gesiezt.“
Nach drei Monaten verlobt
Dabei blieb es nicht lange. Schon bei der ersten gemeinsamen Ausfahrt auf dem Motorrad funkte es. Halt machten sie dabei auch im Bikers Rast in Windeck, eine erste gemeinsame Verbindung zum Bergischen. „Drei Monate später waren wir verlobt.“ Marlies arbeitete zu jener Zeit im Familienbetrieb und Günter gehörte schon in jungen Jahren zu den besten Köchen Kölns, arbeitete unter anderem im „Alfredos“, bekochte so manchen Promi und sogar das Königshaus und wurde bereits mit 23 Jahren jüngster Ausbilder im Kammerbezirk. Doch seine gesammelten Erfahrungen ließen ihn die Entscheidung treffen, mit seiner Marlies etwas Eigenes zu schaffen.
So begann die Suche nach einem geeigneten Objekt. „Wir haben uns etliches angeschaut“, erinnert sich Günter. Erstmal natürlich in Köln und in den Außenbezirken. Aber die Allmanns wollten keine Brauereibindung, zugleich wollten sie gut erreichbar sein. Dann stießen sie über eine Zeitungsannonce auf die „Alte Scheune“ in Hespert, „ein Restaurant mit eigener Autobahnauffahrt“, scherzt Marlies. Der Mix im Oberbergischen spricht die beiden schnell an. Die gute Anbindung, das Ferienland Reichshof, die familiengeführte Industrie im Kreis mit ihren Geschäftsleuten, ein paar Hotels in der Nähe, die Wanderer. 1988 werden die Allmanns Hesperter. „Wir wurden hier schnell aufgenommen“, sagt Günter und Marlies ergänzt: „Das fühlte sich schnell nach Heimat an“.
Allerdings rissen sich ihre Gäste zunächst nicht um das Essen, das die beiden Jungunternehmer da kredenzten. Ein Schneckensößchen zum Rumpsteak? Für so etwas schienen die Oberberger nicht bereit zu sein. Stattdessen mussten sich die Allmanns so einiges anhören. Marlies erinnert sich eine Fünfergruppe Damen, die nach einigen Schnäpsen wieder abgerauscht sind, weil sie keine Krüstchen mit Pommes serviert bekamen. „Wenn ihr richtig kochen könnt, kommen wir wieder“, sollen sie gesagt haben.
"Ich habe das Menü nach vier Wochen zerrissen"
Das Duo machte einen Schritt zurück. „Ich habe das Menü nach vier Wochen zerrissen.“ Mehr bekanntes Essen, aber neue Variationen – und über allem: alles frisch und beste Qualität. Auf diese Weise bekamen die Gastronomen zum Beispiel bald darauf Besuch aus den Niederlanden, die nur für den Rheinischen Sauerbraten die Grenze überquerten.
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[Repro: Allmann --- Günter und Marlies vor rund 35 Jahren vor ihrem neuen Restaurant, dem "Ballebäuschen".]
Die „Alte Scheune“ fing an zu brummen, sie knüpften immer stärkere Verbindungen auch zur Geschäftswelt, aber mit der Immobilie gab es Probleme. Das Paar wurde gezwungen, sich umzuschauen, erwägen sogar ein Engagement in Spanien. Bis die Gemeinde ihnen ein Grundstück anbietet. Sie zögerten nicht lange. Kurz darauf im Mai 1991 eröffneten sie das „Ballebäuschen“ - die Erfüllung eines Traums.
Ein paar Mal neu erfunden
Seitdem hätten sie sich ein paar Mal neu erfunden. „Unsere Gäste haben wir dabei immer mitgenommen.“ Trotz anderer Empfehlungen verzichten sie beispielsweise darauf, aus einem Raum ein reines Gourmet-Restaurant zu machen. Sie wollten es weiter ermöglichen, dass ihre Gäste von der Karte bestellen können, was sie möchten.
Weiterentwicklung, kein Stillstand, höchste Qualität, Gemütlichkeit. Dies beizubehalten, blieb eine stete Herausforderung. Das Kaffeegeschäft habe irgendwann nicht mehr funktioniert, aufgrund steuerlicher Veränderungen fielen die Geschäftsessen weg, die Euroumstellung hätte sie fast die Existenz gekostet, nicht zu vergessen Wirtschaftskrisen wie 2008.
Das Ballebäuschen für Zuhause
Und dann wäre da noch die Zeit der Pandemie. „Wir waren wie gelähmt.“ Als sie die Kündigungen an die Mini-Jobber – damals noch 18 an der Zahl – aussprechen musste und die Briefe zur Post gebracht hat, habe sie „Rotz und Wasser“ geheult. „Ein schlimmer Tag“, erinnert sich Marlies. Not macht aber bekanntermaßen erfinderisch – und so starten sie einen Abholservice. Der Clou: Die Speisen waren zum Fertigkochen in der eigenen Küche zubereitet. Schon beim ersten Testlauf – Rehragout und Schnibbelbohnensuppe – gingen 90 Portionen raus. „So konnten wir unsere Angestellten weiterbeschäftigen.“ Und beim Abholen – in der Einbahnstraße einmal quer durchs „Ballebäuschen“ – gaben sich Gäste und Gastronomen gegenseitig Kraft.
Erinnerungen, Ausnahmesituationen, besondere Momente. Das schweißt zusammen – und das zeigt sich jetzt beim Abschied. Die ursprüngliche Idee sei gewesen, einen Nachfolger für das „Ballebäuschen“ zu finden. „Wir haben ein Jahr lang gesucht.“ Fündig werden die beiden aber nicht. Auch, weil sie nicht verpachten, sondern das Haus mitverkaufen wollen. „Wir konnten uns nicht vorstellen, oben drüber zu wohnen, während unten das Geschäft läuft.“
Eine Planänderung auf den letzten Metern
Dann stellen sie sich irgendwann gegenseitig die entscheidende Frage: „Willst du eigentlich weg von hier?“ Die Antwort führt zu Erleichterung und einer Planänderung. „Das Ballebäuschen ist unser Leben.“ So wird aus der unteren Etage künftig eine barrierefreie, altersgerechte Wohnung. „Wir haben zum ersten Mal eine Privatküche aussuchen müssen, wir hatten nämlich oben gar keine.“ Die Beratung im Küchenhaus seien ob ihrer Ansprüche sicherlich ein Abenteuer gewesen, besonders für den Verkäufer. In der oberen Etage entsteht vielleicht einmal eine Ferienwohnung. Bei allen Emotionen über den nahenden Abschied von den Kunden, ihrem Team und dem Ende einer Ära: Die Allmanns leben ihren Traum in ihrer Heimat Hespert nun weiter – und werden der Geschichte weitere Erinnerungen hinzufügen. „Wir sind sehr glücklich.“
KOMMENTARE
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Das ist eine traurige Nachricht!Nachdem etliche Hausarztpraxen ohne Nachfolger
schließen mussten,der Einzelhandel zur Zeit einen verzweifelten Überlebenskampf führen verlieren wir nun im Oberbergischen unsere Gasthäuser mit langjähriger Tradition.Leider erkennt man erst im Nachhinein den Wert einer Sache! Nur wenige Gasthäuser mit Geschichte haben nach Corona und weiteren Krisen überleben können.Dadurch gehen viele Erinnerungen, Kultur und Heimatverbundenheit verloren!
Wir Oberberger sollten das im Blick behalten und versuchen, die heimische Gastronomie zu unterstützen. Das Gute ist oft sehr nah!
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