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Inszenierung "Antigone von Sophokles" überragend

vma; 9. Sep 2002, 18:03 Uhr
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Inszenierung "Antigone von Sophokles" überragend

vma; 9. Sep 2002, 18:03 Uhr
(vma/7.9.2002-16:40) Von Vera Marzinski
Wiehl – Besondere Klasse bei einem besonderen Klassiker zeigt das Ensemble des Schau-Spiel-Studio Oberberg bei der neusten Produktion, die am Freitag Abend im Rahmen einer Kulturkreis-Veranstaltung Premiere hatte.

[Bilder: Vera Marzinski --- Kreon (Michael Albrecht) lässt sich vom Volk feiern.]

[Der selbstgefällige und uneinsichtige Herrscher Kreon (Michael Albrecht).]

Das Schau-Spiel-Studio Oberberg ist eine Gruppe von Amateurschauspielerinnen und -schauspielern unter professioneller Leitung. Ziel des Vereins ist es, regelmäßig Theaterproduktionen unterschiedlichster Couleur auf die Bühne zu bringen. Diesmal wählten sie einen Klassiker, der schon vor 2500 Jahren die Zuschauer begeisterte. Ein Stück, das als Urform der Konflikttragödie in die Geschichte eingegangen ist. Der künstlerische Leiter des Schau-Spiel-Studios Oberberg Raimund Binder inszeniert Sophokles` Tragödie in strengem klassischem Sinne und behält das antike Element des Chores bei, der das Geschehen kommentierte.

[Mit trotziger Härte tritt Antigone ihrer Schwester gegenüber.]

Die Tragödie wird von den Schauspielerinnen und Schauspielern des Schau-Spiel-Studio so wahrhaftig dargestellt, dass dem Zuschauer am Ende das Klatschen sozusagen vergeht. Beeindruckend und einnehmend gespielt, fasziniert das Stück und stellt die Tragik in brillanter Form dar. Trotzig, hartnäckig und auch leidensfähig spielt Anne Koch ausgezeichnet die Antigone. Michael Albrecht verkörpert den herrischen, uneinsichtigen und harten Kreon fabelhaft. Die Weisheit des alten Sehers verkörpert Hans-Gerd Pruß in besonderer Weise. Über-zeugend auch Martin Heuer als Wächter und Bote sowie Constanze Fischer als Ismene, die mit ausgeprägter Mimik ihren Text unterstreicht.

[Ismene (Constanze Fischer) mahnt sie vergeblich zur Besonnenheit.]

In weiteren Rollen Christel Freymüller als Kreons Gemahlin Eurydike und Dominik Kirchholtes als Kreons Sohn und Antigones Verlobter Haimon, der überzeugend auf seinen Vater einwirkt, um Antigones Tod abzuwenden, aber Kreon letztendlich nicht beeinflussen kann. Der Chor kommentiert einzeln und in der Gruppe. Tanzend zu Beginn und bestürzt beim tragischen Ende, unterstreicht er die Szenen. Paula Donner, Roland Gude, Lukas Jörgens, Julia Müller, Susanne Oberbusch, Robin Oppenhäuser, Michell Reimann, Helena Santana-Loseda, Regina Schulte, Mira Stuhlmann, Tzatza Tzislakis und Markus Wortmann sowie Hans-Gerd Pruß stellen den Chor dar.

[Keine Angst kennt Antigone (Anne Koch) vor der Obrigkeit und tritt Kreon (Michael Albrecht) entschlossen gegenüber.]

Um die Tragödie zu verstehen, sollte die Vorgeschichte bekannt sein: Das thebanische Königspaar Ödipus und Iokaste hatte vier Kinder: Eteokles und Polyneikes, Antigone und Ismene. Ödipus machte die grauenhafte Entdeckung, dass er - ohne es gewusst zu haben - seinen Vater Laios ermordet und seine Mutter Iokaste geheiratet hatte. Der alte Fluch wirkte weiter fort: im Streit um den Thron wurde Polyneikes von seinem Bruder aus Theben vertrieben und beim Kampf um Theben kam es zum Zweikampf zwischen ihnen. Einer erschlug den anderen. Kreon, neuer Herrscher von Theben, ließ den Verteidiger Eteokles bestatten, verweigerte aber dem Aggressor Polyneikes das Begräbnis. Hier beginnt das Stück "Antigone von Sophokles".

[Vehement steht Antigone hinter ihrem Entschluss, die moralische Verantwortung als Schwester - ihren Bruder zu begraben - zu vollziehen.]

Antigone (Anne Koch) erzählt Ismene (Constanze Fischer) von ihrem Vorhaben, den gemeinsamen Bruder zu bestatten. Sie ist fest entschlossen dies zu tun, obwohl ihre Schwester ihr nicht helfen will, und führt dies alleine durch. Als Kreon (Michael Albrecht) das durch den Boten (Martin Heuer) erfährt, ordnet er an, dass man den Körper von Polyneikes frei lege. Als Antigone nochmals versucht, den Körper zu bestatten, wird sie erwischt. Kreon verurteilt Antigone zum Tode durch Einsperren in einem Felsengrab. Antigones Verlobter, Kreons Sohn Haimom (Domink Kirchholtes), versucht vergeblich, seinen Vater zum Widerruf seines Urteils zu überreden.

