JUNGE LEUTE

„Flur der verlorenen Gesichter“

pra, ks; 18.07.2026, 06:00 Uhr
Fotos: Michael Kleinjung --- (v. l.) Schulleiterin Monika Türpe, Martha Eyer, Maren Adrian und Detlef Kämmerer, stellvertretender Bürgermeister, bei der Eröffnung der Ausstellung.
JUNGE LEUTE

„Flur der verlorenen Gesichter“

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pra, ks; 18.07.2026, 06:00 Uhr
Bergneustadt – Rund ein Jahr haben Maren Adrian und Martha Eyer vom Wüllenweber-Gymnasium zur NS-Zeit in Bergneustadt recherchiert – Nun haben sie ihre Ergebnisse vorgestellt.

Ob im Geschichts-, Religions- oder auch Deutschunterricht: Die Zeit des Nationalsozialismus ist in NRW in den Lehrplänen der Schulen verankert. Doch auch, wenn man in diesen Fächern viel über das Dritte Reich, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust lernen kann, bleibt dabei oft offen, was damals eigentlich vor der eigenen Haustür passiert ist. So ging es auch Maren Adrian und Martha Eyer aus Bergneustadt. Die beiden sind 18 Jahre alt, Schülerinnen des Wüllenweber-Gymnasiums (WWG) und haben rund ein Jahr an einem ganz besonderen Projekt gearbeitet. Am Donnerstag haben die beiden Oberstufenschülerinnen ihre Ergebnisse präsentiert – und ihre Dauerausstellung „Flur der verlorenen Gesichter“ eröffnet.

 

[Maren Adrian zeigt das Buch, das „Schüler für Schüler“ gestaltet haben – in Erinnerung an die Schüler und Lehrer des WWG, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verstorben sind.]

 

„Das ist ein wunderbares Werk“, freute sich Schulleiterin Monika Türpe gestern Vormittag in der Aula. Vor ihr saß dabei die ganze Schülerschaft des WWG, von der 5. bis zur 13. Stufe. „Wir dürfen heute etwas ganz Außergewöhnliches erleben: die Eröffnung einer Ausstellung, die uns unsere Stadt Bergneustadt und das Schicksal von Menschen, die hier gelebt haben, in ganz besonderer Art und Weise nahebringt.“ Für ihre Ausstellung haben sich Maren Adrian und Martha Eyer ein Zitat von Fritz Bauer ausgesucht: „Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden. – Und treffender könnte die Formulierung nicht sein“, sagte die Schulleiterin.

 

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Für Maren Adrian und Martha Eyer hat das Projekt eine große Bedeutung. Den Startschuss lieferte ein Seminar im Anne Frank Zentrum in Berlin. Auf die Idee daran teilzunehmen, brachte sie ihr Sportlehrer Lars Schubert. Im Zuge dessen entschieden sie sich für das Thema „Nationalsozialismus in Bergneustadt“. „Im Geschichtsunterricht haben wir viel über den Zweiten Weltkrieg gelernt, aber alles war so weit weg. Wir sind davon ausgegangen, dass vor unserer Haustür gar nichts stattgefunden hat“, sagte Maren Adrian. Doch die beiden Schülerinnen wurden schnell vom Gegenteil überzeugt.

 

Für ihre Recherche nutzten die beiden Archive. Unterstützt wurden sie auch vom Stadtarchiv und dem Heimatverein, dabei insbesondere von Deborah Spence, Dieter Rath, Stefan Corssen und Hubertus Dan. Eine besondere Quelle befindet sich aber im Gymnasium: ein Buch, in dem ehemalige Schüler ab 1963 auf kunstvoll verzierten Seiten Schülern und Lehrern des WWG gedacht haben, die zwischen 1939 und 1945 verstorben sind. Nach der erfolgreichen Entzifferung von rund 60 Namen, konnten sie einzelne Schicksale recherchieren. Unter anderem stellen sie das Schicksal eines Soldaten an der Ostfront, einer Widerstandskämpferin und eines Pfarrers vor. Genannt wird auch Hulda Simons, eine Jüdin, die in Gummersbach lebte – denn auf jüdische Menschen aus Bergneustadt sind die beiden in ihrer Recherche nicht gestoßen.  

