KULTUR

Tragikomödie mitten aus dem Leben

vma; 18.03.2026, 18:00 Uhr
Fotos: Vera Marzinski --- Zu seiner Beerdigung möchte Lothar (Peter Schubert) Chopins „Nocturne Op. 9 Nr. 2“ gespielt haben – auf dem Hospizbett hört er die Musik.
KULTUR

Tragikomödie mitten aus dem Leben

vma; 18.03.2026, 18:00 Uhr
Wiehl - Zwischen Tragik und Komik bewegt sich das Stück „Ruhe“ Hier stirbt Lothar“ von Ruth Thoma in der Inszenierung von Jörn Wollenweber im Schau-Spiel-Studio Oberberg - Eine gelungene Premiere mit authentischer Umsetzung eines schwierigen Themas.

Von Vera Marzinski

 

Die Diagnose einer tödlichen Krankheit und das für einen Menschen, der sowieso distanziert und zynisch ist, steht am Anfang. Ein Misanthrop (griechisch für „Menschenfeind“) der, die Menschen hasst, verachtet und deren Nähe ablehnt. Aber Lothar Kellermann (Peter Schubert) kann eigentlich auch ganz anders sein. So wie zu seinem Hund Bosco. Fast hat er sich mit seinen letzten Tagen abgefunden, da wendet sich das Blatt – es war eine Fehldiagnose. Die Ärztin Dr. Annette Lachmann (Marita Herrmann) findet, die neue Diagnose habe auch eine positive Seite. Lothars Kommentar „Die kann ich nicht erkennen“.

 

[Begeistert erzählt Lothar Rosa (Birgit Simon-Floßbach): „Die Fliesenmuster halten den Blick nicht fest, sondern lassen Raum für Fantasie“. Die beiden nähern sich im Hospiz ein wenig an und langsam verwandelt sich Lothar zu einem dem Leben zugewandten Menschen.]

 

Regisseur Jörn Wollenweber ist Gründungsmitglied des Schau-Spiel-Studios Oberberg und spielte schon in vielen Stücken mit, so wie zuletzt Erol in „Extrawurst“. Zudem inszenierte er schon in dem kleinen Theater in Wiehl. Diesmal war die Wahl etwas schwieriger, so Wollenweber. Er musste nicht nur das Ensemble zusammenstellen, sondern auch schauen, welche Darsteller er hinsichtlich des Geschlechts und des Alters auswählt. Per Zufall stieß er auf „Ruhe! Hier stirbt Lothar“. Der fast gleichnamige Film unter der Regie von Hermine Huntgeburth lief 2021 im TV. Den wolle er sich aber erst im Nachhinein ansehen.

 

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Mit Regieassistentin Maike Krei (zuletzt in „Extrawurst“ als Erols Tennis-Doppelpartnerin Melanie) stellte Wollenweber ein Stück auf die Bühne, bei dem ihm vor allem das Ausloten der Grenzen, und dass es etwas Echtes hat, etwas was jedem passieren könnte. So befindet sich das Theater zwischendurch im Park des Johannes Hospiz Oberberg, das im Hintergrund auf der Leinwand projiziert wird. Es wechselt mit Bildern vom Krankenzimmer, Firmenlager, Kneipe und Wohnung der Tochter. Das Bühnenbild besteht neben der Leinwand aus sechs Stellwänden, zwei Stühlen, einem Krankenbett und einer Holzbank. Für die einzelnen Szenen stellen die Darsteller Wände und Utensilien im Halbdunkel um – das greift ineinander wie ein Zahnrad. Ebenso wie ihr Spiel und jeder setzt seine Rolle hervorragend um.

 

Im Stück entsteht öfters aus dem Ernst die Komik, aber nicht so, dass es seltsam wirkt. Zunächst ist da aber eine Diagnose, bei der Lothar distanziert und wortkarg gegenüber der Ärztin ist. „Wollen wir ‚Du‘ sagen - ist ja nicht für lang“, sagt Rosa (Birgit Simon-Floßbach) zu ihm, die ebenfalls im Hospiz die noch verbleibende Lebenszeit verbringt. Als er ihr von seinem marokkanischen Zementfliesen erzählt, leuchten seine Augen. Diese Begeisterung spielt Peter Schubert als Lothar ebenso authentisch wie die Wut und Sprachlosigkeit. Er geht in dieser Rolle voll auf und man nimmt ihm jede Gefühlsregung zu 100 Prozent ab.

 

[Mit Tochter Mira (Anja Holländer) gerät Lothar immer wieder aneinander, auch als sie ihn bei sich aufnimmt – nach der Fehldiagnose ist er mittellos, denn sein Vermögen hat er dem Tierheim geschenkt, in dem sein Hund Bosco ist.]

 

Sehr authentisch und beeindruckend auch Birgit Simon-Floßbach in ihrer Rolle der Rosa. Lothars Tochter Mira (Anja Holländer) ist Unternehmensberaterin, ihr Freund Ansgar (Benjamin Geppert) -  oder doch Anton – ebenfalls. Zwischen Tochter und Vater ist viel Wut und Distanz. Aber auf Distanz hält Lothar alle. Auch seinen ehemaligen Mitarbeiter Manfred (Lutz Schmerbeck), der für ihn die Trauerrede verfassen und halten soll. „Als Junge liebte ich Perry Rhodan und seine Unsterblichkeit. Die wäre jetzt ganz praktisch“, erzählt er ihm.

 

Und dann – Fehldiagnose. Lothar muss nicht sterben, zumindest nicht an der Hautkrankheit, die er hat und die heilen wird. Doch Lothars Geld ist weg und sein geliebter Hund auch. Er wird zynisch und Rosa will ihre Zeit nicht mit so einem Idioten verbringen. Lothar muss ins Leben zurückkehren. In ein Leben, das ihn weder will noch braucht. Und er ist auf andere Menschen angewiesen - ob er will oder nicht.  Eine Geschichte mitten aus dem Leben, ohne Happy End, aber dennoch mit Blick auf die alltäglichen Dinge des Lebens und den Zauber, der ihnen innewohnt. Ernsthaft und komisch und doch Mut machend.

 

Bis zum 19. April finden weitere Vorstellungen statt. Informationen und Tickets unter www.bergisch-live.de.

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