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Streetworker Martin Epping ist Anwalt der Jugendlichen

hen; 28. Aug 2000, 23:53 Uhr
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Streetworker Martin Epping ist Anwalt der Jugendlichen

hen; 28. Aug 2000, 23:53 Uhr
(hen/28.8.2000-23:40) Von Henning Siebel
Nümbrecht - "Ein halbes Jahr lang haben die Jugendlichen in mir einen 'Ersatzsheriff' gesehen", erinnert sich Martin Epping.
Doch dann gelang es dem Streetworker, eine Vertrauensbasis herzustellen. Seit Januar letzten Jahres ist Epping Streetworker in Nümbrecht, die Berufsbezeichnung trifft den Kern: Die Arbeit kann man nicht vom Schreibtisch aus erledigen. Epping geht auf Tour, er ist dort, wo die Jugendlichen sich ihre Zeit vertreiben, hat das sprichwörtliche "offene Ohr". Der Streetworker ist nicht ohne Grund in Nümbrecht.



[Bilder: Mengedoht]



In den letzten Jahren häuften sich die Beschwerden über Randale, Diebstähle oder einfach herumlungernde, "auffällige" Jugendliche. Epping: "Die Geschäftsleute riefen schon nach 'schwarzen Sheriffs'". Die Situation der Jugendlichen stand schließlich auch im Brennpunkt einer Diskussion im Sozialausschuss mit dem Tenor: Es muss etwas getan werden. Mit dem "Katholischen Verein Heime der Offenen Tür e.V." konnte dann ein Träger für Eppings Arbeit gefunden werden. Dieser kommt für die Sachkosten auf, während die Gemeinde Eppings Gehalt übernimmt.



"Das Grundprinzip ist die Freiwilligkeit", betont der 38-Jährige, der eindeutig jünger wirkt. Hilfe erhalten die Jugendlichen, die es von selbst wollen. Dabei reichen Eppings Hilfestellungen von der Suchtberatung über Hilfen bei Familienkonflikten bis hin zu Obdachlosigkeit und Straffälligkeit. Er hilft bei Formalitäten, begleitet Jugendliche beim Gang zum Jugendamt oder Arbeitsamt. Dabei sieht sich Epping als Anwalt der Jugendlichen: "Ich arbeite aber nicht auf Bestellung und bin kein verlängerter Arm der Ordungsmacht." Auch die örtliche Polizei musste einsehen, dass Epping nicht als Informationslieferant fungiert.



Nicht immer geht es nur um Probleme. Kreativangebote und Medienarbeit, zum Beispiel das Produzieren digitaler Sounds gehören ebenso zu seiner Arbeit wie Aktionen unter dem Stichwort "Erlebnispädagogik", bei denen dann Kanu fahren oder Klettern auf dem Programm stehen. Oder die Jugendlichen kommen einfach nur zum Quatschen vorbei. Denn an Eppings Büro grenzt ein gemütlicher Raum mit Sofa an, ein PC mit Internet-Anschluss lädt zum Surfen ein.



"Mir macht die Arbeit Spaß, weil man etwas bewegen kann", verdeutlicht Epping seine Motivation. Nach zehn Jahren offener Jugendarbeit in einem Jugendzentrum in Köln fand er, dass es Zeit für eine Veränderung sei. Epping wollte seinen Horizont erweitern: "Ich habe viele neue Sachen gelernt". Dazu gehörte auch der Umgang mit jungen Aussiedlern, zu denen sich der Zugang besonders schwierig gestaltete. "Viele bringen die negativen Erfahrungen eines Polizeistaats mit", so Epping. Drogen- und Alkoholprobleme, Arbeitslosigkeit, dazu negative Erfahrungen mit der Polizei - Epping war bei den Aussiedlern voll gefordert. "Deutsche kriege ich leichter zu einer Therapie", so seine Erfahrungen.

Doch selbst wenn die Bereitschaft zu einer Therapie da ist, ist der Ausgang oft völlig offen. So wie bei einem jungen Aussiedler, der seine Entgiftung kurzerhand abbrach, sich dann wieder überzeugen ließ, mittlerweile mehrere Entgiftungen hinter sich hat, um sich dann schließlich doch einer notwendigen Anschlusstherapie zu verweigern. "So etwas ist natürlich unbefriedigend", gesteht Epping. Da ist es wichtig, dass der "Einzelkämpfer" selbst die Möglichkeit zum Auftanken und Verarbeiten findet. Rund alle sechs Wochen gibt es daher die Möglichkeit zum kollegialen Austausch bei der Arbeitsgemeinschaft Streetwork. Die Erfahrungen der Kollegen aus der Region Rheinland helfen dann manchmal weiter oder bieten einfach ein Ventil um "Dampf" abzulassen.



Eppings Arbeit kommt auch außerhalb des eigentlichen Personenkreises an. Laut Umfrage ist er bei 94 Prozent der Nümbrechter bekannt. Befragte Einzelhändler gaben zu 63 Prozent an, dass es "ruhiger" geworden sei. Allerdings ist nach dem Einkaufszentrum nun der Busbahnhof zu einem zentralen Treffpunkt geworden. Unmut regt sich bereits wieder. "In Deutschland gibt es Vorbehalte, wenn das Leben auf der Straße stattfindet", beschreibt Epping die völlig andere Mentalität, die hier - im Gegensatz zu Südländern wie Spanien, Frankreich oder Italien - vorherrscht. Er ist bemüht, den Jugendlichen die Argumente der Erwachsenen deutlich zu machen.



Ist er mit seiner Arbeit zufrieden? Epping beantwortet dies mit einem "Jein": "Realistisch gesehen, bin ich zufrieden, aber mein Anspruch ist immer höher." Dann muss Epping "von Kollegen schon einmal auf den Boden der Tatsachen zurück geholt werden." Er möchte gern in Nümbrecht bleiben. Sein Kontakt zu Bürgermeister Hombach und dem Rathausteam sei gut, genauso wie zum Kreissozialamt. Sein Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Nun hofft er auf Verlängerung. Entscheiden müssen andere, er selbst kann aber eine Entscheidungshilfe bieten: seine bislang überzeugend geleistete Arbeit.



Jüngst hat aber der Sozialausschuss eine Beschlussempfehlung der Verwaltung einstimmig verabschiedet, den Vertrag mit dem erfolgreichen Sozialarbeiter für (mindestens) ein Jahr fortzusetzen. Hauptausschuss und Rat müssen dies nun nur noch bestätigen.



Wichtig sind laut Epping auch Spenden für den Jugendaktionstag am 24. September, der auch bisher komplett über Spenden finanziert wurde. Spendenkonto: Katholischer Verein, Jugendaktionstag, Sparkasse Wiehl (BLZ: 384 524 90), Knontonummer: 370 098.

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