 

[Für ihre Ausstellung haben sich Maren Adrian und Martha Eyer ein Zitat von Fritz Bauer ausgesucht (oben). Vor der Eröffnung hat Daniel Grütz, Lehrer für Englisch und Sozialwissenschaften und Beauftragter für Fortbildungen, die beiden interviewt (unten).]

 

Trotz der schlimmen Zeit, die sich damals in Bergneustadt ereignete, blicken Maren und Martha heute mit einem guten Gefühl auf die Stadt. „So viele waren während des Prozesses hilfsbereit und haben uns unterstützt“, merkte Maren an. Dies verdeutliche eher, welche Gemeinschaft heute in Bergneustadt herrsche. Überrascht habe die beiden, wie viele Orte sie aus dem Archivmaterial wiedererkennen konnten – so zum Beispiel das Freibad. Auf einem Foto, das die beiden zeigten, sieht man das Freibad voller Menschen, die den Hitlergruß machten.

 

Für ihre kurze Präsentation vor den Schülern des WWG, wählten die engagierten Schülerinnen das Schicksal der Widerstandskämpferin Mathilde Lauterjung sowie das des Soldaten Ewald Offermann aus. Dank eines Podcasts, der mit Lauterjung in hohem Alter aufgezeichnet wurde, konnten die Schüler des Wüllenweber–Gymnasiums den Worten der damaligen Widerstandskämpferin lauschen. Das Schicksal des Soldaten Ewald Offermann wurde durch seine handschriftlichen Briefe von der Front verdeutlicht.

 

Nach rund einem Jahr haben Maren und Martha das Projekt für sich beenden, denn so langsam wollen sich die beiden auf ihr Abitur vorbereiten. Die erstellten Plakate hängen nun im Kunsttrakt des Gymnasiums. Wer möchte, kann die recherchierten Schicksale dort nachgelesen. Für weitere Informationen wurden auch QR-Codes angebracht. Mitgeben möchten Maren und Martha den Schülern vor allem eins: sich in die Schicksale der Menschen, die in der Ausstellung vorgestellt werden, hineinzuversetzen – und sich zu fragen, wie man wohl selbst gehandelt hätte. „Die Demokratie ist richtig und wichtig – und das sollte man schützen“, richtete Maren das Wort an die Schülerschaft.

 

[Ewald Offermann wurde 1903 geboren. Im August 1944 wurde der Familienvater zur Wehrmacht eingezogen und musste an die Ostfront.]

 

Dafür setzte sich auch Detlef Kämmerer ein, der den beiden ausdrücklich dankte. „Es ist wichtiger denn je, über diese Zeit zu sprechen“, sagte der stellvertretende Bürgermeister. Auch heute gebe es in Deutschland ein starkes nationalsozialistisches Gedankengut. „Die Ausstellung zeigt, was passiert, wenn wir den Parolen der Nazis glauben.“ Er appellierte dafür, sich für den Erhalt der freiheitlichen demokratischen Grundordnung einzusetzen. „Ich bin ein alter Mann – und kämpfe dafür. Und ich bitte euch, auch darum zu kämpfen“, sagte Kämmerer.

 

Auch wenn Martha und Maren ihr Projekt nun abgeschlossen haben: Fertig ist die Recherche damit nicht. „Es geht noch sehr viel weiter, wenn man interessiert ist“, sagte Maren. Heißt: Auch in Zukunft können Schülerinnen und Schüler noch weiter dazu recherchieren und das Wissen zur NS-Zeit in Bergneustadt erweitern. Klar ist aber auch: Mit der Ausstellung setzen die beiden ein wichtiges Zeichen für die Wichtigkeit der demokratischen Werte.

 

Hinweis: Wer nicht zur Schulgemeinschaft gehört, sich die Ausstellung aber anschauen möchte, kann sich dazu vorab im Sekretariat des WWG anmelden.

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