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Ausstieg aus der Abhängigkeit

fj; 16. Oct 2013, 17:16 Uhr
Bild: Fenja Jansen --- Die Mitglieder des Arbeitskreises Drogenhilfe informierten über 20 Jahre Substitutionsbehandlung im Oberbergischen Kreis.
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Ausstieg aus der Abhängigkeit

fj; 16. Oct 2013, 17:16 Uhr
Gummersbach – Mitglieder des Arbeitskreises Drogenhilfe informierten über 20 Jahre Substitutionsbehandlung im Oberbergischen – Durch die Behandlung ging die Zahl der Drogentoten zurück, im Oberbergischen herrscht jedoch eine Unterversorgung.
„Die Einrichtungen der Drogenhilfe sind überfordert; die Justizbehörden kommen nicht nach mit der Verfolgung von Straftaten, die im Zusammenhang mit der Beschaffung von illegale Drogen stehen“, urteilte Peter Noller vom Institut für Sozialforschung der Universität Frankfurt 1992 in einem Gutachten. Rund 1.500 Todesopfer durch Rauschgiftkonsum gab es 1992 in den alten Bundesländern zu beklagen. Viel hat sich seitdem verändert, im vergangenen Jahr erreichte die Zahl der Drogentoten in Nordrhein-Westfalen die niedrigste Zahl seit zwei Jahrzehnten. Grund für den massiven Rückgang ist die Substitutionsbehandlung, die seit 20 Jahren auch im Oberbergischen Kreis betrieben wird.

Bei dieser Behandlung werden Drogen durch medizinische Stoffe wie Methadon ersetzt, die schmerzmindernd wirken, ohne dabei Rauschzustände zu erzeugen. Angesichts von 20 Jahren Erfahrung in der Substitutionsbehandlung lud der Arbeitskreis Drogenhilfe heute Behandelnde, Interessierte, Betroffene und Institutionen zur Veranstaltung „Ausstieg aus der Abhängigkeit: 20 Jahre Substitutionsbehandlung im Oberbergischen Kreis“ im Hohenzollernbad ein. Hier informierten Vertreter des Arbeitskreises, der aus niedergelassenen Ärzten, Beratungsstellen der Suchthilfe und der Klinik Marienheide besteht, über ihre Erfahrungen und gaben Rück- und Ausblicke:

„20 Jahre Substitutionsbehandlung sind auch ein Grund zu feiern – schließlich konnten durch diese Behandlungsmethode nachweislich zahlreiche Leben gerettet werden“, sagte Thomas Bauer, Leiter des oberbergischen Gesundheitsamtes. Den Weg ebneten die guten Ergebnisse eines Modellversuchs, der von 1988 bis 1992 in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. „Zuvor war die Abstinenz Grundlage und Ziel jeder Therapie“, erläuterte Dr. Bodo Unkelbach, Chefarzt an der Klinik Marienheide. „Doch die Betroffenen können sich oft ein Leben ohne Drogen nicht vorstellen. Da ist es wichtig, Zwischenziele zu definieren – und das wichtigste davon ist das Überleben. Dies wird durch die Substitution erreicht. Erst dann kann der Patient Schritt für Schritt in ein geordnetes Leben zurückfinden. Ohne Substitution würden viele Betroffene verelenden oder sterben.“


Obwohl die Wirksamkeit der Methode belegt war, wurden die Richtlinien für die Substitutionsbehandlung erst im Jahr 2000 so geändert, dass die Behandlung nicht nur in Ausnahmefällen (begleitende schwerste Erkrankungen, Schwangerschaft) von der Krankenkasse finanziert wird. Im Zeitraum 1994 bis 1999 sprang im Oberbergischen der Kreis ein. Durch sein finanzielles Engagement wurde die Jahresbehandlung von rund 26 Abhängigen gewährleistet, für die die Krankenkassen nicht zuständig waren.

Heute werden im Oberbergischen Kreis rund 250 Heroinabhängige mit Methadon oder einem anderen Ersatzmittel behandelt, berichtete Dr. Ralph Krolewski, der in seiner Praxis in Gummersbach-Bernberg Substitutionsbehandlungen durchführt. Damit ist er einer von wenigen Ärzten, die im Oberbergischen substituieren. In Bergneustadt, Engelskirchen, Hückeswagen, Lindlar, Morsbach, Reichshof, Waldbröl und Wipperfürth werden keine wohnortnahen Substitutionsbehandlungen wegen des Fehlens von qualifizierten Arztpraxen angeboten. So werden alle 250 Opiatabhängige in vier oberbergischen Hausarztpraxen und in der Ambulanz der Klinik Marienheide mit Ersatzmitteln versorgt und therapiert. „Mein Appell an niedergelassene Ärzte lautet deshalb“, so Krolewski, „sich durch rechtliche und bürokratische Rahmenbedingungen oder Vorurteilen gegenüber Suchtkranken nicht verschrecken zu lassen. Auch Apotheken können im Auftrag eines Arztes substituieren.“

Suchtberatung für Betroffene bietet die Caritas-Suchthilfe und die Suchtberatungsstellen des Diakonischen Werks. Eltern drogenabhängiger Kinder finden Hilfe beim Elternkreis Oberberg (www.elternkreis-oberberg.de).