[Die Tragik ihres Schicksals ist Antigone (Anne Koch) bewusst. Doch wie Kreon geht sie schließlich an ihrer Uneinsichtigkeit und eigenen Anmaßung im Recht zu sein zu Grunde.]

Der blinde Seher Teiresias (Hans-Gerd Pruß) mahnt Kreon, sich zu besinnen. Seine Tat sei ein Frevel. Mit der Prophezeihung von unvermeidlichem Unglück gelingt es Teiresias, Kreons Starrsinn zu erschüttern. Er will eigenhändig Antigone befreien und Polyneikes bestatten. Doch es ist zu spät: Antigone hat sich in der Grabkammer erhängt, Haimon hat sich in sein Schwert gestürzt. Angesichts der katastrophalen Entwicklung, die der Bote ihr und dem Volk mitteilt, begeht Kreons Gemahlin Eurydike (Christel Freymüller) auch Selbstmord. Einsam bleibt Kreon zurück.

[Dennoch geht Antigone voll Stolz ihrer Strafe entgegen.]

In dem Stück "Antigone von Sophokles" stehen sich zwei Positionen gegenüber: der starke, autoritäre Führer, der den Staat und die Interessen des Gemeinwesens vertritt – Kreon – und die familienverbundene Antigone, die sich an das weit ältere Gesetz der Sippe gebunden fühlt, das den Familienangehörigen zur Pflicht macht, die eigenen Toten würdig zu bestatten. Im Stück entsteht kein Zweifel, dass Kreon im Unrecht ist. So verkündet der blinde Seher Teiresias ihm, dass er moralisch gefehlt habe, als er verbot den Leichnam zu bestatten.

[Vergeblich versucht Haimon (Dominik Kirchholtes - rechts) seinen Vater umzustimmen.]

Kreon wird das Opfer von den schlimmsten Gefährdungen, die nach Meinung der Griechen den Menschen befallen können: die menschliche Anmaßung und Überheblichkeit sowie die Verblendung. Diese stehen den sittlichen Werten: Weisheit und guter Rat, Sitte und Ordnung sowie Ausgleich und Gerechtigkeit gegenüber. Eben diese beachtet Kreon nicht. Aber auch Antigone ist nicht ohne Schuld. Ihre Schwester Ismene mahnt sie vergeblich zur Besonnenheit. Die trotzige Härte, mit der Antigone ihrer Schwester gegenübertritt und mit der sie diese auch dann noch zurückstößt, als Ismene mit ihr den Tod gehen will, vermittelt moralischen Widerspruch und verstößt das ethische Gebot der Wohlberatenheit und weisen Mäßigungen.

[Teiresias, der blinde Seher (Hans-Gerd Pruß) verheißt Kreon eine große Tragödie.]

Der Chor warnt immer wieder – sowohl Antigone als auch Kreon. Diese Warnung durch zieht in wechselnden Bildern die ganze Tragödie, meist vom Chor vorgetragen, aber auch von Haimon und Ismene. Doch beide gehen schließlich an ihrer Uneinsichtigkeit und eigenen Anmaßung im Recht zu sein zu Grunde.

[Schließlich kann Teiresias doch den Starrsinn von Kreon durchbrechen.]

Sophokles wurde 496 v.Chr. nahe Athen geboren – in der Blütezeit Athens. Sein Vater war Waffenhersteller, sein Vermögen hat er durch Sklaven aufgebaut. Sophokles nützte später diese Gewerbe als Broterwerb, damit er unbesorgt schreiben konnte. 406 v.Chr. stirbt er. Sein Werk umfasst Dramen, Satyrspiele, Epigramme und Elegien. Es ist nur in Bruchstücken erhalten. Die Tragödie "Antigone", die von vielen Dichtern und Autoren vor allem in der Zeit der Aufklärung umgedichtet wurde, stammt ursprünglich vom antiken griechischen Dichter Sophokles.

[Zu spät besinnt sich Kreon (Michael Albrecht), der seinen Sohn Haimon (Dominik Kirchholtes) nur tot nach Theben bringen kann.]

Die Tragödie "Antigone" von Sophokles ist äußerlich nicht in Akte unterteilt und spielt daher auch nur an einem Ort, nämlich vor dem Königspalast in Theben. So ist eine Bühnenbildänderung nicht nötig. Raimund Binder wählte eine Art Pyramidenaufbau in Form eines dreistufigen Podestes als Bühnenbild, dass in schlichter Form das Stück zur Geltung bringt. In brillanter Form bringt das Ensemble das Stück auf die Bühne in der Aula der Grundschule Wiehl, Warthstraße 1, 51674 Wiehl. Weitere Vorstellungen: Samstag, 7. September 2002 und Sonntag, 8., Dienstag 10.September, Mittwoch 11., Samstag 14., Sonntag 15. und Mittwoch 18. September 2002,jeweils um 20 Uhr.

[Der Bote (Martin Heuer) teilt dem Volk und Eurydike den Tod von Antigone und Haimon mit.]

[Wehklagen des Chores ob der Tragödie.]

[Haimon hat sich in sein Schwert gestürzt und Kreons Gemahlin Eurydike begeht ebenfalls Selbstmord - einsam bleibt Kreon zurück.]