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Bürgerverein macht's möglich: Bürgermeister schnuppert Gefängnisluft
(om/26.4.2004-13:00) Von Oliver Mengedoht
Gummersbach - Auf dem ehemaligen Steinmüller-Gelände hat der Bürgerverein das erste Gefängnis-Gebäude der Kreisstadt entdeckt und am Wochenende mit seiner insgesamt 30. Infotafel versehen.
[Bilder: Oliver Mengedoht --- Historiker Woelke (v.l.n.r.), Bürgermeister Schmitz, Klaus Birth, Peter Leidig und Hubert Voss schraubten - stilgerecht bei Wasser und Brot - die Infotafel an das alte Gefängnis an.]
"Der Bürgerverein macht's möglich: Ich hatte eigentlich nie vor, einmal Gefängnisluft schnuppern zu müssen und habe dieses Ziel auch einige Jahrzehnte aufrecht erhalten können", scherzte Bürgermeister Paul-Gerhard Schmitz bei der kleinen Feierstunde, die die Stadt, der Bürgerverein und Voss Filmproduktion für die Enthüllung einer Infotafel ausrichteten, die auf das erste Gefängnis der Kreisstadt hinweist. Schon 29 dieser Infotafeln hatte der Bürgerverein in den Vorjahren an kultur-historisch bedeutenden Gebäuden angebracht. "Als profunder Texter war dabei zumeist Jürgen Woelke am Werk, der vor einem Anlass wie dem heutigen in sein Archiv steigt und dann eine kurze, aber präzise Beschreibung formuliert", erläuterte der Bürgermeister.
Schmitz gab zu, dass er selbst erstaunt gewesen sei, welche Geschichte das Haus widerspiegele. Keiner der Arrestanten, die einmal die Pritsche mit Strohsack und Decke drücken mussten, habe sich wohl je träumen lassen, dass hier einmal eine Filmproduktionsfirma ihr Domizil haben werde. Tatsächlich dürften sich die Insassen nicht einmal einen Film vorgestellt haben, denn das Gebäude war von 1853 bis 1902 ein Gefängnis. "Es ist ein wirklich ganz besonderes Gebäude, obwohl es relativ unscheinbar aussieht", erläuterte der Historiker Woelke, der zusammen mit Peter Leidig die Geschichte des Baus herausgefunden hatte. Es sei das einzige aus dieser Bauphase, habe damals am Rand der Stadt gelegen und sei mit der Geschichte der Firma Steinmüller verknüpft.
Allerdings sei es nicht das einzige oder erste Gefängnis in Oberberg, schon 1651 habe man im Schlossturm von Gimborn Aufmüpfige arrestiert - "auch einen Galgen gab es dort" - und "vielleicht auch in der Alten Vogtei", mutmaßte Woelke. Durch die Verwaltungsreform der 1806 eingerückten Franzosen wurde Gummersbach als Verwaltungssitz mit den Bürgermeistereien (Mairie) Gimborn, Marienheide, Neustadt und ründeroth zum Canton zusammengefasst und ein erster "Knast", zunächst in einem Privathaus, eingerichtet, berichtete der Stadthistoriker. 1853 wurde am Ortsrand aus massivem Bruchstein das erste eigene Gefängnisgebäude errichtet, mit vier Zellen und 2,5 Zimmern für den Wärter und seine neun Kinder. Gleichzeitig war von der Bezirksregierung in Köln übrigens auch ein Gefängnis in Wiehl erbaut worden.
