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Bundeswehr-Amt in Waldbröl soll geschlossen werden
(om/29.1.2001-18:00 - AKTUALISIERT: 30.1.2001-4:20) Waldbröl - Ein harter Schlag für die Stadt Waldbröl: Verteidigungsminister Scharpings Plan zur Strukturreform der Bundeswehr sieht auch die Schließung aller Bundeswehr-Einrichtungen im Kreissüden vor.
[Bilder: Mengedoht --- Das Amt für Studien und Übungen in Waldbröl.]
"Heute wurden wir sehr überrascht, in dieser Deutlichkeit hatten wir eine Entscheidung gegen Waldbröl nicht erwartet, bekannte Bürgermeister Christoph Waffenschmidt. Der Vorschlag von Bundesverteidigungsminister Scharping treffe die Region sehr hart, "insbesondere, weil hier alle Einheiten abgezogen werden sollen. Wer sich die Karte im Internet ansieht, sehe, dass das komplette Bergische Land Bundeswehr-frei werde, da auch der Standort Wuppertal geschlossen werden solle. "Bei den 14 Prozent Arbeitslosigkeit, die wir hier in Waldbröl bereits haben, treffen uns die 250 weiteren wegfallenden Plätze ebenfalls hart", erklärte Waffenschmidt.
Mehr als 14.000 Übernachtungen und die entsprechenden Einschnitte für Gastronomie und Kaufkraft seien ein "herber Einschnitt, wir stemmen uns mit aller Macht dagegen". Gespräche mit MdLs und MdBs hätten bereits stattgefunden, morgen sei die "Akademie" Thema in der CDU-Landtags-Fraktion der CDU. "Wir geben die Hoffnung nicht auf, die Ministerpräsidenten müssen ja auch noch zustimmen." In der Region, so Waffenschmidt, müsse man an einem Strang ziehen, Stadt und Kreis dürften keine parteipolitischen Hindernisse aufhalten.
[Landrat Kausemann (2.v.l.) und Bürgermeister Waffenschmidt (3.v.l.) wollen an einem Strang ziehen]
Der Kreis, so Landrat Hans-Leo Kausemann, sei traditionell ein Bundeswehr-Standort, die geplanze "Einsparung" sei ein "Aderlass", urteilte Kausemann. Es könne nicht richtig sein, dass sich die Bundeswehr aus der Fläche in die Ballungsgebiete zurückziehe. undeswewhr und Zivilgemeinde hätten ein "sehr gutes Miteinander" gezeigt, ebenso erfordere es nun einen "Schulterschluss von Stadt und Kreis". An den Bundeskanzler und das Bundesverteidigungsministerium habe man schon geschrieben, ebenso an den Generalinspektuer der Bundeswehr und den Ministerpräsidenten, auch den aus NRW stammenden Bundespräsidenten wolle man mit den Resolutionen nicht verschonen.
Die historische Immobilie, kam Landrat Kausemann der Stadt zu HIlfe, sei zudem schwer anders zu nutzen. Für Unterweisung, Schulung und Fortbildung bei der Bundeswehr hingegen "geht es kaum besser als hier". Auch der kulturelle Bereich sei nicht zu vernachlässigen; Ausstellungen, "Waldbröler Gespräche" und Vorlesungen zeigten das. Dr. Klaus Achmann, Leiter der "Akademie", gestand, dass "die jetzt beschlossene Anpassung der Stationierung an die neue Struktur Soldaten, zivilen Mitarbeitern und ihren Angehörigen viel abverlangt". Das Waldbröler Amt solle vorraussichtlich nach Strausberg verlegt werden, ein Zeitpunkt sei aber noch nicht abzusehen.
Waldbröls Bürgermeister Waffenschmidt hob auch die Bindung der Stadt an das Amt und umgekehrt hervor. "Die Verzahnung ist hier sehr eng, herzlich und persönlich", lobte er. Es gebe viele Angebote des Amtes für die Region und andererseits hätten viele Bürger, von der Entscheidung informiert, "entsetzt" reagiert. "Damit haben wir nicht gerechnet" gestand Landrat Kausemann, "alle Anzeichen sahen anders aus - das ist schockierend!"
Das Sanitätsdepot, erinnerte Waffenschmidt, sei vor Jahren abgezogen worden. Dass die Nutscheid-Kaserne bis 2004 schließe, sei auch bekannt gewesen. Aber das nun zu alledem auch noch das Amt für Studien und Übungen der Bundeswehr "auf einen Schlag" geschlossen werden solle, sei ein herber Schlag für die Region. Das Interesse von Bonner Zeitungen, so Waffenschmidt, zeige, dass die ganze Region betroffen sei.
Auf die Chancen des "Widerspruchs" befragt, erklärte Landrat Kausemann, "dass wir echt besorgt sind und der Bundesverteidigungsminister sicher keine einfache Entscheidung haben wird". Auch Standortleiter Dr. Klaus Achmann habe bestätigt, dass hervorragende Arbeit geleistet werde. "Ich denke, dass kann auch ein Minister nicht außer Acht lassen, so das wir eine Chance haben".
Man vertrete in der Südkreismetropole nicht die Meinung "Veränderung ja -. aber nicht bei uns", erklärte Bürgermeister Waffenschmuidt, "aber es kann nicht sein, dass eine ganze Region ohne Bundeswehr bleibt, das muss doch auch im Urinteresse des Landes ein." Alle Fraktionen von Stadtrat und Kreis, so Kausemann, sollten am heutigen Dienstag eine entsprechende Resolution unterzeichnen.
462 Standorte will Verteidigungsminister Scharping erhalten, 40 sollen wesentlich reduziert und 39 geschlossen werden. Der Gesamtumfang der Wehr soll von 340.000 auf 285.000 Soldaten sinken. Die Zahl der Dienstposten könne sozialverträglich um ein Drittel auf 80- bis 90.000 reduziert werden. Die Menschen, so Scharping in seinem Bericht, seien das größte Kapital der Bundeswehr. "Fundierte Ausbildungsmöglichkeiten, ein attraktiver Arbeitsplatz, interessante berufliche Perspektiven und eine angemessene Entlohnung sind Vorraussetzungen für den Erhalt des hohen Leistungsniveaus wie auch die Gewinnung des qualifizierten Nachwucheses."
Die Präsenz der Streitkräfte in der Fläche zu erhalten, sei "wichtiges Kriterium für Standortentscheidungen", eine flächendeckende Stationierung, so der Verteidigungsmninister, sei auch wesentliche Voraussetzung für den Nachwuchs, da dessen Bereitschaft mit zunehmender Entfernung des Dienst- vom Wohnort abnehme. Die geplantgen Stationierungsentscheidungen, so Scharping in seinem Bericht, führten allein zu einer Einsparung von einer Milliarde Mark.
Die CDU Oberberg hat sich bereits heute zu Wort gemeldet und die Schließung der "Akademie" in Waldbröl verurteilt. "Harte Kritik und Unverständnis" äußern die Christdemokraten. "Nach den aktuellen Beratungen in Berlin", so die CDU, "wurde bislang der langfristige Erhalt des Amtes für Studien und Übungen in Waldbröl bestätigt". Die Schließung aber, so Kreisverbands-Vorsitzender Klaus-Peter Flosbach, sei nicht nachvollziehbar. "Bei jeder Gelegenheit wurde die Leistungsfähigkeit des Amtes bestätigt und der regionale, ländliche Standort gewürdigt".