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Schuldnerberater Neumann: 'Es gibt einen verschärften Raubtierkapitalismus'
(hen/14.7.2000-12:35) Oberberg - Menschen mit dem Schopf aus dem Schuldensumpf zu ziehen ist eine Aufgabe, der sich die Schuldnerberatung des Caritasverbands mit Erfolg widmet.
Für diese Arbeit gab es gestern 47.606 Mark aus einem rund 80.000 Mark starken Finanzierungsfonds für Oberberg der NRW-Sparkassenverbände, den die Sparkasse Gummersbach-Bergneustadt stellvertretend überreichte. 40 Prozent des Fonds gehen an die AWO.
"Es gibt einen verschärften Raubtierkapitalismus", meinte Schuldnerberater Heiko Neumann gestern beim Pressegespräch und drückte damit die Tatsache aus, dass immer mehr junge Menschen in die Verschuldung geraten. Neumann hat beispielsweise einen 18-jährigen Klienten, den als Auszubildender bereits die Last von 2.000 Mark Handy-Schulden drückt und der bei der Telekom mit 18.000 Mark 'in der Kreide steht'.
[Bilder: Mengedoht/Übergabe des Schecks an die Schuldnerberatung in der Sparkasse]
Damit zeichne sich bereits ein Teufelskreis ab: Lohnpfändungen erfreuten den Arbeitgeber nicht gerade, nach der Ausbildung werde er wahrscheinlich nicht übernommen, die Chance eine Stelle zu finden, seien wegen der Vorgeschichte nicht besonders gut. "Es ist sehr leicht, sich mit Handy und Telefon zu verschulden", so Neumann. Die Bonität der jungen Kunden werde nicht geprüft. Noch schlimmer werde die Situation durch Vorhaben, das Handy zum Zahlungsmittel umzufunktionieren, wie es ein privater Telefonanbieter, der eine eigene Bank gründen möchte, derzeit vorhabe.
[Bild: Heiko Neumann (l.) und Rainer Schacht sind die beiden Schuldenberater der Caritas]
Neumann hält es für wichtig, bereits in den Schulen Aufklärung zu betreiben und vor den Schuldenfallen zu warnen. Hier gelte es, die gute Zusammenarbeit mit der Sparkasse auszubauen.
Jürgen Flasdieck, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Gummersbach-Bergneustadt, hofft sehr, die Unterstützung der Schuldnerberatung auch in Zukunft leisten zu können. Die EU-Pläne zur Privatisierung stünden immer noch im Raum. Flasdieck verwies darauf, dass die privaten Banken sich aus der Finanzierung der Schuldnerberatung heraushalten würden. Den Sparkassen gehe es dagegen nicht nur um den "shareholder-value", sie hätten eine öffentliche Aufgabe zu erfüllen und würden diese auch sehr ernst nehmen.
Einen weiteren Problemkreis zeigte Neumann im Verhalten öffentlicher Gläubiger wie Finanzamt oder Arbeitsamt auf: "Hier wird die Kontopfändung oft im unfairen Ausmaß genutzt". Bei Kontosperrungen seien die Verschuldeten kaum noch in den Arbeitsmarkt zu integrieren, was den Staat ein Vielfaches der monatlichen Pfändungsraten kosten würde.
"Die Beamten in den Behörden haben oft die Anweisung, unter allen Umständen alles einzutreiben", verdeutlichte Peter Rothausen, Geschäftsführer des Caritasverbands, das Dilemma. Hier gelte es politische Regelungen zu treffen.
MEHR PRIVATE INSOLVENZVERFAHREN ALS IN BERLIN
Eine positive Bilanz konnte Neumann zur Umsetzung privater Insolvenzverfahren ziehen, die seit kurzem möglich sind. Privatpersonen können sich dabei in einer überschaubaren Zeit von ihrer Schuldenlast befreien. Neumann hat sich in diese Materie derart gut eingearbeitet, dass es schon Beratungsanfragen aus ganz Deutschland gibt, derzeit läuft ein Antrag der Oberberger Caritas beim Land, eine bundesweite Beratung - zum Beispiel per Internet - zu fördern.
Die Zahlen sprechen für sich: 31 Oberberger Klienten konnten mit Neumanns Unterstützung ein Insolvenzverfahren eröffnen, in der Hauptstadt Berlin gab es dagegen nur 23 Verfahren. Neumann hat schon Verfahren zu Ende geführt, bei denen letztlich 6.600 von 250.000 Mark Schulden zurück gezahlt wurden und der Klient dann schuldenfrei war.
Selbst Quoten von 0,9 Prozent waren durch Gerichtsbeschluss schon möglich. Die Gläubiger erhalten dann wenigstens etwas Geld, anstatt beim "Offenbarungseid" völlig leer auszugehen.
Neumann sieht in den Verfahren auch ein gesamt-gesellschaftliches Interesse: "Die Menschen sollen in den Wirtschaftskreislauf zurück geführt werden". Ohne die Schuldenbefreiung seien sie auf absehbare Zeit keine Nachfrager im Markt. Im Projekt "Gemeinsam aus der Pleite" der Caritas versuchen sich Schuldner gemeinsam aus ihrer Misere zu befreien. Sie haben den Mut, ihre Anonymität aufzugeben und motivieren sich gegenseitig.
Trotz ernormen Andrangs gibt es bei der Caritas keine Wartelisten. Neumann: "Dann müssten wir die Leute auf zwei bis drei Jahre vertrösten". Die Terminvergabe richtet sich nach individuellen Gegebenheiten, zum Beispiel nach besonderer Eilbedürftigkeit.
Wie Thomas Heeke, Leiter der Rechtsabteilung der Sparkasse, betonte, versuche auch die Sparkasse mit den Schuldnern freiwillige Lösungen zu erzielen. Das Verfahren lehne sich an das gesetzliche Insolvenzverfahren an: "Wenn es irgendwie möglich ist, wollen wir eine außergerichtliche Einigung erzielen."