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Thomas Knura auf den Leib geschnitten: Fußballtrainer in der DDR nach der Wende

age; 2. May 2005, 00:00 Uhr
Oberberg Aktuell
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Thomas Knura auf den Leib geschnitten: Fußballtrainer in der DDR nach der Wende

age; 2. May 2005, 00:00 Uhr
(age/16.4.2005-21:50) Wiehl - Ein Trainer vor einer neuen Aufgabe. Eine neue Jugendmannschaft erwartet er zum Training bereits zwei Stunden zuvor. Er bereitet alles vor. Er ist allein auf dem Platz. Gelegenheit für einen herzhaften Monolog. Über Fußballeben in der DDR. Sein Leben. Eine Thomas Knura auf den Leib geschneiderte Rolle.
[Thomas Knura als DDR- und heute-noch Fußballtrainer im Erzählrausch. Er bereitet sich auf das Training einer neuen Mannschaft vor. Am Ende ist er nach einem moralischen Countdown sturzbesoffen.]

Der Trainer packt aus. Mehr als zwanzig Jahre war er der Stratege am Rand, im Training ein harter Knochen, auf dem Platz ein „Erlöser“. Sein Verein hieß einst "Tatkraft Börde", heute mit dem Sponsor, der Brauerei, im Rücken. Sein Leben war und ist Fußballtrainer. Jetzt zieht er vom Leder, und es gibt kein Halten: Weil einer seiner Spieler vor Gericht gestellt wurde, hat die Mannschaft den Aufstieg nicht geschafft. Jetzt rechnet er mit seinem mit Humor aber auch mit Wut im Bauch und am Rande der Tränen mit der Polotik in den Deutschen Landen vor und nach der Wende ab. Am Ende wird alles zu einer tragikomischen Engführung von Mauerfall und Torschuss.

Mit heiterem Blick, wohlwollend im Tonfall spricht er jedem Fan so richtig aus dem Herzent, selbst als kleinbürgerlicher Wüterich, für den sein Sport als letzte Bastion für Recht und Ordnung, Geschlossenheit und Disziplin geblieben ist. Nicht die anderen albernen Sportarten, die er durch den Kakao zieht. Letztlich ist dieser Monolog ein Epilog, und zwar einer auf eine "haltlose Kreatur", einen "Sozialkrüppel", der sich verbal selbst ins Abseits manövriert. Sport in Analogie zur DDR treten lässt. den fortschreitenden "Realitäts-Verlust", vom Bier des Sponsors völlig alkoholisiert eindringlich deutlich macht und gleichzeitig wie ganz alltäglich schildert.

Die Buchvorlage wirkt im Ganzen manchmal irgendwie fragmentarisch, was natürlich auch die Absicht des Autors und auch sein Stil sein kann und durchaus in einem Zug geschrieben sein kann. Der Schluss im Regen unter dem Sonnen-/Regenschirm hebt völlig aus dem Bisherigen ab und ist auf jeden Fall eine groß angelegte Abrechnung mit dem Schicksal, seinem eigenen und dem seines besonderen Zöglings Heiko, der bei der Volksarmee dienstlich – Befehl ausführend wie beim Fußball – an der Mauer einen Flüchtling kurz vor der Wende erschossen hatte.

So wird dieser Text noch ein Dokumentarstück, das sich anhört, als habe man einem Originalexemplar von einem Provinztrainer schlicht das Mikrophon unter die Nase gehalten. Glaubwürdig und entlarvend ist am Ende dieser Monolog mit dem grammatikalisch irritierenden Titel „Leben bis Männer“. Da sind durchaus überraschende Einsichten zu vernehmen. Thomas Knura erhielt für diese überaus packende und reife Leistung einen starken Applaus, weit über die Höflichkeitsgrenze hinaus. Man war schließlich zufrieden und konnte sich amüsiert und dennoch nachdenklich auf den Heimweg begeben.

[Kurzer Lebenslauf des Thomas Brussig:
1965 in Berlin geboren
1971-81 Schule
1981-84 Berufsausbildung als Baufacharbeiter, Abitur
1984-90 wechselnde Tätigkeiten, u.a. als Museumspförtner, Tellerwäscher, Reiseleiter, Hotelportier, Fabrikarbeiter, Fremdenführer; dazwischen Wehrdienst
1990-93 Soziologie-Studium in Berlin (nicht abgeschlossen)
ab 1993 Dramaturgie-Studium an der Filmhochschule "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
seit 1995 freiberuflicher Schriftsteller]



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