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Nullrunde: Krankenhäuser hängen 2003 am Tropf - "Gehen Pflegenotstand entgegen"

lo; 12. Dec 2002, 20:55 Uhr
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Nullrunde: Krankenhäuser hängen 2003 am Tropf - "Gehen Pflegenotstand entgegen"

lo; 12. Dec 2002, 20:55 Uhr
(lo/12.12.2002-18:45) Von Björn Loos
Oberberg - Die geplante Nullrunde von Bundesgesundheits-ministerin Schmidt bringt die Krankenpflege in große finanzielle Bedrängnis, ein massiver Stellenabbau in den oberbergischen Krankenhäusern droht.

[Bilder (4): Björn Loos - In der Gummersbacher Fußgängerzone machten die Krankenhausmitarbeiter heute auf ihre Probleme mit der "Nullrunde" aufmerksam.]





[Alfred Freitag, Pflegedirektor des Kreiskrankenhauses Waldbröl: "Wir gehen einem Pflegenotstand entgegen."]



Die sogenannte Nullrunde, die Gesundheitsministerin Schmidt zur allgemeinen Kosteneinsparung für das nächste Jahr plant, kommt eigentlich einer Minusrunde gleich, denn die Krankenhäuser müssen mit mit dem gleichen Budget der Vorjahre höhere laufende Kosten decken. "Vor allem Versicherungs-, Lohn- und Energiekosten werden stark ansteigen", erklärte Marie-Theres Touppen, Pflegedirektorin im Kreiskrankenhaus (KKH) Gummersbach, heute bei einer Pressekonferenz. Das Defizit muss also intern ausgeglichen werden. Bis zu vier Prozent des Gesamtbudgets kann diese Summe betragen.



Die Folge: Massive Personaleinsparungen in den Krankenhäusern. Allein im Pflegedienst des KKH Gummersbach müsste pro Station eine Stelle gestrichen werden. Insgesamt würden den Finanzkürzungen 30 bis 40 Stellen in allen Arbeitsbereichen zum Opfer fallen. Das Gleiche gilt für das Waldbröler Kreiskrankenhaus. Auch in Marienheide wären einige Arbeitsplätze nicht zu halten.

"Bisher konnte der Stellenabbau durch Strukturveränderungen aufgefangen werden. Nun befürchten wir aber, dass sich die Einsparungen direkt auf die Patientenbetreuung auswirken", erklärt Touppen. Soll heißen: Das ohnehin schon überlastete Pflegepersonal wird noch größeren Stresssituationen ausgesetzt. Immer weniger Stellen bedeuten eine geringere persönliche Betreuung der Patienten und eine höhere psyschiche Belastung für die Arbeitskräfte.



Schon jetzt arbeitet im Nachtdienst des KKH Gummersbach nur noch eine einzige Schwester, im Spätdienst sind zwei examinierte Krankenschwester und ein Azubi eingeteilt. "Wir sind am Limit angekommen. Schon jetzt müssen wir vermehrt auf angelernte Hilfskräfte zurückgreifen", verdeutlichte Uwe Fabick vom Krankenhaus Bergisch-Gladbach.

Alfred Freitag, Pflegedirektor des Kreiskrankenhauses Waldbröl, formuliert es noch krasser: "Wir gehen einem Pflegenotstand entgegen." Aus diesem Grund hat man sich dazu entschlossen, aktiv zu werden. Unter dem Motto "Pflegen ohne Personal ist wie Fahren ohne Führerschein" führt man Aktionen durch, um die Menschen auf die Probleme im Pflegesystem aufmerksam zu machen.



Gestern fand in der Gummersbacher Fußgängerzone die erste Veranstaltung statt. Dabei wurde auch eine Unterschriftenaktion gestartet, die dann später an die Bundesgesundheitsministerin weitergeleitet werden soll. 1.000 Unterschriften wurden in nur einer Stunde gesammelt. Marie-Theres Touppen (KKH Gummersbach): "Das zeigt, wie sehr die Menschen an diesem Thema interessiert sind." Am 18. Januar wird in Bergisch Gladbach demonstriert, Waldbröl ist am 13. Februar an der Reihe.

[Bilder: privat.]



Ein weiteres Feld, was durch die Nullrunde in ernsthafte Schwiergkeiten geraten wird, ist der Ausbildungsbereich: Bisher wurde in Gummersbach halbjährlich ein neuer Krankenpflegekurs gestartet, demnächst wird er nur noch einmal pro Jahr angeboten werden können. "Bisher konnten wir immer genug Jugendliche ausbilden. Nach der Nullrunde bleibt abzuwarten, ob sich Ausbildungswillige von den Zuständen beeinflussen lassen und nicht mehr in einen Pflegeberuf wollen", sagt Fabick. Es drohen also Nachwuchsprobleme.

Alle Pflegedirektoren betonen, dass die gesundheitlichen Interessen und Bedürfnisse der Patienten ihr wesentliches Anliegen sei. "In unserer täglichen Arbeit steht der Mensch im Mittelpunkt, für ihn lohnt es sich immer zu kämpfen", ist der einhellige Tenor. Ob bei einer Nullrunde noch eine optimale Betreuung möglich ist, scheint allerdings utopisch.



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