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Dem Sensenmann ein Schnippchen geschlagen

fj; 4. Nov 2016, 14:32 Uhr
Bilder: privat/Archiv (Text) --- Bettina Hühn und Nick.
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Dem Sensenmann ein Schnippchen geschlagen

fj; 4. Nov 2016, 14:32 Uhr
Gummersbach – Bettina Hühn und Nick lernten sich eher zufällig kennen – Aus ihrer Begegnung erwuchs das Projekt „Hilfe für Nick und Co. – Helfende Hände Oberberg“, das heute über 30 Familien mit schwerkranken Kindern unterstützt.
Von Fenja Jansen

OA: Sie haben Nick vor fünf Jahren kennengelernt. Erinnern Sie sich noch an die erste Begegnung?


[Zugunsten des Projekts findet jährlich ein Fußballturnier statt: Sevil, die ebenfalls durch den Verein unterstützt wird, Bettina Hühn und Nick beim Turnier im Jahr 2013.]

Hühn: Ich erinnere mich wie heute. Obwohl ich damals nicht geahnt habe, wie sehr die Begegnung mein Leben verändern würde. Von Nicks Schicksal habe ich zufällig, durch die Bekanntschaft mit seiner Tante erfahren. Sie erzählte mir, dass die Ärzte ihrem Neffen nur noch wenige Tage zum Leben geben und ihn zum Sterben nach Hause entlassen haben. Die Frage, warum man dem Kind bei den heutigen Möglichkeiten nicht helfen kann, hat mich nicht losgelassen. Darum habe ich Kontakt zu der Familie, die mir damals noch völlig unbekannt war, aufgenommen und gesagt: „Ich weiß nicht ob ich Ihnen helfen kann, aber ich will er versuchen!“

OA: Nick litt an einem inoperablen Hirntumor. Wie haben Sie gehofft, ihm helfen zu können?

Hühn: Ich bin auf Facebook gut vernetzt und ließ dort einfach einen Ballon starten. Mit einem Aufruf hoffte ich, vielleicht einen Arzt zu finden, der sich genau mit dieser Tumor-Art auskennt und das Risiko einer Operation eingeht.

OA: Das ist nicht passiert?

Hühn: Das ist richtig. Ich musste einsehen, dass ich dieses Kind nicht retten kann. Durch Gespräche wurde mir aber gleichzeitig klar, an wie vielen Fronten die Familie zu kämpfen hat: Da war nicht nur die Sorge um das eigene Kind, sondern auch die durch die Krankheit ausgelöste finanzielle Not, Ärger mit der Pflegeversicherung und so weiter. Und hier konnte ich helfen – auch immer wieder durch meinen großen Bekanntenkreis, indem immer irgendwer irgendjemanden kennt, der sich auf einem bestimmten Gebiet auskennt oder helfen kann.



OA: Aus Ihrer privaten Initiative ist dann ein Projekt entstanden, das schließlich Teil der Ursula-Barth-Stiftung wurde.

Hühn: Genau. Ich hätte damals nie geglaubt, wie groß diese Sache wird. Heute helfen wir über 30 Familien. Meist finden wir aus Mund-zu-Mund-Propaganda zusammen. Auf unserer Reise haben Nick und ich immer mehr Menschen mitgenommen. Helfer und Menschen, die Hilfe brauchen. Wir haben Not gelindert, Erfolge gefeiert und auch zusammen getrauert, wenn wir Kinder verloren haben.


[Durch zahlreiche Spenden konnte für Nico, der an Muskelschwund leidet, im vergangenen Jahr ein speziell ausgestattetes Fahrzeug angeschafft werden.]

OA: Wie weit liegen Weinen und Lachen auseinander, wenn man Tag für Tag mit schwerkranken Kindern und ihren Familien zutun hat?

Hühn: Oft nur einen Wimpernschlag. Aber das Lachen der Kinder und die Dankbarkeit der Familien ist es wert, auch einmal Rückschläge einzustecken.

OA: Was machen diese Erlebnisse mit Ihnen persönlich?


[Auch beim diesjährigen Fußballturnier ließ es sich Nick (li.) nicht nehmen, die Siegerehrung persönlich vorzunehmen.]

Hühn: Nick hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Ich bin eigentlich gelernte Hotelfachfrau, heute aber Geschäftsführerin der Ursula-Barth-Stiftung, zu der das Projekt seit ein paar Jahren gehört. Aber auch persönlich haben Nick und die anderen Kinder einen anderen Menschen aus mir gemacht. Mich erdet die Arbeit in dem Sinne, dass ich mich nicht mehr über Kleinigkeiten ärgere. Denn ich weiß, welch schweres Bündel andere zu tragen haben. Und auch, dass ich ein gesundes Kind habe, nehme ich nicht mehr als selbstverständlich. Ich nehme meinen Sohn öfter ganz bewusst in den Arm und sage ihm, dass ich ihn liebe.

OA: Stört es Ihren Sohn nicht, die Mutter mit so vielen anderen Kindern zu teilen?

Hühn: Nein, im Gegenteil. Er nimmt großen Anteil an ihren Schicksalen. Das Schlimmste halte ich von ihm fern, obwohl er viel mitbekommt und Fragen stellt. Dann reden wir und ich glaube, dass er dabei ist, auf diesem Weg eine große soziale Kompetenz zu entwickeln. Vielleicht wächst da schon die nächste Generation der „Helfenden Hände“ heran.


[In der Gummersbacher Stadthalle fand 2013 ein Familientag zugunsten des Projekts statt. Bettina Hühn, die Kinder Sevil, Nick, und Sara sowie TV-Maklerin Sandra Owoc freuten sich über den Besuch eines Michael-Jackson-Doubles.]

OA: Was waren die schönsten Erfolge der vergangenen fünf Jahre und welches sind die nächsten Herausforderungen?

Hühn: Dass Nick, dem man damals nur noch wenige Wochen gegeben hat, lebt, ist das Beste. Er ist jetzt neun Jahre und ein fröhliches Schulkind. Wer ihn vor fünf Jahren erlebt hat, kann sich fast nicht vorstellen, wie knapp er dem Sensenmann ein Schnippchen geschlagen hat. Daran beteiligt waren sicher viele Menschen, aber er war das Zünglein an der Waage – und der Motor der „Helfenden Hände Oberberg“. Bei all dem, was die „Helfenden Hände“ bereits auf die Beine gestellt haben, wollen wir uns nun an ein richtig großes Projekt wagen und eine eigene Spendengala zugunsten der Kinder organisieren. Wenn dies gelingt, wäre das ein weiteres Ereignis, auf das wir richtig stolz sein können.

Weitere Informationen zum Projekt und den Kindern gibt es unter www.helfende-haende-oberberg.de.