JUNGE LEUTE

Handyfrei und trotzdem glücklich: Realschule startet neues Projekt

lw; 11.09.2026, 10:36 Uhr
Symbolfoto: KaterinaHolmes auf Pexels.
JUNGE LEUTE

Handyfrei und trotzdem glücklich: Realschule startet neues Projekt

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lw; 11.09.2026, 10:36 Uhr
Bergneustadt – Zunächst für ein halbes Jahr werden die Schülerinnen und Schüler einer fünften Klasse ihre Smartphones zu Hause lassen – Die Hoffnung: Intensiveres Lernen, bessere soziale Kontakte und mehr Fokus.

Von Lars Weber

 

Ein besonderes Pilotprojekt ist mit dem Start des Schuljahrs in der Realschule Bergneustadt gestartet worden. Mindestens ein halbes Jahr lang werden die 27 Mädchen und Jungs der neuen 5c auf ihr Smartphone in der Schule verzichten. Das heißt: Falls sie ein Handy besitzen, bleibt es während der ganzen Schulwoche zu Hause und wird auch nicht im Tornister mitgebracht. Dafür sind sie die einzige Klasse, die einmal in der Woche das Fach Medienkompetenztraining auf dem Stundenplan hat. Das Ziel des Projekts: Mehr Zeit für echte Freunde und gemeinsame Erlebnisse sowie weniger Ablenkung und bessere Konzentration im Unterricht. Gemeinsam möchte man dann am Ende des Halbjahrs entscheiden, ob diese Ziele erreicht wurden.

 

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Kurz vor dem Schulstart hatten sich die Verantwortlichen hinter dem Projekt mit OA zusammengesetzt. Schulleiter Ralf Zimmermann, die Erprobungsstufen-Koordinatorin Barbara Spiller, Klassenlehrerin Anna-Lisa Haselbach und die Lehrkraft Meike Viebahn waren froh, dass es endlich losgeht, nachdem viel Planung und Überlegungen in das Thema gesteckt und noch mehr Gespräche geführt wurden. Eingebracht hatte die Idee Schulsekretärin Gerlinde Köster. Sie hatte von einem ähnlichen Projekt an einer anderen Schule erfahren. Bei Spiller verfing der Vorschlag sofort – und sie überlegte sich, wie eine smartphonefreie Klasse in Bergneustadt aussehen könnte.

 

Dabei gelte generell schon ein Handyverbot in den Klassen und auch auf dem Schulhof, wie die Lehrer erzählen. „Es wird trotzdem rausgeholt“, so Spiller. „Und das hat zugenommen“, ergänzte Zimmermann. Dabei gelten dafür bereits klare Regeln. Wer erwischt wird, der muss bis zum Ende des Tages auf sein Handy verzichten. Wer häufiger auffällt, da werden die Eltern zum Gespräch gebeten. Und bei „Wiederholungstätern“ müssen Eltern das Handy selbst in der Schule abholen. Dass sich viele Schülerinnen und Schüler nicht an das Verbot halten, ärgert das Kollegium natürlich. „Auch viele Eltern haben uns gesagt, dass sie sich hilflos fühlen.“ Man habe sich in eine Sackgasse manövriert. Hilfe von „oben“, also bindende Regeln vom Land, würden viele Eltern und Lehrer begrüßen – sie kommt aber nicht.

 

[Stehen voll hinter dem Projekt (v.li.): die Erprobungsstufen-Koordinatorin Barbara Spiller, Klassenlehrerin Anna-Lisa Haselbach, die Lehrkraft Meike Viebahn und Schulleiter Ralf Zimmermann.]

 

Also beschloss die Realschule, selbst etwas zu unternehmen. „Es ist ganz viel verloren gegangen die vergangenen Jahre“, erzählte Spiller. Gerade bei sozialen Kompetenzen oder der Konzentration im Unterricht spürten die Lehrkräfte die Auswirkungen des Handykonsums. In den Pausen werde weniger miteinander gespielt und geredet. „Der Wunsch nach direkter Kommunikation hat abgenommen.“ Im Unterricht fehle oft der Fokus. Besonders merkten sie dies an Montagen. „Wenn am Wochenende viel am Handy gehangen wurde…“ Die Reizüberflutung habe direkte Auswirkungen auf die jungen Menschen.

