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125 Jahre SPD - "Gummersbachs eigener Beitrag zur Verteidigung der Republik"
(om/22.7.2003-12:15) Gummersbach - Die älteste Partei der Welt feiert in diesem Jahr nicht nur ihren 140. Geburtstag, auch der Ortsverband in Gummersbach kann bereits auf 125 Jahre eigene Geschichte zurückblicken.
[Bilder: Oliver Mengedoht --- Mit zahlreichen Gästen in der Mensa feierte die SPD Gummersbach ihren 125. Geburtstag.]
[Stadtarchivar Pomykaj erinnerte an die schwierigen Anfänge der Sozialdemokraten in Oberberg.]
Mit einem fesselnden Rückblick auf die lokale Geschichte von Stadtarchivar Gerhard Pomykaj, dem Referat "Jede Zeit braucht eigene antworten - Willy Brandt - Kontinuität und Wandel der Demokratie in Deutschland seit 1863" des Vorsitzenden der historischen Kommission im SPD-Parteivorstand sowie Musikbeiträgen und Ehrungen feierte der Stadtverband mit vielen Gästen in der Mensa der Gesamtschule Derschlag seinen 125. Geburtstag. Neben den jazzigen Klängen des Duos Ramona Eden (Gesang) und Oliver Trost (Gitarre) von der Musikschule Gummersbach wurden mit "Vaganterey" alte sozialdemokratische Traditionen hervorgeholt. Der Waldbröler Ortsverbandsvorsitzende Jürgen Hennlein präsentierte mit Sohn Axel Arbeiter- und Volkslieder mit Gitarre, Banjos und Mandoline.
"Der Ortsverband wurde nicht schlagartig gegründet", erinnerte Vorsitzender Thorsten Konzelmann an die Anfänge, "aber in diesem besonderen Jahr zu Bismarcks Zeiten wurde auch das 'Gesetz gegen die Umtriebe der Sozialdemokratie' erlassen." In der Mensa "trieben" sich dagegen natürlich zahlreiche Sozialdemokraten "herum", so begrüßte Konzelmann unter anderem MdB Uwe Göllner, Ex-OKD Heribert Rohr, Vize-Landrätin Uschi Mahler, natürlich die Kreistags- und Stadtratsfraktionsvorsitzenden Ralf Wurth und Hans-Egon Häring, Ex-MdB Friedhelm Julius Beucher und Alt-Bürgermeister Karl Holthaus, Vertreter der Fraktionen der CDU, FDP und Grünen, der Stadtverwaltung, IHK, Kreissportbund, Handwerker, Caritas und Gewerkschaften.
[SPD-Kreisparteichef Beucher (l.) und Ortsverbandsvorsitzender Konzelmann führten durch die Veranstaltung.]
"140 Jahre, welch eine lange Zeit", bemerkte Konzelmann, "aber 125 Jahre auch". Dennoch wolle sich die Partei natürlich nicht zurücklehnen und sich selbst auf die Schulter klopfen, sondern auf Gegenwart und zukunft schauen. Drei Mitglieder wurden dennoch für Zurückliegendes geehrt: Seit sage und schreibe 50 Jahren Mitglied der Sozialdemokraten sind Ulrich Heu, Martha Eschmann und Erich Nohl - sie wurden mit Ehrennadeln, Urkunden und Präsenten ausgezeichnet.
"Gummersbach nicht mehr frei von Socialdemokraten"
[Professor Faulenbach war für seinen Vortrag von der histroischen Kommission des SPD-Bundesvorstand aus Berlin gekommen.]
Der Vorsitzende der historischen Kommission im SPD-Bundesvorstand, Professor Bernd Faulenbach, war gerne ins Oberbergische gekommen: "Mein Vater stammt von hier und ich war als Kind oft in Bergneustadt." Der Historiker erinnerte in seinem Vortrag "Jede Zeit braucht eigene Antworten - Willy Brandt - Kontinuität und Wandel der Sozialdemokratie in Deutschland seit 1863" an den Begin der Sozialdemokratie, der eigentlich schon bei der Revolution 1848 zu sehen sei, organisatorisch aber erst 1868.
Die Gummersbacher Ortspartei befinde sich eigentlich schon im 129. Jahr, wenn auf den ersten Gumersbacher SPD-Wähler zurück gehe, berichtete Stadtarchivar Gerhard Pomykaj in seinem Vortrag. Die Gründung des Ortsvereins datiere alleridngs auf das Jahr 1906, "womit er immer noch der älteste im weiten Umkreis ist". Dass jetzt der 125. Geburtstag gefeiert werde, gehe wie so vieles auf Alfred Nehls zurück, der vor 15 Jahren eine Quellensammlung mit dem Untertitel "110 Jahre Sozialdemokraten in Gummersbach" veröffentlicht habe, in der er aus einem Bericht des Bürgermeisters Albers vom 20. Juni 1878 zitierte, in dem es hieß, "...daß allerdings in der Stadtgemeinde Gummersbach einzelne wenige Personen den sozialdemokratischen Lehren huldigen". Als Historiker könne er mit 1878 als Geburtsjahr gut leben, denn seitdem habe es wohl durchgehend eine Gruppe von Sozialdemokraten hier gegeben. "So klagte nur einige Jahre später erneut die Obrigkeit - diesmal der Landrat Haldy -, dass 'Gummersbach nicht mehr frei von Socialdemokraten' sei".
