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bvm Consulting-Geschäftsführer Giannis Giannitsis über die Rolle des Mittelstandes in Europa

ANZEIGE; 21. Nov 2012, 11:55 Uhr
Oberberg Aktuell
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bvm Consulting-Geschäftsführer Giannis Giannitsis über die Rolle des Mittelstandes in Europa

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Oberberg - Schwerpunkt der Arbeit der bvm Consulting (Beratung – Vertrieb – Management) ist die Stärkung von klein- und mittelständischen Unternehmen durch kompetente Beratung. Im Interview mit Oberberg-Aktuell spricht Geschäftsführer Giannis Giannitsis über die Rolle des Mittelstandes in Europa und warum sich die bvm Consulting auf dieses Segment spezialisiert hat.
Wie sehen Sie die Rolle des Mittelstandes in Europa?
Giannis Giannitsis (bvm Consulting): Zuerst einmal muss der Begriff Mittelstand näher untersucht werden. Was in Italien oder Frankreich ein mittelständisches Unternehmen ist, ist es in Deutschland oder Großbritannien noch lange nicht. Nach einer Studie von GE-Capital bewegt sich in Deutschland die Grenze vom kleinen zum mittelständischen Unternehmen bei ca. 20 Mio. € Umsatz, in Italien ist dies der Fall bei einem Umsatz von über 5 Mio. €. Demnach existieren in Deutschland mehr als 3 Mio. Kleinunternehmen aber nur ca. 27.000 mittelständische Unternehmen, während in Italien gerade mal 1,5 Mio. Kleinunternehmen existieren. Der Mittelstand in Deutschland ist umsatzstärker, weil Produkte und Dienstleistungen angeboten werden, die auf einem höheren technologischen Niveau produziert und vertrieben werden. Hierbei spielt das Bildungs- und Ausbildungssystem in Deutschland eine herausragende Rolle. Während die Kleinunternehmen – mit ihrer hohen Anzahl an Betrieben – für das Gros der Beschäftigung sorgen und ihren Umsatz zu hohen Prozentsätzen im Inland realisieren, sieht die Situation im Mittelstand anders aus. Der Mittelstand setzt stark auf Technologie und Qualität und macht im Durchschnitt sein Geschäft zu fast 70% im Export. D.h. beim Begriff „Exportnation Deutschland“ müssen wir vor allem an den Mittelstand denken.

Wo sehen Sie die klassischen Probleme des Mittelstandes?
Giannis Giannitsis (bvm Consulting): Diese Frage hat man mir schon öfter gestellt, und an der Antwort hat sich nichts geändert. Die Bevölkerungsentwicklung wird den Betrieben zusehends Probleme bereiten. Das Rekrutieren und Qualifizieren von Mitarbeitern wird zusehends schwieriger; das trifft vor allem Volkswirtschaften, die hochwertige Produkte und Dienstleistungen erbringen, wie in erster Linie Deutschland, Österreich und die Schweiz, aber auch Regionen wie Südtirol.

Das zweite Thema ist das Thema der Unternehmensfinanzierung. Europäisch betrachtet wird dies noch durch die unterschiedlichen Besteuerungen verschärft. Auf der einen Seite unterliegen die Gewinne je nach Volkswirtschaft unterschiedlichen Steuersätzen, was die Eigenkapitalbildung vor allem mittel- und langfristig unterschiedlich beeinflusst. Auf der anderen Seite muss das Unternehmen sich unter diesen Bedingungen um Fremdkapital bei den Banken bemühen. In vielen europäischen Ländern ist es fast unmöglich, Kredite für die Wirtschaft zu erhalten. Dabei reden wir nicht nur von Ländern wie Griechenland, Spanien oder Portugal, sondern auch von Ländern wie Italien, Großbritannien und auch zusehends Frankreich. Als weiteres Problem stellt sich die ständig verschärfende Reglementierung innerhalb Europas dar.

Und wie sieht das bei den Kleinunternehmen aus?
Giannis Giannitsis (bvm Consulting): Ähnlich bei den Problemen, krasser bei den Auswirkungen. Die Kleinunternehmen müssen sich viel besser am Arbeitsmarkt und bei dem eigenen Nachwuchs darstellen. Gerade die fehlende Delegationsbereitschaft vertreibt motivierte und qualifizierte Mitarbeiter. Der eigene Nachwuchs wird viel zu selten und viel zu kurz außerhalb des eigenen Unternehmens ausgebildet. Dadurch kommen zu wenig Impulse von außen.

