KULTUR

„Kann denn Liebe Sünde sein?“

kb; 08.03.2026, 11:10 Uhr
Fotos: k.b. --- Ein „Tanz auf dem Vulkan“: Uwe Rössler (v. li.) , Imke Frobeen, Max Schaaf, Elke Buschmann, Marcus Buschmann und Nadja Hielscher.
KULTUR

„Kann denn Liebe Sünde sein?“

kb; 08.03.2026, 11:10 Uhr
Marienheide – Zum 30-jährigen Geburtstag von „Kulturrausch“ traten „Papa Joe's Glühwürmchen“ im Pädagogischen Zentrum der Gesamtschule auf.

Zum 30. Geburtstag von „Kulturrausch“ gab es gestern Abend eine besondere musikalische Zeitreise mit „Papa Joe's Glühwürmchen“. Als die ersten Töne im Saal erklangen, schien die Zeit plötzlich rückwärts zu laufen. Ein paar Akkorde vom Klavier, ein Rascheln von Federboas, dann setzten drei Stimmen ein – klar, harmonisch, verführerisch, und für einen Moment fühlte es sich an, als hätte jemand die Tür zu den Goldenen Zwanzigern geöffnet: Pures Nachtclub-Feeling in Marienheide mit amerikanischem Modetanz Charleston, verruchtem Chanson und ein bisschen Halbseide.

 

[Nadja Hielscher spielte die für die 1920er Jahre typische Horngeige.]

 

Drei Damen, geschniegelt im Stil der Zeit mit Netzstrümpfen, Federkopfschmuck und einem Augenzwinkern, das mehr verspricht als jede Reklame, bezauberten das Publikum im Pädagogischen Zentrum der Gesamtschule in Marienheide. Sie sangen dreistimmig so sauber und elegant, dass selbst ein Grammophon vor Rührung knistern würde. Mal kokett und verführerisch, mal burschikos, dann wieder mit jener charmanten Frechheit, die man früher schlicht „Halbseide“ nannte. Mit Flüstertüte und einem gehörigen Schuss Grammophon-Charme ließen sie die Tonfilmschlager, Chansons und Swingnummern jener Zeit wieder aufleben. Da wurde gesäuselt, geschmunzelt und geschunkelt. Und wie sie sangen! Mal hauchten sie ins Mikrofon, als säßen sie spät nachts im Hinterzimmer einer verruchten Bar: „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Dann wieder gaben sie sich burschikos wie eine Berliner Göre auf dem Alexanderplatz. Ein bisschen frivol, ein bisschen frech – und immer mit jener charmant-verruchten Respektlosigkeit, ohne die die Zwanziger schlicht nicht denkbar wären: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.“

 

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Zwischen all den musikalischen Verlockungen trat Hans Buschmann auf die Bühne, ein wohlgekleideter Herr mit Sinn für die spitze Pointe und die feine Ironie. Er führte das Publikum kurzerhand in die Berliner Kabarettstuben der Zwischenkriegsjahre, dorthin, wo Wortwitz schärfer war als Rasierklingen und Satire manchmal das Einzige, worüber man noch lachen konnte. Mit im Gepäck: die großen Namen der Zeit – Kurt Tucholsky, Heinrich und Thomas Mann, Erich Kästner und Otto Reutter. Und irgendwo zwischen Alexanderplatz und Kabarettbühne fand man sich im Berliner Wintergarten wieder. Wie das alles zusammenpasste? Nun – wie so vieles in den Zwanzigern: auf wunderbare Weise gar nicht und gerade deshalb vollkommen.

 

[Hanns Buschmann begeisterte mit einem Ausflug in die Berliner Kabarettgeschichte.]

 

Die Zwanziger – das war eine Zeit, in der die Welt ein wenig aus den Fugen geraten war und man gerade deshalb umso leidenschaftlicher tanzte. Inflation, Politik auf Messers Schneide, die Zukunft ein einziges großes Fragezeichen – und während draußen der Sturm pfiff, spielte drinnen das Grammophon. Ein einziger Tanz auf dem Vulkan! Hundert Jahre später schimmern diese wilden Jahre noch immer durch den Staub der Geschichte. Und als „Papa Joes Glühwürmchen“ über die Bühne tanzten, flackerte plötzlich wieder jenes schillernde Licht auf, das einst über Tanzpaläste, Varietés und verrauchte Kabaretts hinweggezogen war. Damals wie heute gilt schließlich: Wenn die Zeiten unruhig werden, hilft nur ein bisschen Musik, ein bisschen Ironie, nie enden wollende Lebenslust und das Gefühl, trotz aller Weltsorgen mit Vorliebe bis in den Morgen hinein auf dem Parkett tanzen zu wollen.

 

[Meisterpianist Uwe Rössler.]

 

Die drei Vokalkünstlerinnen Nadja Hielscher (Violine, Gesang), Imke Frobeen (Cello, Gesang) und Elke Buschmann (Klarinette, Gesang) und Hanns Buschmann (Vortragskünstler, Moderator) wurden von dem herausragenden Pianisten Uwe Rössler, der immer wieder mit seinen Soloeinlagen für Begeisterungsstürme der etwa 200 Gäste im Publikum sorgte, und Max Schaaf am Kontrabass und Marcus Buschmann an den Drums begleitet.

 

[Vize-Bürgermeister Timo Fuchs lobte das Engagement der Initiative.]

 

Rössler, der mit virtuosen Soloeinlagen zeigte, dass ein Klavier nicht nur begleiten, sondern auch glänzen kann – ganz wie ein frisch polierter Tanzschuh auf dem Parkett –, schlug den musikalischen Takt. Zusammen mit Buschmann an den Drums sorgte das Ensemble dafür, dass vergilbte Fotografien jener Epoche wieder Farbe annahmen.

 

Das Swing-Ensemble besteht seit 1990. Die Heimat der Glühwürmchen ist „Papa Joe’s Klimperkasten” am Alter Markt im Herzen der Kölner Altstadt. Dort feierten sie auch ihr 25. Jubiläum. Marienheides Vize-Bürgermeister Timo Fuchs hielt eine Laudatio auf Engagement, Kreativität und Ehrenamt: „Kulturrausch bringt Kultur nach Marienheide und Menschen zusammen.“ Fuchs verwies auf die außergewöhnliche Collagenwand mit Werbeplakaten von mehr als 400 Projekten von „Kulturrausch“ in den vergangenen 30 Jahren. Am Ende des Abends blieb die große Frage, die schon in den 1920ern über den Köpfen schwebte: Wie lange dauert dieser Tanz auf dem Vulkan noch? Die Antwort? Nun, meine Damen und Herren: Man weiß es nicht. „Aber solange die Glühwürmchen leuchten, darf getanzt werden.“ Eine gebührende abendliche Feier zum 30. Geburtstag von „Kulturrausch“.

 

Kulturrausch

 

[Gründungsmitglieder von „Kulturrausch“: Silvia Förster (v. li.), Gerd Fangmann, Christa Wagner und Werner Rosenthal.]

 

Veranstalter des Abends war die Ereignis- und Erlebnisinitiative „KULTURRAUSCH“, ein Zusammenschluss von Kulturinteressierten, die seit 30 Jahren durch Aktivitäten verschiedenster Art das kulturelle Leben in Marienheide bereichern. Dem 1996 gegründeten Verein obliegt die Organisation und Durchführung von Veranstaltungen aus den Bereichen Theater, Kabarett, Literatur, Musik und Film, Geschichte und bildende Kunst sowie die Förderung von Künstlern aus der Region.

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