LOKALMIX

„Das Gedenken ist ein Sicherheitsgurt“

lw; 09.11.2021, 18:00 Uhr
Fotos: Lars Weber --- Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, war in Nümbrecht zu Gast.
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„Das Gedenken ist ein Sicherheitsgurt“

lw; 09.11.2021, 18:00 Uhr
Nümbrecht – Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, sprach bei Gedenkveranstaltung an die Novemberpogrome 1938 – Mehr als 100 Teilnehmer an Gedenkstätte am jüdischen Friedhof.

Von Lars Weber

 

Warum ist das Erinnern wichtig? Warum das Mahnen? Antworten auf diese Fragen hat heute, 83 Jahre nach den Pogromen beginnend am 9. November 1938, unter anderem auch Abraham Lehrer gegeben. Lehrer ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und verlor selbst einen großen Teil seiner Familie im KZ. Heute sprach er auf Einladung der Gemeinde Nümbrecht, der Oberbergischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit sowie den Freundeskreisen Nümbrecht/Mateh Yehuda - Megilot und Wiehl/Jokneam bei der Gedenkstunde am jüdischen Friedhof in Nümbrecht.  „Ich bekomme häufig die Frage gestellt: Sollten wir nicht endlich einen Schlussstrich ziehen?“, stieg er in seine Ansprache ein. Er antworte meist mit einer Gegenfrage: „Was sollen wir beenden? Die Erinnerung oder das Wissen um die schrecklichen Dinge, die passiert sind?“

 

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Lehrer bekräftigte, dass die jetzige Generation keine Schuld mehr an den Taten von damals habe. „Aber ist es trotzdem ihre Geschichte.“ Und damit obliegt ihr auch die Aufgabe, wachsam zu bleiben. „Das Gedenken ist ein Sicherheitsgurt, um weitere Menschheitsverbrechen zu verhindern.“ Dabei betrachtet Lehrer die gesellschaftliche Entwicklung mit Sorge. Antisemitismus und Rassismus seien weiterhin tief in der Gesellschaft und links, rechts und auch auf christlicher Seite anzutreffen. „Die Grenzen verschwimmen.“ Der Zuspruch für die AfD, wo immer mehr radikale Kräfte an die Spitze kämen, sei furchterregend.

 

Ein Patentrezept, um „die Menschen vor dem braunen Gift zu schützen“, habe er nicht. „Aber Bildung ist einer der wichtigsten Präventionspfeiler.“ Lehrer müssten wissen, wie sie zu reagieren haben, wenn es an der Schule zu antisemitischen Vorfällen kommt. Weiter seien KZ-Besuche oder Projekte wie die Stolpersteine geeignet, um jungen Menschen die Gräueltaten vor Augen zu führen. Auch die vielen Veranstaltungen im Rahmen von 1.700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschlands hätten dazu beigetragen, Interessierten einen Einblick in die Kultur zu geben. Lehrer wünscht sich zudem von jedem Zivilcourage im Alltag. „Auch bei noch so kleinen Witzen sollte man einschreiten.“ Nur so würden Vorurteile und Stereotypen nicht immer weitergegeben.

 

 

Auch Nümbrechts Bürgermeister Hilko Redenius hatte bei seiner Begrüßung darauf verwiesen, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, die Erinnerung wachzuhalten. „Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit hat bei uns keinen Platz!“ Eingerahmt wurde die Gedenkstunde von der Bläsergruppe des Wiehler Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums. Frank Bohlscheid und Peter Tillmann legten für die Oberbergische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit einen Kranz nieder. Marion Reinecke vom Freundeskreis Nümbrecht-Mateh Jehuda verlies das Kaddisch als Verneigung vor den Opfern. Zudem trugen Gerhard Hermann (Freundeskreis Wiehl-Jokneam), Pastor Peter Muskulos und Dr. Roland Adelmann (Freundeskreis Wiehl-Jokneam) kurze Beiträge zur Feier bei.

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