Was die Finanzierung der Kleinen angeht, existieren unserer Erfahrung nach die größten Probleme. Die Unternehmen sind viel zu oft falsch finanziert. Das Eigenkapital ist bei vielen viel zu schwach ausgeprägt und die Finanzierungen sind oft nicht nach entsprechenden Finanzierungsregeln erstellt. Die Unternehmen wissen nicht, was die Bank an Informationen erwartet, und das Verhalten der Banken wird zusehend unsicherer.

Apropos Eigenkapital, wie wirkt sich Basel I und Basel II Ihrer Meinung nach in Europa aus ?
Giannis Giannitsis (bvm Consulting): Auch hier sehr unterschiedlich. Es hängt von der Art des Bankinstitutes ab. Großbanken gehen da anders ran als regional etablierte Institute, wie die Sparkassen oder die Volksbanken, wo eher die persönliche Beziehung und die Vermarktung in der Region im Vordergrund stehen. Aber über viele Jahre haben wir zumindest in unserem Markt (Deutschland, Österreich, Südtirol) bei einer Vielzahl von Bankgesprächen auch länderspezifische Unterschiede bemerkt, vor allem bis zum Hochkochen der Finanzkrise. Die Korsetts, die in diesen Bankgesprächen gezurrt wurden, waren sehr unterschiedlich. Erst seit geraumer Zeit stellen wir eine stärkere Vereinheitlichung der Bewertungen fest, da wo es möglich ist. Auch die unterschiedliche Besteuerung und die unterschiedlichen Reglementierungen und Förderungen spielen eine gewaltige Rolle.

Das heißt der Bedarf an Beratung wächst?
Giannis Giannitsis (bvm Consulting): Der Bedarf wächst sicherlich, allerdings wird auf lange Sicht auch in diesem Markt der demographische Wandel sichtbar werden. Die Unternehmensschließungen bei kleinen Unternehmen nehmen zu. Das Thema Unternehmensnachfolge/-verkauf nimmt an Brisanz zu. Auch hier stellen wir sehr viel an Unwissen fest, vor allem was die Bewertungsfaktoren eines Unternehmens angeht. Allerdings ist in diesem Segment auch viel Psychologie und Emotion mit drin. Es geht nicht um Aktien oder um Gesellschaftsanteile, sondern um Lebenswerke.

Beim Thema Banken ist auch das Wort Finanzkrise gefallen. Was erwarten Sie hier?
Giannis Giannitsis (bvm Consulting): Es wird keine schnelle Lösung der Probleme geben. Europa ist ja nicht nur zwischen arm und reich gespalten, die Spaltung ist in praktisch allen Bereichen auch innerhalb der Länder vorhanden. Je nach regierender Partei unterliegt auch die Wirtschafts- und Steuerpolitik Änderungen. Je öfter in einem Land ein Regierungswechsel stattfindet, umso häufiger ändert es die Politik. Es ist kein Wunder, dass Länder wie Griechenland, Spanien oder Italien in einer tiefen Krise hängen. In der Wirtschaftspolitik gibt es zwei Grundrichtungen: die der Angebots- und der Nachfragetheorie. Die einen sind – vereinfacht gesagt – für niedrige Steuern, niedrige Löhne und wenig Staatseinmischung, die anderen für höhere Steuern, für eine Stimulation der Binnennachfrage durch Stärkung der Kaufkraft und stärkerer Reglementierung durch den Staat. Gestern demonstrierten viele Menschen in Südeuropa gegen Sparbeschlüsse, für Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit und Ähnliches. Kein Mensch weiß aber woher das Geld kommen soll, um das alles zu finanzieren. Die Zinsen sind auf historisch niedrigem Niveau und werden das auch auf absehbare Zeit bleiben, sonst drohen einige Staatspleiten. Die Parameter Zinsen, Steuern, Inflation und fehlende Ausrichtung in der Politik verunsichern die Bevölkerung und die Unternehmen. Wir haben also genug  Zündstoff, der uns die nächsten Jahre beschäftigen wird.

Herr Giannitsis, vielen Dank für das Interview.