KULTUR
Frauen haben die Räuberhosen an
Wiehl - Schillers Drama „Die Räuber“ im Schau-Spiel-Studio Oberberg in der Inszenierung von Anna Franziska Pflitsch mit rein weiblicher Besetzung – fantastisch emotional.
Von Vera Marzinski
Schau-Spiel-Studio-Geschäftsführerin Angela Harrock erklärte zur Begrüßung bei der Premiere von „Die Räuber“: „Das Stück konnten wir eigentlich nicht spielen, denn alle Rollen - bis auf eine - sind nur Männer.“ Doch Regisseurin Anna Franziska Pflitsch fand: „Es geht nicht primär um das Geschlecht der Figuren, sondern um ihre Konflikte, ihre inneren Kämpfe und um die Strukturen, die sie umgeben.“ Es war also entscheidend für sie, dass die Schauspielerinnen in Typ und Ausdruck zu den Rollen passen – und das ist ihr insbesondere mit den beiden Hauptrollen – Katrin Platzner als Karl und Gesa Dittmann als Franz - mehr als gelungen. Aber auch die weiteren Rollen sind sehr passend besetzt.
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[Gesa Dittmann hatte als Franz einen sehr textlastigen Part, mit dem der sich die Welt zurechtfabulierte – und sie lebte die Rolle des intriganten, bösartigen Bruders vollends aus.]
Friedrich Schiller schildert mit der Geschichte der ungleichen Brüder den Konflikt zwischen Freiheit und Gesetz, Individualität und Norm. Franz macht sich zum Maß aller Dinge und erhebt sich über das Gesetz. Der Rebell Karl missachtet es als Hauptmann einer Räuberbande, jedoch als eine Art Robin Hood – auch wenn seine „Mannen“ das etwas anders auslegen. Dabei viel Imponiergehabe durch burschikoses Auftreten mit hochgezogenen Schultern und breitem Gang. Im Originalstück treten Frauen nur als Opfer männlicher Gewalt auf. In der Schau-Spiel-Studio Oberberg Inszenierung haben hier einmal die Frauen die Räuberhosen an.
Die Rivalität zwischen Geschwistern, in diesem speziellen Fall von den Brüdern und Karl und Franz von Moor kommt nicht von ungefähr – Karl ist Vaters Liebling. Franz ist der jüngere der beiden Brüder und lebt auf dem Familienanwesen mit seinem Vater, der aber Karl schon immer bevorzugt hat. So startet Franz eine Intrige, um die Zuneigung des Vaters zu gewinnen. Gesa Dittmann bringt alle Facetten von Boshaftigkeit mit teilweise sehr diabolischen Zügen bis zu aufgesetzter Freundlichkeit zu Karls Verlobten Amalia grandios glaubhaft auf die Bühne.
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[Katrin Platzner als verstoßener Bruder Karl stand Dittmann in nichts nach und verstand sich zudem prächtig auf Wutgebrüll.]
Katrin Platzner spielt die Verzweiflung des zu Unrecht Verstoßenen, seine Zerrissenheit und Wut intensiv und vollkommen authentisch. Und während Einzelkämpfer Franz zuhause immer offener zum Despoten wird, selbst den eigenen Vater sukzessive aus dem Weg räumt und des Bruders Verlobte Amalia zu erobern versucht, entgleiten Karl zunehmend die Zügel im Wald - die Raubzüge arten in einer unaufhaltsamen Dynamik immer mehr in Gewalt und Exzess aus.
Zum Anfang und zum Schluss sind alle Mitwirkenden auf der Bühne. Sämtliche Utensilien für das Bühnenbild werden gemeinsam immer wieder umgestellt. So gehen die einzelnen Akte ineinander über. Brillant die Musikauswahl dazu - Stücke von Queen und immer passend mit den Liedtextpassagen zum Stück wie das „I want it all“, als Sohn Franz den Vater ganz linkisch dazu bringt, den Bruder zu verstoßen. Oder „Don’t Lose Your Head“, als Karl wieder auftaucht und Franz vollkommen irritiert ist.
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[Im gleichen Bühnenoutfit wie ihre Darstellerinnen freute sich Regisseurin Anna Franziska Pflitsch sichtlich über die gelungene Premiere.]
Das zehnköpfige Räuber-Ensemble ist sehr homogen – jede füllt ihre Rolle hervorragend aus. So Bärbel Stinner als Spiegelberg, der sehr redselig und linkisch ist – sie spielt zudem auch den Vater Maximilian von Moor. Auch Paula Erdmann (mit grandioser Mimik) tritt in einer Doppelrolle auf, als Amalia von Edelreich sowie als Räuber Ratzmann. Ebenso Marianne Zager, die den Handlanger Hermann sowie den empörten Pater spielt. Maike Schneider ist zunächst der Räuber Roller und später Kosinsky. In weiteren Räuberrollen Gabi Bülter als Schweizer, Inge Panhey als Schwarz, Isabella Pohl als Grimm und Jutta Rieckmann als Schauffele. Sehr sehenswert ist diese Inszenierung mit viel Drama, viel Emotionen, teilweise Komik und tragischen Wendungen.
Weitere Aufführungen: 31. Januar (19:30 Uhr), 1. Februar (18:30 Uhr) sowie acht weitere bis 22. Februar im Theater an der Warthstraße (Karten bei Wiehlticket, Tel.: (02262/99-285).

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