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Es blieb beim verbalen Schlagabtausch

db; 20. Apr 2017, 11:25 Uhr
Bilder: Michael Kleinjung --- Im Stadtgarten vor der Halle 32 zeigten die Parteien und Demonstranten Flagge.
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Es blieb beim verbalen Schlagabtausch

db; 20. Apr 2017, 11:25 Uhr
Gummersbach – Mit deutlichen Worten, aber ohne Gewalt gingen die AfD-Wahlkampfveranstaltung und die Gegendemonstration über die Bühne – Polizei kassiert Schlagstock ein - Stinkbombenattacke schlug fehl (AKTUALISIERT).
Friedlich und ohne größere Zwischenfälle sind die Wahlkampfveranstaltung der Alternative für Deutschland (AfD) in der Halle 32 und die Gegendemonstration im Stadtgarten gestern Abend zu Ende gegangen. Die Polizei war mit 80 Beamten vor Ort, musste aber nicht groß eingreifen. Ein Besucher des AfD-Treffens hatte einen Schlagstock dabei, den die Polizei einkassierte. Es wurde Anzeige erstattet.

Eine Stinkbombenattacke in der Halle schlug fehl. In einer kurzen Pause der Veranstaltung entdeckte der Sicherheitsdienst zwischen den Stuhlreihen zwei mit Flüssigkeit gefüllte Ampullen, die jedoch nicht zerbrochen waren. Der Polizei ist zu dem Vorgang nichts bekannt. "Wir sind weder vor Ort noch telefonisch darüber benachrichtigt worden", sagte Sprecher Michael Tietze auf Nachfrage von OA. In der Halle waren keine Beamten zugegen. 

An der Protestaktion, die vom Verein „Unser Oberberg ist bunt – nicht braun!“ initiiert wurde, hatten sich nach Polizeiangaben rund 220 Menschen beteiligt. Zur AfD-Veranstaltung in der Halle 32 kamen rund 170 Gäste. "Sowohl die Besucher der Wahlveranstaltung als auch die Demonstrationsteilnehmer verhielten sich vorbildlich friedlich", berichtete die Polizei am Abend von einem "sehr ruhigen Einsatz."



Im Fokus des Interesses der zahlreich vertretenden überregionalen Medien stand Marcus Pretzell (Bild), NRW-Spitzenkandidat und Ehemann von AfD-Chefin Frauke Petry, die wenige Stunden vorher erklärt hatte, nicht als Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl anzutreten. Über einen möglichen Spitzenkandidaten wollte Pretzell nicht spekulieren. Wichtiger sei es, dass sich die AfD auf dem Parteitag in Köln am Wochenende für den "realpolitischen Kurs" (Pretzell) entscheide. Dafür brauche es dann einen glaubwürdigen Vertreter. „Ich glaube nicht, dass sich der völkische Flügel von Alexander Gauland und Björn Höcke durchsetzt.“

Für diesen realpolitischen Kurs stehe auch die AfD in Oberberg, erklärte der Landtagskandidat (Kreis-Norden) Bernd Rummler, der sich politisch unter anderem für mehr direkte Demokratie und eine Neuordnung der Kommunalfinanzen einsetzen möchte. „Bleiben sie offen und hören sie zu. Was wir sagen, ist nicht böse, wir benennen die Probleme“, sagte er in seiner kurzen Vorstellungsrede. Dietmar Rekowski, Landtagskandidat für den Süden und Berufsschullehrer, will sich vor allem mit Bildungspolitik befassen und sich für den Erhalt von Förderschulen einsetzen. „Ich bin kein Berufspolitiker, sondern ganz normaler Bürger“, erklärte er.


["Menschenrechte statt rechte Menschen" stand auf dem T-Shirt von Michaela Engelmeier.]