Nachdem 1882 L. & C. Steinmüller von der Winterbecke in die heutige Innenstadt kam, war das Gefängnis dem Unternehmen mehr und mehr im Weg und so wurde es 1902 im Tausch gegen ein neues Gefängnis von der Firma übernommen. Zunächst als Pförtnerhaus genutzt, hatte es die nächsten 100 Jahre verschiedenste Funktionen, zum Schluss war dort die Revision untergebracht, so Woelke. Vor wenigen Tagen zog die Voss Filmproduktion, die auf wissenschaftliche Dokumentationen spezialisiert ist, dort ein. Der Vorsitzende des Bürgervereins, Klaus Birth, dankte Woelke und Leidig für die Informationen und der Filmfirma für die Erlaubnis, die Tafel anbringen zu dürfen sowie für die Ausrichtung der Feierstunde bei Wasser und Brot. Hubert Voss versicherte, "dass wir uns freuen, hier leben und arbeiten zu dürfen".
[Das ehemalige Gefängnis auf dem Steinmüller-Gelände.]
"Aber so fürchterlich unruhig scheint unsere Gegend nicht gewesen zu sein", vermerkte der Stadthistoriker schmunzelnd bei seiner Vorstellung, denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts sei das Gebäude meist nur an zehn Tagen im Monat belegt gewesen, und meist auch nur für jeweils einzelne Tage. "Das waren vor allem Trunken- und Raufbolde. Wenn es längere Strafen gab, waren das natürlich welche von außerhalb", lachte er. 1899 dagegen sei der Laden "stets überfüllt" gewesen, hatte Woelke herausgefunden.
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Im folgenden der Wortlaut der Infotafel:
Das alte Gefängnis (1853 - 1902)
Nach Inbesitznahme der kleinen Reichsherrschaft Gimborn-Neustadt durch Napoleon 1806 erfuhr auch die kommunale Verwaltung eine völlige Neuordnung nach den damals fortschrittlichen französischen Standards. Die drei Bauernschaften Gummersbach, Bernberg und Rospe wurden zur Mairie (Bürgermeisterei) Gummersbach vereinigt, die wiederum mit den Mairies Gimborn, Marienheide, Neustadt und Ründeroth zum Canton Gummersbach gehörte. Verwaltungssitz wurde Gummersbach, und hier wurde auch das Cantons-Gefängnis etabliert, vorerst in vier Räumen (Zellen) eines Privathauses. Ein Halbinvalide kümmerte sich um Verpflegung (Suppe und Brot) und Komfort (Strohsack), der Orts-Polizist um die Sicherheit. Häftlinge waren hier aber nur kurz untergebracht.
Auch nach Beendigung der französischen Herrschaft (1813) blieb die eingeführte Rechtsordnung (code civile) noch lange im nun preußischen Rheinland erhalten.
1853 wird für den Bereich des ehemaligen Cantons Gummersbach erstmals ein eigenes Gefängnisgebäude errichtet: am Ortsrand, aus massivem Bruchstein und mit vier Zellen sowie einer 2,5 Zimmer-Wohnung für den Gefängniswärter und seine Familie (9 Kinder). Es ist das Gebäude, vor dem Sie jetzt stehen. Das Inventar einer jeden Zelle damals: Tisch, Schemel, Kübel, Wasserkrug, Pritsche mit Strohsack und Decke.
Nachdem 1882 die Gummersbacher Firma L. & C. Steinmüller, damals Papierfabrik, den acht Jahre zuvor begonnenen Dampfkesselbau von ihrer Fabrik in Winterbecke nach hier ausgelagert hatte, stand das Gefängnis der bald einsetzenden Expansion der Firma immer mehr im weg, bis Steinmüller das Gebäude im Tausch gegen ein neues Gefängnis am Singerbrinck 1902 übernehmen konnte. Erst als Pförtnerhaus genutzt, hatte da damalige Gefängnis im Laufe der nächsten hundert Jahre die verschiedensten Funktionen. 1999 wurde L. & C. Steinmüller von der Firma Babcock aufgekauft und drei Jahre später die Produktion am hiesigen Standort beendet. Das Gelände konnte von der Stadt Gummersbach erworben werden; das ehemalige Gefängnis bezog 2004 die auf technische und wissenschaftliche Filme spezialisierte Firma Voss Filmproduktion.
Bürgerverein Gummersbach e.V.