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'Im Oberbergischen droht der ärztliche Notstand'

fj; 7. Jan 2015, 15:51 Uhr
Bild: Fenja Jansen --- Spätestens im Mai wird Paas seine Praxis endgültig zuschließen.
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'Im Oberbergischen droht der ärztliche Notstand'

fj; 7. Jan 2015, 15:51 Uhr
Bergneustadt – OA sprach mit Stefanus Paas über seine bevorstehende Praxisschließung, die Chancen, einen Nachfolger zu finden, und das System, das ihn an diesen Punkt brachte.

Von Fenja Jansen

OA: Herr Paas, wie bekannt ist, schließen Sie nicht nur Ihre Praxis, sondern wollen auch Deutschland den Rücken kehren. Ist dies ein Ausstieg aus einem System, das Sie selber als krank bezeichnet haben?

Paas: Mit der Praxisaufgabe und dem Hausverkauf kommen viele Dinge auf meine Familie zu. Wenn ich keinen Praxisnachfolger finde, endet das Ganze vielleicht auch noch in einer beruflichen Insolvenz. Trotzdem ist es unser Wunsch ab der ersten Jahreshälfte 2017 in Skandinavien unser berufliches Glück zu suchen. Die Handfesseln, die einem als niedergelassenem Kassenarzt in Deutschland angelegt werden, gibt es dort nicht. In Skandinavien möchte ich als Hausarzt weitermachen, denn dieser Beruf ist mir ans Herz gewachsen.

OA: Durch die Praxisschließung lösen sich die Regressforderungen nicht auf. Wie wird es hier weitergehen?

Paas: Bislang handelt es sich um Androhungen, bezahlen musste ich Gott sei Dank noch nicht. Vielleicht kommt es auch nie dazu. Tatsache ist, dass das Verfahren um das Jahr 2011, indem es um 5.700 Euro geht, vermutlich im Jahr 2016 in die erste Gerichtsinstanz geht. Dann könnte der Richter auch feststellen, dass ich wirtschaftlich verordnet habe und mich „freisprechen“. Vielleicht sind die Krankenkassen aber so schräg drauf, dass sie wegen 5.700 Euro vor das Landessozialgericht ziehen. Es kann also eine Weile dauern, bis das 2011er-Verfahren abgeschlossen ist - und dann kommen die anderen Jahre, 2012, 2013, 2014, alle noch hinterher.

OA: Die Forderungen gegen Sie sind reduziert worden, trotzdem schließen Sie. Wollen Sie damit auch ein Zeichen setzen und kommt dieses bei der Politik und den Krankenkassen an?

Paas: Ich hoffe es. Dann hätte die ganze Geschichte am Ende doch etwas Gutes. Nach den vielen Gesprächen, die ich in den letzten Monaten geführt habe – mit Ministerin Steffens und anderen Politikern - habe ich bis jetzt immer nur Beschwichtigungen, Verniedlichungen des Problems und Verlagerungen der Verantwortlichkeiten erlebt. Aber ich hoffe natürlich, dass die Herrschaften durch meine Praxisaufgabe nochmal überlegen, ob man die Gesetze nicht korrigieren muss. Mir hätte es gereicht, wenn der Gesetzgeber in das kommende Gesetz, welches ab 1. Juli 2015 gilt, hineingeschrieben hätte, dass die Krankenkassen zukünftig den Ärzten beweisen müssen, dass sie unwirtschaftlich agieren. Status Quo ist aber, dass die Ärzte in aufwendigsten Verfahren beweisen müssen, dass sie wirtschaftlich verordnen, um dann hinterher von einem Mönchengladbacher Juristen (Anm. d. Red.: Dr. Peter Backes, Vorsitzender des Beschwerdeausschusses der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein) abgetan zu werden mit der Bemerkung: Nur das Hühnerauge beim Augenarzt ist eine Praxisbesonderheit.

