KULTUR

Eine klare, prägnante Sprache, die gedanklich wie fühlbar berührt

vma; 20.11.2025, 13:00 Uhr
Fotos: Vera Marzinski --- Normalerweise bringt Raimund Binder Theaterstücke auf die Bühne – diesmal las er aus seinem Buch „Der Vogel auf dem Dach“.
KULTUR

Eine klare, prägnante Sprache, die gedanklich wie fühlbar berührt

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vma; 20.11.2025, 13:00 Uhr
Wiehl - Raimund Binder stellte im Schau-Spiel-Studio Oberberg seinen Gedicht- und Kurzgeschichtenband „Der Vogel auf dem Dach“ vor.

Von Vera Marzinski

 

Raimund Binder ist Theatermensch durch und durch. Nun hat er aus seinem frisch veröffentlichen Gedicht- und Kurzgeschichtenband „Der Vogel auf dem Dach“, der Themen wie Heimat, Liebe und Geisteshaltung in einer bewegten Zeit beinhaltet, im Schau-Spiel-Studio Oberberg gelesen.

 

Der Vorsitzende des Schau-Spiel-Studios Oberberg, Michael Albrecht, stellte zur Begrüßung der Lesung fest: "Heute ist alles wie immer, aber anders". Raimund Binder stand auf der Bühne des kleinen Theaters. Eigentlich habe er eine Pause machen wollen, „aber ich habe schon geahnt, dass er nicht stillsitzen kann“, so Albrecht - und nun stellte Binder seinen „inkonsequenten Versuch einer zeitgenössischen Biografie in Kurzerzählungen und Gedichten“ – so steht es auf der Rückseite von „Der Vogel auf dem Dach“ - vor. Diese verfasste er in den Jahren 1968 bis 1980, zu Zeiten des Sozialismus in Rumänien.

 

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Eine klare, prägnante Sprache, die gleichermaßen gedanklich wie fühlbar berührt findet sich in den Texten. Die natürlich noch eine ganz andere Dimension erhalten, wenn der Autor sie selber liest. So betonte auch eine Dame beim anschließenden Signieren, dass sie schon beim Vorablesen ganz begeistert war, doch hätten die Gedichte und der Ausschnitt aus der Kurzgeschichte „Der Vogel auf dem Dach“ aus dem Mund des Autors eine ganz andere Wertigkeit.

 

In seiner Veröffentlichung zeigt Binder ein feines Gespür für Zwischenräume – zwischen Menschen, zwischen Gewissheiten und Zweifeln. Zudem ist es eine zeitlose Reflexion – auch wenn es die Zeit Ende der 1960er- bis Anfang der 1980er-Jahre beinhaltet. Für die Gäste im Schau-Spiel-Studio Oberberg gab es anlässlich der Lesung viel Biografisches. Wie von seiner Ausbildung zum Theatermann, vor der er überzeugt war, er wisse schon alles und in der ihm sein Lehrer vermittelte, er wisse noch gar nichts. Aber Binder war diesem besonderen Pädagogen sehr dankbar für das, was er bei ihm lernte.

 

[In den Gedichten und Kurzgeschichten, die Binder zwischen 1968 und 1980 im sozialistischen Rumänien verfasst hat, geht es um „Heimat, Liebe und Geisteshaltung in bewegter Zeit“.]

 

Raimund Binder wurde 1945 in Schäßburg, Siebenbürgen geboren. Ihm wurde das Theater sozusagen in die Wiege gelegt. Als Sohn einer Schauspielerin und Regisseurin und eines Malers und Bildhauers, schnupperte Raimund Binder von Anfang an Theaterluft. Nach der Ausbildung arbeitete Raimund Binder in Temeswar/Rumänien am Deutschen Staatstheater - von 1970 bis 1975 als Schauspieler, später auch als Regisseur, nachdem er zu einem Austausch zur Regie-Hospitanz am Deutschen Theater Berlin war.

 

Nach einer Zeit als Schauspiellehrer am Institut in Bukarest beschlossen er und seine Frau Hiltrud auszuwandern, denn die Umstände unter Ceaușeşcu waren nicht gut. 1978 wanderte zunächst seine Frau aus und 1980 durfte Raimund Binder im Rahmen einer Familienzusammenführung nachkommen.

 

[Die vor über 50 Jahren entstandenen Texte hatte Binder sicherheitshalber auf Band gesprochen - und als Musikkassetten getarnt aus Rumänien geschmuggelt.]

 

Seit nunmehr über 30 Jahren ist er künstlerischer Leiter des Schau-Spiel-Studios Oberberg – und hat viele auf ihrem Weg begleitet und grandiose Stücke von „Biedermann und die Brandstifter“ bis zu „Woyzeck“ – in dem er in der letzten Spielzeit nicht nur Regie führte, sondern auch selber mitspielte -, auf die kleine Bühne in Wiehl gebracht.

 

Um damals in Rumänien die Texte zu veröffentlichen, hätte er ein Parteigedicht verfassen müssen. So schrieb er, „ich lieb dich nicht Partei“, was dem Verleger Bauchschmerzen verursachte und so schickte dieser die Texte unveröffentlicht zurück. Mit dem Hinweis, dass er ihn nicht Schwierigkeiten aussetzen wolle, die mit der Veröffentlichung eines solchen Inhaltes unweigerlich entstanden wären.

 

Aber neben diesem speziellen Text geht es auch um den Blick auf die Heimat. Ein Kapitel widmet er seiner Frau Hiltrud, mit Gedichten wie „Stimmungsbild für Wechselrahmen“. Das schrieb er, als er Hiltrud 1978 zum Flugzeug gen Deutschland gebracht hatte. In seiner Theaterpause in diesem Jahr fand er das Dossier zu „Der Vogel auf dem Dach“ wieder. Ein Dossier, das an der Schreibmaschine entstanden war, und das auf interessanten Wegen nach Deutschland gekommen war - unter anderem auf Musikkassetten. „Es ist mein Leben in einer sehr bewegten Zeit“, betonte der Autor in der Lesung. Mehr als 50 Jahre später wurden die Gedichte nun doch gedruckt.

 

Raimund Binder hat sie im Selbstverlag herausgegeben. Das Buch hat 114 Seiten und ist für 6,99 Euro zu erwerben.

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