KULTUR

Tragik und Komik bei „Honig im Kopf“

vma; 24.01.2022, 11:10 Uhr
Fotos: Vera Marzinski --- Eine überragende Vorstellung lieferten die Schauspieler bei der Premiere von "Honig im Kopf".
KULTUR

Tragik und Komik bei „Honig im Kopf“

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vma; 24.01.2022, 11:10 Uhr
Wiehl – Mit dem Theaterstück „Honig im Kopf“ ist Regisseur Raimund Binder auf der Bühne des Schau-Spiel-Studios Oberberg eine grandiose Inszenierung gelungen, die das ernste Thema Alzheimer mit humorvollen Passagen erzählt.

Von Vera Marzinski

 

Amandus Rosenbach ist ein Mann, der an Alzheimer erkrankt. Während dessen Sohn und Schwiegertochter mit der Situation zunächst nicht zurechtkommen, beschert die Enkelin ihrem Großvater die letzten schönen Momente, bevor ihm seine Erinnerung endgültig abhandenkommt. Eine berührende Geschichte über Verlust, Familie, Liebe und (vergehende) Erinnerung, die ein aktuelles und wichtiges Thema auf behutsame Weise vermittelt.

 

[Gisbert Möller spielt den Amandus sehr authentisch – auch die Verzweiflung des Alzheimerkranken.]

 

„Honig im Kopf“ ist die Bühnenfassung von Florian Battermann in einer Bearbeitung von René Heinersdorff, basierend auf dem gleichnamigen Film mit dem Drehbuch von Hilly Martinek und Til Schweiger. Und Schweiger erhielt unter anderem Schauspiel-Unterricht von Raimund Binder. Der war in den 1980er-Jahren Lehrer und kommissarischer Leiter am Kölner „Theater der Keller“. Im Wiehler Schau-Spiel-Studio Oberberg spielt Gisbert Möller den Amandus Rosenbach. Wieder mal eine Rolle, die ihm wie auf den Leib geschneidert scheint. Er gibt einen authentischen Alzheimerkranken, der sich im Laufe des Stücks immer verzweifelter an seine alten Erinnerungen und ein Fotoalbum klammert, während seine Krankheit weiter und weiter fortschreitet.

 

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„Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man alles vergisst?“, fragt ihn seine Enkelin Tilda. „So wie Honig im Kopf, so verklebt“, sagt Amandus. „Wenn es mir gelingt, Opa eine Aufgabe zu geben und er das Gefühl hat, dass ich ihn ganz doll dafür brauche, wird er vielleicht wieder gesund“, denkt sich seine Enkelin Tilda, die Anna Pflitsch gekonnt kindlich auf die Bühne bringt. Sie muss als Tilda die größte Herausforderung meistern. Denn: Wie spielt man ein Kind, wenn man über 20 ist? Doch Anna Pflitsch nimmt man das ab und sie ist in jeder Sekunde in ihrer Rolle. In Wiehl stand sie schon früher auf der Bühne, wie in dem Kinderstück „Michel aus Lönneberga“ (2012). Mittlerweile ist die 25-Jährige mit ihrem Studium der Theaterwissenschaften fertig und wieder aktiv in Wiehl dabei.

 

[Tildas Eltern Sarah (Kerstin Kaun) und Niko (Colin Knura) streiten nicht nur wegen Amandus.]

 

Sohn Niko – brillant verkörpert von Colin Knura – nimmt den zunehmend Pflegebedürftigen bei sich auf, was zur Belastungsprobe für die ohnehin kriselnde Ehe von Tildas Eltern wird. Eine „auf“ statt „um“ zehn Zentimeter gekürzte Hecke sorgt im Publikum für Lacher, treibt Nikos Frau Sarah - Kerstin Kaun hervorragend in der Rolle der Schwiegertochter - allerdings trotz seiner rührend ungelenken Entschuldigungsversuche an den Rand der Verzweiflung. Als Niko beschließt, seinen Vater in eine Altenresidenz zu geben, macht sich Tilda mit Amandus und dem „ausgeliehenen“ Auto ihrer Eltern auf den Weg nach Venedig, wo Amandus einst mit seiner Frau die Flitterwochen verlebte.

 

[Enkelin Tilda (Anna Pflitsch) und ihr Opa Amandus haben eine sehr enge Verbindung. Sie schafft es, ihrem Opa mit Verständnis zu begegnen.]

 

Das Stück lebt von der hervorragenden Bearbeitung durch Regisseur Binder und durch die überzeugenden Schauspieler. Binder hat ein reduziertes Bühnenbild geschaffen, das mit mehreren Vorhängen und viel Einsatz der Darsteller beim Umstellen und Wechsel der Räume perfekt funktioniert. Dieser Minimalismus tut der Inszenierung sehr gut, lässt sie fokussiert und zielgerichtet wirken. Und er kommt mit den vier Hauptfiguren - Vater, Sohn, Schwiegertochter, Enkelin – und zwei weiteren Darstellern aus. Maike Krei (als Trauergast, Polizistin, Nonne, Pyrotechnikerin etc.) und Peter Schubert (Möbeltransporter, Dr. Holst, Serge, Schaffner etc.) meistern ihre unterschiedlichen Rollen sehr gut.

 

Die nächsten Vorstellungen finden - unter 2G-Bedingungen (Geimpft, Genesen) – am Mittwoch (26. Januar), Freitag (28. Januar), Samstag (29. Januar) um 20 Uhr und Sonntag (30. Januar) um 18 Uhr statt. Weitere Termine bis 13. Februar unter: theater-wiehl.de/spielplan

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