OA: Von wem sind Sie in Ihrem Kampf unterstützt worden, von wem sind Sie enttäuscht?

Paas: Ich bin mit Ausnahme des Kollegen Bockhacker von allen Bergneustädter Hausärzten menschlich zutiefst enttäuscht. Die Kollegen sind größtenteils abgetaucht. Die Patienten haben dagegen Unnachahmliches geleistet und haben in Briefen an Politiker oder Medien protestiert. Nun werden einige sicherlich die bittere Erfahrung machen, dass es nicht leicht ist, einen neuen Hausarzt zu finden. Hier sehe ich die Kassenärztliche Vereinigung im Oberbergischen Kreis in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Menschen auch zukünftig adäquat und möglichst wohnortsnah versorgt werden – und nicht in Marienheide oder Wiehl. Auf lokaler Ebene haben mich auch die Politiker unterstützt. Frau Engelmeier und Herr Flosbach haben alles in die Waagschale geworfen. Ich bin Herrn Flosbach zutiefst dankbar, dass er am Freitag, 16. Januar, einen Gesprächstermin mit Jens Spahn (gesundheitlicher Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) möglich gemacht hat. Darauf freue ich mich und hoffe, dass es zu einem konstruktiven Dialog kommt.


OA: Gibt es etwas, dass Sie Ihren Entschluss, die Praxis zu schließen, noch einmal überdenken lassen könnte?

Paas: Ich sehe im Moment keine Möglichkeit, dass ich nochmal einen Rückzug vom Rückzug mache. Ich werde versuchen, bis 15. Mai weiterzumachen, auch in der Hoffnung, einen Praxisnachfolger zu finden. Die Chancen stehen aber nicht gut. Die Arbeitsbedingungen im niedergelassenen Bereich sind insgesamt abschreckend und junge Menschen werden sich sehr genau überlegen, ob sie diesen Schritt gehen. In diesem Zusammenhang finde ich eine Äußerung von Herrn Dr. Frank Stollmann vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen sehr grotesk: Er hat zu verstehen gegeben, dass wir doch bitte Schluss machen mögen mit der öffentlichen Darstellung des Problems, sonst müssten wir am Ende die Verantwortung dafür übernehmen, dass sich kein junger Mensch mehr niederlässt.

OA: Wo sehen Sie die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum in 20 Jahren, wenn sich an dem System nichts ändert?

Paas: So weit müssen wir gar nicht gehen. Von den 162 Kollegen im Oberbergischen Kreis sind aktuell 30 Prozent über 60 Jahre alt. Das heißt, diese 30 Prozent scheiden möglicherweise aus Altersgründen bis zum Jahr 2020 aus. Wenn diese 30 Prozent – das sind 40 Kollegen – nicht eins zu eins ersetzt werden können, dann wird in Oberberg in fünf Jahren der Baum brennen. Und zwar lichterloh.

OA: Was hat Sie ursprünglich dazu bewogen, Arzt zu werden und was ist heute davon geblieben?

Paas: Ich bin mit Leib und Seele Arzt und habe mich bewusst für die Niederlassung entschieden. So begleitet man die Menschen über Jahre und lernt sie kennen. Das war eine sehr reizvolle Aufgabe und darum möchte ich auch nach einer kurzen Pause in die Hausarztmedizin zurückkehren. Ich glaube wirklich, dass der Beruf auch in Deutschland sehr viel Spaß machen könnte und dass viele Ärzte auch eine 70-Stunden-Woche problemlos tolerieren würden, wenn man nicht permanent durch Richtlinien und Einschränkungen drangsaliert werden würde. Die äußeren Rahmenbedingungen sind es letztendlich, die einem die Freude am Beruf nehmen können. Und es ist tragisch, dass ein System dazu führt, dass einem die Freude am eigentlich schönsten Beruf der Welt genommen wird.

Weitere Informationen zum Thema gibt es im Artikel Stefanus Paas: Rückzug mit Paukenschlag.