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Eier und Glockengeläute gegen Nazis

ch; 26. Aug 2012, 00:28 Uhr
Bilder: Christian Herse --- Lautstark versammelten sich 300 Gummersbach in unmittelbarer Nähe zum Kundgebungsort der Rechten und ließen ihrer Wut auf friedliche Weise freien Lauf.
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Eier und Glockengeläute gegen Nazis

ch; 26. Aug 2012, 00:28 Uhr
Gummersbach – Rund 300 Gummersbacher zeigten auf friedliche und zugleich deutliche Weise, dass die braune Gesinnung in der Kreisstadt nicht willkommen ist – Großaufgebot der Polizei sicherte Innenstadt ab. (mit Video)
Von Christian Herse

Ungläubig blickt Manfred Eschborn auf das sich ihm bietende Szenario. Der 74-Jährige schüttelt den Kopf: „Ich musste erleben, was das dritte Reich aus den Menschen gemacht hat. Doch diese Kreaturen da haben scheinbar nichts aus unserer Geschichte gelernt.“

[Die Nazis waren in der Kreisstadt definitiv nicht willkommen.]

Mit dem Finger zeigte er dabei auf ein kleines Grüppchen, dass den Parkplatz an der Karlstraße in Beschlag nahm. Insgesamt 57 Nazis zählte die Polizei. Ihnen standen 200 Beamte der Bereitschaftspolizei und über 300 lautstarke Gummersbacher gegenüber. Diese hatten sich bereits am frühen Nachmittag auf zwei Kundgebungen versammelt. Während sich die IG Metall und die SPD Oberberg mit knapp 50 Teilnehmer vor dem C&A trafen, sammelten sich 250 Demonstranten unterhalb des Amtsgerichts bei der Kundgebung der Linkspartei sowie der Bürgerinitiative „Oberberg ist bunt“. „Jeder einzelne Rechte, der hier auftaucht, ist einer zu viel. Ich finde es unglaublich pervers, dass sich diese ausgerechnet den heutigen Tag, wo sich die Übergriffe auf Asylanten in Rostock-Lichtenhagen zum 20. Mal jährt, ausgesucht haben“, spart SPD Oberberg-Vorsitzender Thorsten Konzelmann nicht mit harten Worten.

In Gummersbach sei es in den letzten Jahren gelungen, eine Kultur der Abwehr zu schaffen. Nicht anders könne man es sich auch erklären, dass binnen drei Tage so eine Front gegen die Nazis mobilisiert werden konnte, ist sich Bürgermeister Frank Helmenstein sicher: „Ich finde es beachtlich, wie viele Jugendliche mit demonstriert haben. Egal welche Partei, welches Alter, welcher Nation oder welche Religion, heute standen alle zusammen.“

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Es ist 15:40 Uhr, als ein Bus auf der vollgesperrten Karlstraße vorfährt. Obwohl sie zuvor bereits in Bergheim kontrolliert wurden, wird jeder aussteigende Rechtsextreme erneut gefilzt. Mit einem gellenden Pfeifkonzert werden sie von einem bunten Demonstrationszug begrüßt, der mittlerweile bis zu den Absperrgittern am Wehrenbeul gezogen ist. Wütende Rufe schallen aus der Menge, vereinzelnd fliegen Eier. Eine Frau verteilt Sonnenblumen an die Teilnehmer, andere lassen Seifenblasen aufsteigen. Die Stimmung ist aufgeheizt, aber es bleibt friedlich. „Etwas anderes hätte mich doch auch sehr gewundert“, gibt sich Polizeisprecher Jürgen Dzuballe zufrieden. Trotzdem habe man aufgrund der Vielzahl von zeitgleichen Veranstaltungen den Regelrettungsdienst verstärkt, merkt Kreisdirektor Jochen Hagt an. Auch das Deutsche Rote Kreuz war mit Kräften aus dem gesamten Kreis in Bereitstellung gegangen.

[Während der Kundgebungszeit kam für drei Stunden niemand mehr in den gesperrten Innenstadtbereich.]

Als die Nationalisten ihre Lautsprecher aufdrehen, fangen die Glocken der St. Franziskus-Kirche unter dem Jubel der Demonstranten an zu läuten. „Das war für mich wirklich der ergreifendste Moment des Tages“, gibt Helmenstein im späteren Verlauf zu. „Das hat den Zusammenhalt der gesamten Stadt demonstriert.“ In seiner Ansprache zitiert er Bundespräsident Joachim Gauck: „Wir schenken den Nazis nicht unsere Angst und lassen sie nicht gewähren. Gummersbach ist weltoffen und gastfreundlich.“

Etwa eine Stunde dauerte der braune Spuk, ehe sich der rechte Tross weiter in Richtung Wuppertal in Bewegung setzte. Um 17 Uhr hebt die Polizei schließlich den Belagerungszustand in der Innenstadt auch zur Erleichterung des Bürgermeisters auf: „Unsere Antwort auf die Rechten war kraftvoll, eindrucksvoll und friedlich. Ich bin stolz auf die Gummersbacher, die heute große Einigkeit demonstriert haben. Trotzdem möchte ich solch eine Veranstaltung nie wieder in meiner Stadt erleben müssen.“

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