 

Nun kann und möchte die Schule gar nicht in die Familien direkt eingreifen. Ein Klasse mit Kindern, die überhaupt kein Smartphone besitzen, sei nicht infrage gekommen. Stattdessen wollten Zimmermann, Spiller, Haselbach und Viebahn ein Projekt, bei dem alle Beteiligten an einem Strang ziehen und dieselben Ziele gemeinsam erreichen wollen. Im Laufe der Anmeldephase für die Realschule gab es deshalb einen Elternabend, bei dem viele Interesse äußern. Auch die Kinder wurden mit einbezogen. Sie bekamen einen Brief, in dem das Projekt erklärt wurde. Eine Unsicherheit – gerade bei den Eltern – wurde im Vorfeld mithilfe des Fördervereins ausgeräumt: Damit Buskinder zu Hause anrufen können, falls sie mal später kommen, bekommen sie falls gewünscht kostenfrei ein Tastenhandy für die Dauer des Projekts zur Verfügung gestellt. 25 Kinder hätte die Schule für die smartphonefreie Klasse benötigt – 27 sind es nun geworden.

 

Das Medienkompetenztraining

 

Meike Viebahn hat das Konzept des Unterrichts selbst erarbeitet. „Wir wollen die Kinder dort abholen, wo sie stehen.“ Wie beeinflusst das Handy den Alltag? Wie präsent ist es in der Familie? Warum führt das Handy oft zu Streit? Solche Fragen sollen in der Klasse besprochen werden. Ein großer Fokus wird auf die Medienkompetenz gelegt. „Wir wollen die Nutzung nicht verteufeln!“ Tablets gehörten ja schließlich auch weiter zum Unterricht. „Es geht einfach um einen bewussten Umgang“, so Viebahn. Welche Plattformen gibt es? Wie kann eine sinnvolle Nutzung aussehen? Welche Gefahren gibt es? Dazu kommen Fragen zum Thema Datenschutz, die beantwortet werden sollen.

 

„Das Internet filtert nicht von selbst. Kinder werden mit denselben Inhalten konfrontiert wie Erwachsene“, erläutert Viebahn weiter. Die Schüler sollen lernen, ihre Bildschirmzeit einzuteilen. Sie sollen beispielsweise lernen, wie „Doomscrolling“, also das exzessive und unbewusste Konsumieren von überwiegend negativen Nachrichten und Krisenmeldungen im Internet, zu verhindern ist. Nicht nur die Schüler, auch die Lehrer werden sich weiterbilden. So bietet die AOK – die Krankenkasse ist bereits ein Kooperationspartner der Realschule - den Lehrern kostenfreie Fortbildungen zum Thema Medien, Digitalität und Sucht an.

 

„Für die Eltern ist es wichtig, dass sie mit dem Thema nicht allein sind, sondern die Schule hier auch Verantwortung übernimmt“, erklärte Schulleiter Zimmermann. Aber nicht nur die Schule. Denn zum Projekt gehört eine gemeinsame Vereinbarung mit Eltern und Schülern, die jeder auch unterschreiben musste. So stimmten die Kinder zu, das Handy während der Schulwoche zu Hause zu lassen und sich an die Regeln der Klasse zu halten. Wenn sich einmal nicht daran gehalten wird, solle zunächst das Gespräch gesucht werden, da der Schwerpunkt des Projekts auf dem pädagogischen Aspekt liegen soll. 

 

Eltern versprachen in der Vereinbarung, das Kind und auch die Schule bei der Umsetzung des Projekts zu unterstützen. Dass die Schule unter anderem Medienkompetenz fördern und die Kinder fair begleiten wird, unterschrieben Zimmermann und Spiller. „Das schafft für alle eine Verbindlichkeit.“ Versprochen ist schließlich versprochen.

 

Spiller hofft, dass bei den Schülern durch die aktive Auseinandersetzung ein neues Bewusstsein geschaffen wird. Ähnliches hoffen Viebahn und Haselbach. „Es wäre schön, wenn die Schüler lernen, Gefühle und Empfindungen zu äußern“, sagte Haselbach. Viebahn ergänzte: „Vielleicht nehmen sie auch das Gelernte mit in den Freundeskreis und in die Familien“ – und legen das Handy häufiger weg. Schulleiter Zimmermann hofft auch bei Eltern einen Nerv zu treffen: „Sie sollen merken, dass es sich lohnt, sich zu engagieren und mit der Schule zusammenzuarbeiten“.

 

Eltern werden nun monatlich darüber informiert, wie das Projekt läuft. Alle Beobachtungen und Erkenntnisse würden auch dokumentiert. Dazu soll es Feedbackbögen geben für Kinder, Eltern und auch Lehrer. Nach einem halben Jahr möchte sich die Schule dann mit allen Beteiligten zusammensetzen – und entscheiden, wie es weitergeht.

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