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Hausärztemangel: 'Katastrophengebiet' Oberberg

fj; 16. Feb 2018, 14:13 Uhr
Bild: privat.
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Hausärztemangel: 'Katastrophengebiet' Oberberg

fj; 16. Feb 2018, 14:13 Uhr
Oberberg – Nur mit vielen Überstunden können die oberbergischen Hausärzte die Primärversorgung noch aufrechterhalten, Nachwuchs ist dringend nötig, aber rar – Dr. Krolewski: „Wir brauchen ein Bündel an Maßnahmen“.
„Denken Sie an eine Brücke, die eigentlich schon zusammengebrochen ist und nur noch von wenigen Menschen daran gehindert wird, einzustürzen.“. Mit diesem eindringlichen Bild beschreibt Dr. Ralph Krolewski, Facharzt für Allgemeinmedizin und Vorstand des oberbergischen Hausärzteverbandes die hausärztliche Versorgung im Kreis. Denn immer mehr Ärzte gehen in den Ruhestand, ohne dass diese Lücken geschlossen werden können. Allein in Gummersbach seien innerhalb von 15 Monaten 13 Prozent der Hausarztpraxen ohne Nachfolger weggefallen, was zum Beispiel für den Gummersbacher Ortsteil Derschlag bedeutet, dass derzeit drei von fünf Praxen leer stehen. Bis 2030 werden aus Altersgründen mindestens 40 weitere Hausärzte ausscheiden. „Da steuern wir auf etwas hin, dass wir noch gar nicht absehen können. Dabei gilt der Kreis schon heute über die Region hinaus als Katastrophengebiet bei der hausärztlichen Versorgung“, so Krolewski.

Oberbergische Hausärzte behandeln laut Krolewski 50 Prozent mehr Patienten als im Landesdurchschnitt, gegenüber angestellten Ärzten leisten sie mehr als 147.000 Überstunden im Jahr, um die Primärversorgung zu sichern. „Diese Überstunden entsprechen der Arbeitsleistung von 80 angestellten Ärzten“, so Krolewski. Dass dies weder der Qualität der Versorgung noch der Gesundheit der Ärzte zuträglich ist, liegt dabei auf der Hand. Doch allein um diesen Status Quo zu erhalten, müssten sich im Oberbergischen bis 2030 pro Jahr vier neue Hausärzte niederlassen. Aber wer will sich schon dort arbeiten, wo Überstunden an der Tagesordnung sind – und das mit Ansage? „Möchte man die Arbeitsbelastung für alle Kollegen verringern, müssten pro Jahr sechs zusätzliche Hausärzte gewonnen werden. Ob diese kommen, ist aber fraglich, da bei insgesamt zu geringem Nachwuchs die Anreizsysteme zu schwach sind“, ist sich Krolewski sicher.



Hefen könnte hier seiner Meinung nach nur ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Dieses beginnt mit finanziellen Anreizen. In Reichshof beispielsweise gelang es Ende vergangenen Jahres, dank eines Förderprogramms einen Nachfolger für eine Praxis in Wildbergerhütte zu gewinnen. 50.000 € gab es von der Gemeinde für die Praxisübernahme, weitere 50.000 € vom Land. „Schon für Gummersbach steht dieser Fördertopf des Landes aber nicht zur Verfügung, weil die Kreisstadt mehr als 40.000 Einwohner hat“, fordert Krolewski weitere Maßnahmen. Auch in den Händen des Landes läge es, mehr in die Ausbildung von Hausärzten zu investieren und den Quereinstieg von Medizinern aus anderen Fachrichtungen zu beschleunigen. „In Deutschland brach die Zahl der Allgemeinmediziner, die pro Jahr ihre Ausbildung beenden, von 2008 auf 2013 um 30 Prozent ein und zwar als Folge von Reduzierung der Studienplätze und von zu schwach aufgestellten oder fehlenden Lehrstühlen für Allgemeinmedizin“, erklärte Krolewski.

Hier erhielt der Hausärzteverband im vergangenen Dezember Rückendeckung vom Kreistag, der die Landesregierung dazu aufforderte, mehr in die Ausbildung zu investieren (OA berichtete). „Jetzt ist es an der Politik zu handeln“, so Krolewski. Ausdrücklich begrüßt er, dass die Kommunen und der Kreis Hausärzte, die sich für eine Niederlassung im Oberbergischen interessieren, beraten und unterstützen, beispielsweise bei der Suche nach einem Schul- oder Kindergartenplatz für den Nachwuchs. Der Hausärzteverband steht den neuen Kollegen außerdem beratend zur Seite. Sinnvoll findet er ebenfalls den Einsatz von Versorgungsassistenten und dem TeleArzt, denn so kann für Entlastung gesorgt werden.

„All dies zusammen ist schon ein guter Maßnahmen-Mix. Durch eigene Versorgungsmodelle könnte man die Region außerdem attraktiv für den Nachwuchs machen“, ist Krolewski überzeugt. Der Ball liegt für ihn nun klar bei der Landespolitik, die jahrelang zu wenig getan habe für den Nachwuchs bei einer älter werdender Hausärzteschaft. „Hier ist nur zu hoffen, dass der Antrag des Kreises nicht einfach in einer Schublade verschwunden ist.“