KULTUR

Theater wird zum Gerichtssaal

vma; 25.09.2025, 10:30 Uhr
Fotos: Vera Marzinski --- Im Fokus der Inszenierung steht die Entscheidung um das Schicksal von Major Lars Koch (Fabian Beer), Pilot eines Kampfjets der Bundeswehr, der sich eigenmächtig dazu entschied, das entführte Flugzeug abzuschießen.
KULTUR

Theater wird zum Gerichtssaal

vma; 25.09.2025, 10:30 Uhr
Wiehl – Die Inszenierung von „Terror“ gibt dem Publikum das Gefühl, mittendrin zu sein.

Von Vera Marzinski

 

Die Inszenierung des Ferdinand von Schirach-Theaterstückes „Terror“ von Anna Franziska Pflitsch vermittelt dem Publikum des Schau-Spiel-Studios Oberberg das Gefühl, als wären er oder sie Teil einer Gerichtsverhandlung.Von der ersten Sekunde an signalisiert bereits das Bühnenbild, dass man sich in einem Gerichtssaal wiederfindet. „Terror“ ist das erste von fünf Stücken der Spielzeit 2025/2026 des Wiehler Theaters. Und das beginnt mit einer brisanten Frage: Dürfte eine vollbesetzte Passagiermaschine abgeschossen werden, um zu verhindern, dass mit dieser Maschine ein Anschlag auf einen öffentlichen Platz ausgeführt wird, bei dem eine Vielzahl ebenfalls unschuldiger Menschen ums Leben käme?Angeklagt ist in dem Theaterstück „Terror“ ein Bomberpilot, der gestanden hat, ein Passagierflugzeug mit 164 Menschen an Bord abgeschossen zu haben.

 

Die Maschine war von einem islamistischen Terroristen entführt worden, der sie in ein von 70.000 Menschen besuchtes Fußballstadion stürzen wollte. Der Anschlag wurde verhindert – um den Preis des abgeschossenen Flugzeuges. Die Szene auf der Bühne des Schau-Spiel-Studios Oberberg: Ein Gericht. Das Publikum: Die Schöffen. Neben dem Angeklagten – Pilot Lars Koch (Fabian Beer, sehr überzeugend in der Rolle) selbst – kommt auch der militärische Vorgesetzte des Angeklagten, Stabsoffizier Christian Lauterbach – doppelt besetzt mit Martin von Mauschwitz und Michael Albrecht – zu Wort. Zudem die Nebenklägerin Franziska Meiser – tieftraurig und wütend dargestellt von Beate Breiderhoff – die einen geliebten Menschen beim Abschuss der Maschine verloren hat.

 

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Und natürlich die Staatsanwaltschaft, brillant und spitzfindig Angela Harrock in der Rolle der Staatsanwältin Nelson, und die Verteidigung mit einem hervorragenden Rolf Peter Klaus als Anwalt Biegler.Mit rhetorischen Strategien und Argumentationsketten versuchen sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung zu überzeugen. Beim Publikum werden – vom Autor des Stückes – Entscheidungskompetenz und der Gebrauch Subjekthaftigkeit erwartet. „Der Sachverhalt scheint klar vor uns zu liegen“, so die Vorsitzende (hervorragend von Sabine Müller dargestellt). Aber so einfach ist es nicht, über Menschenleben und ihren Tod zu befinden. So geht die Protokollführerin (Simone Wunderlich) am Ende der Verhandlung mit einem Kästchen herum, in das die Theatergäste, die ja nunmehr Schöffen sind, ihr Votum für „Verurteilung“ oder „Freispruch“ per Chip-Einwurf geben können.

 

[Die Staatsanwältin Nelson (Angela Harrock) geht in ihrem Plädoyer auf die Verfassung ein - man dürfe einzelne Leben nicht gegeneinander abwiegen - und weist darauf hin, dass das Stadion auch hätte geräumt werden können. Zeit genug war dafür.]

 

Jede Aufführung kann somit vollkommen unterschiedlich enden. Dafür hat Autor Ferdinand von Schirach zwei Versionen der Urteilsverkündung für die Vorsitzende der Gerichtsverhandlung parat. Während des Auszählens der Stimmen kamen im Wiehler Theater auf den Rängen Diskussionen auf, wie man entschieden habe und weshalb. 19 zu 38 Stimmen für das Urteil – und auch bei den nächsten Aufführungen wird es spannend. Wie sagte der Gerichtsvorsitzende so schön am Anfang: „Vergessen Sie alles, was Sie über diesen Fall gelesen oder gehört haben – und dann entscheiden Sie!“Hintergrund des Stücks ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2006, das den wichtigsten Paragraphen des ein Jahr zuvor erlassenen Luftsicherheitsgesetzes wieder aufhob. Demnach dürfen entführte zivile Flugzeuge nicht zum Schutz des Landes abgeschossen werden, weil jedes Menschenleben zu achten ist.

 

[Verteidiger Biegler (Rolf Peter Klaus) ist fest davon überzeugt, dass die Rettung von Menschenleben über das Prinzip der Menschenwürde gestellt werden müsse.]

 

Wie von Schirach den komplexen Sachverhalt in seiner humanen Bedeutsamkeit aufzeigt und das Theater als Plattform der Rechtssuche nutzt und dabei ein spannendes Stück schafft, ist beeindruckend. „Terror“ gilt nicht nur als eines der in Deutschland erfolgreichsten zeitgenössischen Theaterstücke, sondern ist auch ein weltweit vielbeachtetes Drama. Die nächste Vorstellung findet am Samstag, 27. September, um 19:30 Uhr statt.

 

Weitere neun Aufführungen sowie Informationen zur Spielzeit unter theater-wiehl.de

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