Während die AfD-Veranstaltung gerade begonnen hatte, ging die früher gestartete Gegendemonstration bereits langsam zu Ende. Unter anderem war die Bundestagsabgeordnete Michaela Engelmeier ans Mikrofon getreten. „Wir demonstrieren hier für Menschlichkeit, Weltoffenheit und Toleranz“, sagte sie. Axel Friedrichsen von den Jungen Liberalen erklärte: „Wir sollten unsere Freiheit und unsere Grundrechte nicht für selbstverständlich erachten. Wir müssen sie jeden Tag gegen die Feinde der Demokratie verteidigen.“ Im Namen der Katholischen Kirche in Oberberg und der Katholischen Jugendverbände ergriff Torsten Wolter das Wort. Er halte ich  für unverzichtbar, "bestimmten demokratischen Gesinnungs-Gruppierungen entgegenzutreten und ihrer Hetze keinen öffentlichen Raum zu lassen. Schauen wir hin und wehren wir den Anfängen." 

Werner Kusel, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Gummersbach, sprach über die Unzufriedenheit und das Misstrauen vieler Menschen gegenüber der Politik. „Wer unten ist, bleibt unten, wer hingegen oben ist, schafft es oft sogar noch ein Stückchen höher. Das führt auch zu Angst vor sozialem Abstieg“, so Kusel. Vor diesem Hintergrund seien Ausgrenzung und Nationalismus aber keine Lösung. Die AfD biete falsche Konzepte, etwa einen weiteren Sozialabbau und Steuererleichterungen für Reiche. Kusel: „Für die IG Metall gilt: Die AfD ist keine Alternative.“

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[Kamera und Schnitt: Michael Kleinjung --- Impressionen und O-Töne von der Gegendemonstration.]

Die Idee zur Protestaktion war vor drei Wochen anlässlich des Benefizkonzerts für Flüchtlinge in der Halle 32 entstanden. Initiatorin Jenny Kunze sagte: „Ich finde es toll, dass so viele Menschen gekommen sind.“ Zu Beginn der Veranstaltung hatte sie den Anwesenden zugerufen: „Wir wollen heute friedlich sein, aber auch laut.“ Dafür sorgte unter anderem auch die Gummersbacher Punkband „Denkzettel“. Gerhard Jenders, Vorsitzender von „Unser Oberberg ist bunt – nicht braun!“, war ebenfalls zufrieden. „Alle Parteien sind hier vertreten, bis auf die AfD natürlich.“
 
[Pretzell (3.v.l.) will mit der AfD nach der Bundestagswahl 2021 in Regierungsverantwortung gehen.]

AfD-Mann Kay Gottschalk, der für die ursprünglich angekündigte Bundestagskandidatin Alice Weidel vor Ort war, sagte in Bezug auf die Transparente vor der Tür: „Dummheit ist auch keine Alternative. Die Meinungsvielfalt ist nicht nur in der Türkei bedroht.“ Es folgte ein langer Vortrag, warum die politischen Weichen in Deutschland und Europa seit 1997 völlig falsch gestellt worden seien. „Ich bin gerne Populist, denn das scheint der Adelstitel für die Leute zu sein, die die Probleme fünf Jahre vor allen anderen erkennen und benennen“, sagte Gottschalk.

Pretzell äußerte sich ähnlich und erklärte, der Staat müsse sein Gewaltmonopol insbesondere in sogenannten No-go-Areas durchsetzen – „notfalls auch mit Gewalt“. Die Themen Asyl und Migration sparte er in seinen Ausführungen zunächst aus, äußerte dann aber auf Nachfrage aus dem Publikum seine Meinung. „Grenzen zu. Es gibt kein Recht auf illegale Einwanderung“, so Pretzell, der sich außerdem gegen den Familiennachzug und für konsequentere Abschiebungen und Rückführungen aussprach. Die Einwanderungspolitik war für viele Besucher der AfD-Veranstaltung das bestimmende Thema, aber auch beispielsweise schlechte Löhne und Renten. Einige andere Besucher wollten sich „einfach mal offen anhören“, was denn dort so gesagt werden würde.