LOKALMIX

"Wir standen am Rande eines Bürgerkriegs"

jaw; 04.09.2020, 09:40 Uhr
Fotos: Jan Weber --- Gerhard Pomykaj gab den Teilnehmern einen detaillierten Einblick in die Ereignisse vom März 1920.
LOKALMIX

"Wir standen am Rande eines Bürgerkriegs"

  • 0
jaw; 04.09.2020, 09:40 Uhr
Gummersbach - Vor 100 Jahren verteidigten Gummersbacher ihre Heimat gegen republikfeindliche Militärs, die die Regierung stürzen wollten - Im Rahmen einer Veranstaltung in der Halle 32 wurde auf den Kapp-Putsch zurückgeblickt.

Von Jan Weber

 

Wir schreiben das Jahr 1920. Deutschland hat den Ersten Weltkrieg verloren und die unsicheren politischen Strukturen in der jungen Weimarer Republik bieten einen Nährboden für Populisten und Radikale. Nach der Zustimmung Deutschlands zum Friedensvertrag von Versailles putschen im März 1920 republikfeindliche Militärs gegen die gewählte Regierung.

 

Von Berlin aus verbreitet sich die Revolte in fast jeden Winkel des Landes und sorgt für Unruhen. Da die Reichswehr nicht gegen ihre eigenen Männer vorgehen will, schließen sich die Demokraten zusammen und rufen zu einem Generalstreik auf, um sich gegen den Umsturzversuch zu wehren. So auch in Gummersbach. Zwischen dem 13. und 17. März leisten die Menschen  Widerstand gegen die nationalistischen Kräfte. Vor allem Gewerkschafter, aber auch liberale Bürger, vereinen sich, um die Demokratie zu wahren.

 

WERBUNG

Am Donnerstagabend luden Vertreter von "Unser Oberberg ist bunt, nicht braun!", der IG Metall Gummersbach und ver.di ein, um über die damaligen Geschehnisse zu informieren. Knapp 40 Besucher waren in den Räumlichkeiten der Halle 32 in Gummersbach zu Gast. "Es ist wichtig daran zu erinnern, da es ein hochaktuelles Thema ist, die Demokratie in Deutschland zu bewahren. Die Taten von vor 100 Jahren können uns dabei als Vorbild dienen", erklärte Gerhard Jenders von "Unser Oberberg ist bunt, nicht braun!".

 

[Mitglieder von lasen zeitgenössische Texte vor.]

 

"Hier stand man damals am Rande eines Bürgerkriegs. Was jedoch geleistet wurde, gleicht grenzenloser Solidarität", berichtete Gerhard Pomykaj, der über 30 Jahre lang als Stadthistoriker in Gummersbach tätig war. Als die Truppen durch die Region um Gummersbach zogen, wurde ihnen von verschiedenen Akteuren der Weg versperrt. Gewerkschafter und Unternehmer wie die Steinmüller-Brüder schworen der Demokratie ihre Treue und mobilisierten die Arbeiterschaft.

 

Im Norden positionierten sich mit Dynamit bewaffnete Stahlarbeiter, im Aggertal versammelten sich liberale Bürger und der Bernberger Schützenverein hielt seine Jagdbüchsen griffbereit. "Wir lassen die Demokratie nicht zu Boden gehen. Es lebe unsere freie Republik", sagte einst Carl Hugo Steinmüller. Der Widerstand verlief ohne Blutvergießen und zeigte, was auf friedlichem Wege erreicht werden kann.

 

Die Gäste konnten sich über eine Diashow mit alten Aufnahmen aus der Stadt Gummersbach freuen, die den Charakter des Putsches und der Gegenwehr der Bürger gut verbildlichten. Außerdem wurden Passagen aus dem Werk von Albert Nohl vorgelesen, der seine zeitgenössische Sicht der Ereignisse von 1920 50 Jahre später aufgeschrieben hat. Im Anschluss fand noch eine offene Diskussion statt. 

KOMMENTARE

0 von 800 Zeichen
Jeder Nutzer dieser Kommentar-Funktion darf seine Meinung frei äußern, solange er niemanden beleidigt oder beschimpft. Sachlichkeit ist das Gebot. Wenn Sie auf Meinungen treffen, die Ihren Ansichten nicht entsprechen, sehen Sie von persönlichen Angriffen ab. Die Einstellung folgender Inhalte ist nicht zulässig: Inhalte, die vorsätzlich unsachlich oder unwahr sind, Urheberrechte oder sonstige Rechte Dritter verletzen oder verletzen könnten, pornographische, sittenwidrige oder sonstige anstößige Elemente sowie Beschimpfungen, Beleidigungen, die illegale und ethisch-moralisch problematische Inhalte enthalten, Jugendliche gefährden, beeinträchtigen oder nachhaltig schädigen könnten, strafbarer oder verleumderischer Art sind, verfassungsfeindlich oder extremistisch sind oder von verbotenen Gruppierungen stammen.
Links zu fremden Internetseiten werden nicht veröffentlicht. Die Verantwortung für die eingestellten Inhalte sowie mögliche Konsequenzen tragen die User bzw. deren gesetzliche Vertreter selbst. OA kann nicht für den Inhalt der jeweiligen Beiträge verantwortlich gemacht werden. Wir behalten uns vor, Beiträge zu kürzen oder nicht zu veröffentlichen.