LOKALMIX

Selbstfahrende Busse: „Autonomous“ wird den ÖPNV revolutionieren

ls; 01.04.2026, 06:00 Uhr
Fotos: Leif Schmittgen/Privat --- Der chinesische Hersteller Ypong hat selbstfahrende Busse markttauglich gemacht.
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Selbstfahrende Busse: „Autonomous“ wird den ÖPNV revolutionieren

ls; 01.04.2026, 06:00 Uhr
Oberberg – Ehemalige Bahntrassen werden für Radfahrer zugunsten selbstfahrender Elektrobusse gesperrt - Lücke zwischen Marienheide und Gummersbach wird geschlossen - Fledermäuse werden nach Bali umgesiedelt.

Von Leif Schmittgen

 

Bereits seit 2024 laufen die bislang geheimen Gespräche in den Rathäusern der Anliegerkommunen, OVAG und Kreis: Wie kann man die ehemaligen Bahntrassen für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) reaktivieren? Nun ist die Katze aus dem Sack. Die Verantwortlichen haben gestern Abend die neuen Nutzungspläne der beiden Radfernwege im Oberbergischen Kreis bekannt gegeben. Zumindest von Wipperfürth bis hin zum Biggesee im Kreis Olpe verkehren künftig selbstfahrende Elektrobusse.

 

Möglich macht das Projekt unter anderem das Auslaufen der Zweckbindung zur Nutzung der seinerzeit umgewidmeten Bahnstrecken zum Radweg. Millionenförderungen flossen damals in den Kreis. Nun werden Radfahrer wieder das alte Wegenetz entlang der Bundes- und Landesstraßen nutzen müssen. Dazu ein Kreissprecher: „Die Chance, den ÖPNV optimal zu nutzen, ist einfach zu groß“, und er bittet die Zweiradfahrer um Verständnis für die bevorstehende Streckensperrung für Radler. Denn ein Parallelbetrieb ist wegen der hochsensiblen Sensortechnik der Busse nicht realisierbar.

 

Ein wichtiger Faktor, warum das Projekt nun auf die Strecke gebracht werden kann, ist die fortgeschrittene Technik: Die bis zu 25 Personen fassenden Modelle „Autonomous“ des chinesischen Herstellers „Ypong“ sind mit über 30 Sensoren ausgestattet, um auf der Trasse sicher unterwegs zu sein. Spurhalte- und Abbiegeassistent gehören genauso wie GPS-Überwachung, Kollisionswarner und die Personenerkennung dazu. Viele kennen es aus dem Türkeiurlaub: Dort verkehren sogenannte Dolmuş – das sind Kleinbusse ohne festen Fahrplan –, die bei Bedarf auf Winken der Fahrgäste anhalten und sie dann aufnehmen. Dank hochmoderner Gestenerkennung ist es dem System der Busse nun auch möglich, das Winken als Mitfahrwunsch zu deuten. So wird der entsprechende Zustieg nahezu überall entlang der Strecke ermöglicht.

 

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Außerdem ist die Mitfahrt auch an festen Haltepunkten vorgesehen. Dort werden die Fahrzeuge zudem per Austauschakku mit frischer Energie versorgt werden – nach norwegischem Vorbild werden die Batterien per Roboterarm unter dem Bus ausgetauscht, sodass die Fahrt mit dem „Autonomous“ nach gut zwei Minuten Pause fortgesetzt werden kann. Die leeren Akkus werden in unterirdischen Lagern vor Ort sogleich wieder aufgeladen. Zusätzlich sind die Fahrzeuge mit Solarzellen auf dem Dach ausgestattet, um die Reichweite zu verlängern. Einen festen Linienfahrplan wird es – wie auch beim türkischen Vorbild – nicht geben. Bis zu zehn Fahrzeuge sollen aber ine dichte Taktung gewährleisten, mit Spitzengeschwindigkeit von 60 km/h und automatischer Ausweichfunktion bei Gegenverkehr.

 

„Wir waren sofort mit dabei“, berichtet ein Sprecher der OVAG auf OA-Nachfrage. Denn in Zeiten von Fachkräftemangel sei das fahrerlose System die praktikabelste Lösung, den Linienverkehr durch den Kreis und darüber hinaus sicherzustellen. Die Buslinien 336 in Richtung Remscheid-Lennep und 301 nach Olpe, jeweils in Gummersbach startend, sollen nach dem Testbetrieb, der bereits im Frühsommer beginnen soll, sukzessive eingestellt werden. Der Regelbetrieb wird ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2027 beginnen.

 

[In Marienheide endet die ehemalige Bahntrasse - vorerst...]

