LOKALMIX
„Der Rassismus bringt uns allen etwas bei“
Wipperfürth – Professor Karim Fereidooni hat am Bergischen Berufskolleg in Wipperfürth einen Vortrag zum Thema Rassismuskritik gehalten.
In diesen Tagen finden wieder die Internationalen Wochen gegen Rassismus statt. Unter dem Motto „100 % Menschenwürde. Zusammen gegen Rassismus und Rechtsextremismus“ gibt es deutschlandweit diverse Aktionen. Unabhängig davon war der Rassismus vergangene Woche Donnerstag auch am Bergischen Berufskolleg in Wipperfürth Thema. Professor Karim Fereidooni war vor Ort und hat in der Aula der Schule einen Vortrag gehalten. Fereidooni ist Professor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum, hat unter anderem die Bundesregierung (Kabinett Merkel IV) im Kabinettsausschuss zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus beraten und ist anerkannter Experte auf dem Gebiet der Rassismusforschung.
Die Schulen in Deutschland sind so divers, wie es auch die Gesellschaft ist. Zusammen kommen dort Menschen, die unterschiedliche Hautfarben oder auch verschiedene ethnische oder nationale Wurzeln haben. Und so sind auch Klassenräume und Schulhöfe Orte, an denen es immer wieder zu rassistischen Diskriminierungen kommt. Am Bergischen Berufskolleg ist das etwas, dem man begegnen möchte. „Wir leben das und versuchen, wo es nur geht, Dinge gerade zu rücken“, sagte Cathrin Hans, die stellvertretende Schulleiterin des Berufskollegs. Sie freute sich sehr über den Besuch von Prof. Karim Fereidooni – und auch darüber, dass sich einige Lehrkräfte und auch einige Schüler, die einen Abschluss als Erzieher anstreben, bewusst dafür entschieden haben, an dem Vortrag teilzunehmen.
Organisiert wurde die Veranstaltung von Lehrerin Cordula Kolarik. Sie leitet unter anderem den Bildungsgang „Internationale Förderklassen“. „Dort ist sie öfters hautnah mit dem Thema konfrontiert“, so Carolin Clemens, die ebenfalls am Berufskolleg unterrichtet. Cordula Kolarik war diejenige, die Prof. Karim Fereidooni für den Vortrag gewinnen konnte. Der 42-Jährige sprach dabei über Rassismuskritik, darüber, rassismusrelevante Wissensbestände zu verlernen sowie den rassismuskritischen Kompetenzaufbau zu betreiben. Dabei ging er nicht nur auf die Problembeschreibung ein, sondern zeigte auch ganz konkrete Handlungsmöglichkeiten auf, die andere Schulen bereits umsetzen.
Bevor Fereidooni an der Ruhr-Universität Bochum zum Professor berufen wurde, war er einige Jahre als Lehrer für die Fächer Deutsch, Politik/Wirtschaft und Sozialwissenschaften am St. Ursula Gymnasium Dorsten tätig. Nach dem Anschlag in Hanau 2020 hat er an dem Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit mitgearbeitet, der 2023 vom Bundesinnenministerium herausgegeben worden ist. Darin haben die Experten auch den Bereich „Bildung“ unter die Lupe genommen. Darüber hinaus hat Fereidooni auch an einer Studie zu Antisemitismus an Schulen in NRW mitgearbeitet. Eine Erkenntnis daraus: „Die allermeisten Lehrkräfte waren nicht in der Lage, Antisemitismus zu erkennen“, sagte er. Manche hätten sogar selbst antisemitisches Verhalten eingetragen.
Zu Beginn sprach Fereidooni darüber, was Rassismus überhaupt ist. Dabei erklärte er auch, dass es regionale und globale Ausformungen gibt. „Der Rassismus bringt uns allen etwas bei“, sagte der Professor. „Die einen lernen, ‚Ich bin weniger wert als andere Personen‘, und die anderen lernen, ‚Ich bin mehr wert als andere Personen‘.“ Auch unterhalb von Menschen mit Migrationshintergrund werde durchaus vermittelt: „Wir sind besser als die“. So sei die Aufwertung und Abwertung von Gruppen eine Funktion des Rassismus. Der Bildungsgrad und das Einkommen würden bei rassistischem Verhalten keine Rolle spielen. Anders scheint es beim Geschlecht zu sein: So gehe aus Studien hervor, dass Frauen weniger rassistisch eingestellt sind als Männer. Und: Der Rassismus zeige sich bei Wählern aller Parteien – wenn auch zu unterschiedlichen Anteilen.
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[Prof. Karim Fereidooni bei seinem Vortrag in der Aula.]
Nicht zuletzt ging es am Bergischen Berufskolleg aber darum, was man tun kann, um dem entgegenzuwirken. Wichtig sei, eine rassismuskritische Biografiearbeit zu leisten, erklärte der Professor – denn: „Man muss Rassismus ein Stück weit verlernen; das Erlernen passiert automatisch“, sagte er. Beispiele für weitere Handlungsempfehlungen seien, in der Schule eine Antidiskriminierungsstelle zu etablieren, eine Anti-Rassismus-Strategie zu entwickeln, sich von Experten beraten zu lassen, einen Code of Conduct, also einen Verhaltenskodex zu entwickeln, Stellenausschreibungen zu überprüfen und ggf. anzupassen, an Fortbildungen oder auch Studien teilzunehmen sowie einen interreligiösen Gebetsraum zu schaffen und auf außer-christliche Feiertage Rücksicht zu nehmen.
Dabei machte Fereidooni aber auch deutlich, dass man damit nicht alle Menschen erreichen könne. Er verwies auf die Theorie der „unsichtbaren Mitte“. Demnach könnten 20 Prozent nicht erreicht werden und 20 Prozent müssten nicht erreicht werden. „Es geht um die verbliebenen 60 Prozent, die unsicher sind“, sagte der 42-Jährige. „Ich glaube nicht an eine rassismusfreie Gesellschaft, aber an eine rassismussensible Gesellschaft.“