[Bilder (3): Stadtarchiv --- Der erste SPD-Bürgermeister in Gummersbach.]
Die SPD habe es in ihrer Gründungszeit nicht nur wegen des Sozialistengesetzes im Wilhelminischen Kaiserreich schwer gehabt, sondern als Partei der Industriearbeiterschaft auch schwer in einem Gebiet, in dem trotz einiger Fabrikgründungen wie Barthels in Derschlag oder Ermen & Engels in Engelskirchen die Industrialisierung im Vergleich zu den Pioniergebieten wie dem Bergischen Land mit einer Verspätung von einigen Jahrzehnten einsetzte, führte Pomykaj aus. Diese Fabriken seien zudem noch lange Inseln im bäuerlich-kleingewerblich geprägten Umfeld des Aggertals gewesen, und die Belegschaften mit ihrem relativ hohen Frauenanteil seien nicht sehr empfänglich für den radikalen Protest gegen soziale Ungleichheit und politische Bevormundung gewesen. "Ein Großteil der Beschäftigten fügte sich trotz der strapaziösen Arbeitsbedingungen und der niedrigen Entlohnung den patriarchalischen Wertvorstellungen der Unternehmer - man war froh, nicht mehr in anderen Gegenden Arbeit suchen zu müssen."
"Ausgeburten des Teufels"
[Die Steinbrucharbeiter trugen wesentlichen Anteil an der Verbreitung der Spzialdemokratie in Oberberg.]
Die antisozialistischen Thesen seitens beider Kirchen und die diffarmierung als "vatrerlandslose Gesellen" durch die staatlichen Institutionen und die nationalistische Presse ließen laut Pomykaj die Sozialdemokraten in den Augen vieler Oberberger vor dem Ersten Weltkrieg als verachtenswerte "Subjekte" oder gar "Ausgeburten des Teufels" erscheinen. "In diesem Klima, das ja in den kleinen Ortschaften mit einer entsprechenden sozialen Kontrolle verbunden war", so der Historiker, "Zugang zu sozialdemokratischen Ideen zu finden oder soich gar offen als Sozialdemokrat zu bekennen, war für die Eingesessenen äußerst schwierig."
So habe es auch der Impulse und Zuwanderung von außen bedurft, um im Aggertal die sozialdemokratische Ideen zu verbreiten und Wähler zu gewinnen. So habe die Erweiterung der industriellen Palette um metallverarbeitende Betriebe wie Steinmüller und vor allem die Ausweitung der Steinbrüche zum Zuzug bereits sozialdemokratisch gesonnener Arbeiter geführt. Aber auch nach dem Fall des Sozialistengesetzes nach 1890 sei es ein steiniger weg geblieben, jede öffentliche SPD-Versammlung wurde polizeilich überwacht und jedes Parteimitglied als potentieller Staatsfeind registriert, führte Pomykaj aus.
Erst nach 1900 habe sich die Situation der Partei im Oberbergischen verbessert. Interessant auch, dass die "Sozis" zusammen mit Linksliberalen, Kommunisten und Zentrumsanhängern 1920 gelungen war, den rechtsradikalen Kapp-Putsch in Gummersbach abzuwehren - "Gummersbacher hatten so einen eigenen Beitrag zur Verteidigung der Republik geleistet."
[Gummersbachs Alt-Bürgermeister Holthaus wurde von Pomykaj besonders hervorgehoben.]
Aus der "Moderne" hob der Stadtarchivar einen der Anwesenden hervor: Nämlich Karl Holthaus, der von 1989 bis '99 der zweite Bürgermeister war, den die SPD in Gummersbach stellte. "Ihm kommt das Verdienst zu, sich als Sozialdemokrat - quasi die sozialen Schichten übergreifend - die Anerkennung des Großteils der Gummersbacher Bürgerschaft erworben und so das Ansehen der örtlichen SPD gesteigert zu haben. Ich bin ziemlich sicher, dass dieses Urteil auch in Zukunft Bestand haben wird."
[Ulrich Heu (M.) und Erich Nohl (l.) wurden von Beucher (r.), Konzelmann und Doris Schuchardt für 50 Jahre Mitgliedschaft geehrt.]
[Ramona Edel und Oliver Trost von der Musikschule begeisterten mit jazzigen Klängen.]

[Jürgen und Axel Hennlein brachten mit "Vaganterey" traditionelle Arbeiterlieder.]
[Zum Abschluss wurde von allen im Saal die russische Volksmelodie "Brüder zur Sonne, zur Freiheit" gesungen.]