 

Denn die Busse müssen peinlich genau auf die Gegebenheiten und die Topografie angelernt werden, schließlich steht die Sicherheit der Fahrgäste an erster Stelle. Deshalb wird es bereits in den kommenden Wochen mehrere Sperrungen geben, wo auf den vorhandenen Abschnitten geübt werden kann. In den High-Tech-Bussen mitfahren dürfen übrigens nur Smartphonebesitzer, denn abgerechnet wird der Trip ausschließlich über die App „eezy.nrw“, bei der ausschließlich die zurückgelegten Luftlinienkilometer kassiert werden. „Das ist das Fairste für alle Beteiligten“, so der OVAG-Sprecher. Über 80 Prozent der Kunden – so das Ergebnis einer lang angelegten Studie – verfügten inzwischen über ein Smartphone. Der Rest müsse sich eben umstellen. Papierfahrscheine wird es nicht geben.

 

[Teile der Trasse sind topografisch sehr anspruchsvoll: Die Busse müssen akribisch angelernt werden. Streckensperrungen in den nächsten Wochen sind daher unausweichlich.]

 

Begeistert von dem Projekt ist auch Wipperfürths Bürgermeisterin Anne Loth. „Auf unserem Stadtgebiet muss nichts umgebaut werden, die Gegebenheiten sind einfach ideal“, schwärmt sie. Auf dem weitläufigen Bahnhofsgelände in Wipperfürth soll ebenso wie in Gummersbach-Niederseßmar und Hützemert (Westfalen) eine Akku-Austauschstation gebaut werden. Komplizierter sieht es in Marienheide aus. Dort endet die Nordtrasse. „Wir müssen schauen, inwieweit wir Mittel aus dem ISEK, das eigentlich zum Ortskernumbau bestimmt ist, lösen können, um die Trasse bis nach Kotthausen weiterzuführen“, sagt Bürgermeister Sebastian Heimes, der den Selbstfahrern aber optimistisch entgegensieht. Zudem prüft er Möglichkeiten, die Tiefgaragensanierung am Heier Platz zugunsten der Trassenverlängerung finanziell schlanker zu gestalten oder sie notfalls sogar um ein bis zwei Jahre zu verschieben.

 

Ab der Kreuzung Kotthauserhöhe wird die Lücke dann weiter durch die Stadt Gummersbach geschlossen. Entlang der B 256 und der Westtangente wird parallel eine Trasse entstehen, die bis nach Vollmerhausen verlaufen wird und in Teilen schon besteht (Foto rechts). Dort knüpft er an den bestehenden Radweg an (Foto unten).„Die Sanierung der Hückeswagener Straße in Windhagen muss weiter verschoben werden, das Projekt hat einfach Priorität“, freut sich auch Bürgermeister Raoul Halding-Hoppenheit auf das hochmoderne Angebot. Die Mitarbeiter des Bauhofs wird er zeitnah informieren. Das nötige Baugerät zur Planierung des Damms ist schon bestellt.

 

 

Das größte Hindernis aber wartet auf dem Bergneustädter Stadtgebiet. Dort bildet der Wegeringhausener Tunnel die wohl größte Hürde zur Fortführung der Strecke bis zum Biggesee. Von November bis April ist die Durchfahrt wegen des Winterschlafs der Fledermäuse gesperrt. Um den Fahrbetrieb ganzjährig zu ermöglichen, müssen die Tiere nun weg.

 

[In dieser Höhle auf Bali (Fotos oben) möchte Matthias Thul die Fledermäuse aus dem Tunnel (unten) ansiedeln. Tausende Artgenossen leben bereits dort.]

 

Gemeinsam mit einem Drolshagener Verwaltungsmitarbeiter hat Bergneustadts Bürgermeister Matthias Thul deswegen kürzlich eine Dienstreise auf die indonesische Insel Bali unternommen, um sich dort nach möglichen Domizilen für die possierlichen Tiere umzusehen. In einer Höhle nahe der Inselhauptstadt Denpasar ist Thul tatsächlich fündig geworden. „Dort leben Tausende Artgenossen. Die rund 100 Tiere aus unserem Tunnel werden sich dort in das Sozialgefüge gut einfügen“, ist Thul sicher. Er will den Flug der Fledermäuse bis nach Südostasien persönlich begleiten, wenn es so weit ist: „Es ist mir extrem wichtig, dass es den Tieren gutgeht, aber ebenso bedeutsam ist für mich der lückenlose Fahrbetrieb“, so Thul.

 

 

Abschließend resümiert der Kreissprecher: „Die Kommunen und OVAG haben unsere volle Unterstützung. Deshalb teilen wir für uns die Anschaffungskosten für die zehn Fahrzeuge mit den Beteiligten gerne“. Der Kreis rechnet mit Kosten in Höhe von rund 30 Millionen Euro für das Gesamtprojekt. Ob die Strecke irgendwann über Hückeswagen weiter bis nach Leverkusen geführt wird, ist Gegenstand weiterer Gesprächen. „Wir sind mit Funktionsträgern der Nachbarkreise und Städte im Austausch und werben vehement für das Projekt“, versichert der Sprecher.

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