KULTUR
Ist Frankensteins Monster wirklich böse?
Gummersbach – Das Westfälische Landestheater inszenierte „Frankensteins Monster“ in der Halle 32 und erzählte die berühmte Geschichte sehr kurzweilig.
Von Vera Marzinski
Mary Shelleys "Frankenstein" gilt als Klassiker unter den Horrorstoffen. An Adaptionen mangelt es nicht. Als Mary Shelley 1816 im Alter von nur neunzehn Jahren „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ schrieb, legte sie damit die Grundlage für den modernen Horror- und Science-Fiction-Roman. Mittlerweile wurden aus ihrem Stoff Filme, Theaterstücke, Fernseh- und Comicbücher veröffentlicht. Das Westfälische Landestheater Inszenierte „Frankensteins Monster“ als Jugendstück für alle ab 14 Jahren in einem Einakter von 60 Minuten.
Die ehrgeizige Forscherin Viktoria Frankenstein weigert sich, die Grenzen der menschlichen Existenz zu akzeptieren und wünscht sich sehnlichst ein Kind – und Ruhm. Mit Leichenteilen und alchemistischen Versuchen schafft sie sich einen künstlichen Menschen. Doch das Werk ist in ihren Augen ein „Monster“.
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[Marc Mahn hat ein modulares Bühnenbild geschaffen, bei dem drei Spielorte gleichzeitig zu sehen sind. So kann sich das Geschehen im Zuge der schnellen Szenenwechsel geschmeidig verlagern, wie hier in die Wohnung der alten Dame (Nina Holtvoeth) mit dem „Monster“ (Alexander Maria Wolff).]
Schon vor Beginn des Stücks in der Halle 32 ist Bewegung auf der Bühne. Zwei in orangefarbenen Schutzanzügen inspizieren den Bühnenraum. Hier befinden sich eine Rampe, ein Stromzähler, alte Möbel inklusive Bücherschrank und ein großes Zigaretten-Werbeplakat. Zwei Erzählerinnen führen kurz in die Geschichte ein. Die eine – Jamila Boukhers – zieht eine Art Albert Einstein-Perücke und einen Zwangsjacken-ähnlichen grünen Mantel an, und wird zu Victoria Frankenstein. Das Ganze startet mit einem missglückten Experiment, und die Erzählerinnen – neben Boukhers noch Nina Holtvoeth - versprechen, den Handlungsablauf der blutigen Geschichte zu erzählen.
Aber sie erzählen nicht nur, es gibt auch tolle und anspruchsvolle Songs, komponiert von Martin Sundbom, die live vom Ensemble gesungen werden. So besingen sie auch den jungen Mann in blutverschmierten Mullbinden: das Monster, gespielt von Alexander, Maria Wolf. Der bleibt in der Rolle, die beiden Darstellerinnen wechseln in die Rollen von zwei Teenagerinnen und anschließend treten sie als Polizistinnen auf. Dreistimmig das Lied „Warum kann ich nicht aus dem Albtraum erwachen?“. Eine einsame, blinde alte Dame (Holtvoeth) nimmt das Monster mit nach Hause und bringt ihn zum Sprechen. Er will wissen: „Wer bin ich? Woher komme ich?“.
Für die alte Dame ist er keine Albtraumgestalt – sie sieht ja nicht sein Äußeres. Ihre Nichte Nicole (Boukhers) jedoch weist sie vehement auf das äußere Erscheinungsbild hin. Er flüchtet, sucht seine „Mutter“ und erfährt auch hier Ablehnung. „Du bist nicht fertig du bist ein Versehen“, sagt Victoria Frankenstein. So wird das Monster aggressiv, will dem zweiten, offensichtlich geglückten Versuch von Frankenstein, dem artigen Monster Elisabeth, Gewalt antun. Flüchtet aber mit ihr und fragt singend „Wer ist Monster, wer bin ich?“. So endet das Stück des Westfälischen Landestheaters in einer Neuinterpretation von Rasmus Lindberg.
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[Das Stück war sehr kurzweilig durch die Bühnengestaltung, die Mehrfach-Rollen der Darstellerinnen – wobei das Monster durchweg von Alexander Maria Wolff gespielt wurde – sowie dem Wechsel von Text und Musik.]
Dramaturgin Sabrina Klose und Regisseur Kristoffer Keudel überzeugte für die Wahl dieses Stückes der Aspekt der künstlichen Intelligenz und die Frage, was das mit der Gegenwart zu tun hat. „Die Geschichte lehrt uns, dass zu Erfindungen Verantwortung gehört. Und verantwortungsvolles Handeln ist keine Science-Fiction, keine Zukunftsmusik, sondern aktuell sehr nötig“, so Regisseur Keudel im Gespräch zu diesem Stück.
Leider war der Theaterabend in Gummersbach nicht sonderlich gut besucht, doch die Gäste, die dabei waren, erlebten ein interessantes, vielschichtiges Stück mit hervorragenden Darstellern. Ein besonders Thema hat auch das nächste Kindertheater-Stück in der Halle 32 am 9. Juni. „Ente, Tod und Tulpe“ ist ein Kinderstück, das den Tod thematisiert. Und einen Tag später ist das Schauspiel-Spektakel „In 80 Tagen um die Welt“ nach Jules Vernes Roman auf der Halle 32-Bühne zu sehen.