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Freundliche Übernahme: Das ganze Dorf wird Wirt

bv; 26. Jun 2014, 22:35 Uhr
Bilder: Bernd Vorländer --- (v. li.) Andreas Döhl, Werner Flach, Marianne Flach und Sven Kiebler freuen sich, dass es für die Traditionsgaststätte Jäger weitergeht.
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Freundliche Übernahme: Das ganze Dorf wird Wirt

bv; 26. Jun 2014, 22:35 Uhr
Gummersbach – In Gummersbach-Hülsenbusch drohte das Ende der Traditionsgaststätte Jäger, doch findige Bürger gründeten eine Genossenschaft und führen die gute Stube des Ortes weiter.
Von Bernd Vorländer

Wer kennt das nicht: Traditions-Gaststätten, gerade, wenn sie auf dem Land bestehen, gehören sozusagen zum Inventar eines Ortes, zur Visitenkarte. Was aber, wenn die gute Stube dicht machen will, weil die Besitzer nach Jahrzehnten auch einmal Zeit für andere Dinge haben wollen. Vielfach findet sich kein Pächter, der die Gastwirtschaft übernehmen will. So endet dann zumeist die Kneipen-Tradition. Dieses Schicksal drohte auch in Gummersbach-Hülsenbusch. Das Dorf im Westen Gummersbachs war bis zur kommunalen Neugliederung Sitz der Gemeinde Gimborn, doch im Anschluss verlor man Lebensmittelgeschäft, Metzgerei, Drogerie und weitere Geschäfte. Nun drohte auch noch der Verlust der Traditionsgaststätte Jäger, denn die Betreiber Marianne und Werner Flach gehen Ende Juni in den Ruhestand. In dritter Generation haben die Eheleute die kleine Gaststätte erfolgreich geführt, die bereits seit über 100 Jahren besteht und in der seit vielen Jahrzehnten heimischer Gerstensaft der Erzquell-Brauerei ausgeschenkt wird.

Seit langer Zeit ist die Dorfkneipe mit Thekenbetrieb Stammlokal der Einheimischen sowie Treffpunkt auch für Gäste aus Gummersbach und Umgebung. Fünf Stammtische sind hier beheimatet und alle Vereine aus Hülsenbusch und aus dem Gelpetal haben in dem Haus mit dem familiären Charakter ihr Domizil.

 
Also alles aus in Hülsenbusch? "Das durfte einfach nicht sein", bringt es Andreas Döhl auch Monate nach Bekanntwerden der Hiobsbotschaft auf den Punkt. Die Menschen im „Wilden Westen“ der Kreisstadt fanden eine ungewöhnliche, aber durchaus praktikable Lösung. Auf Initiative der beiden Hülsenbuscher Sven Kiebler und Andreas Döhl wurden aus den Reihen der Dorfgemeinschaft die Möglichkeiten einer Fortführung geprüft, man setzte sich mit den Eigentümern des Hauses, Rainer und Inge Jäger zusammen und kam zu dem Schluss, die Traditions-Gaststätte in Form einer Genossenschaft weiter zu betreiben. Gemeinsam mit der Brauerei wurde eine wirtschaftliche Prüfung veranlasst, eine Genossenschaftssatzung erarbeitet, Ämter und Aufsichtsbehörden konsultiert. Danach stand fest: 100 Jahre Tradition werden fortgeführt.


[Den Platz hinter der Theke wollen sowohl die Ex-Wirtsleute wie auch die beiden Genossenschafts-Chefs nicht missen.]

Alle Einwohner des Ortes, aber auch weitere Interessenten, die nicht in Hülsenbusch wohnen, können sich mit einer Einlage an dem Projekt beteiligen und so im wahrsten Sinne des Wortes Miteigentümer „ihrer Dorfkneipe“ werden. Der Kaufpreis pro Anteil beträgt 100 €. Die erzielten Einlagen bilden das Startkapital. Mit rund 10.000 € Genossenschafts-Einlagen rechnen Kiebler und Döhl, über 60 Voranmeldungen gibt es schon und am Donnerstag, 3. Juli, soll die Genossenschaft in der Schützenhalle Hülsenbusch auch offiziell aus der Taufe gehoben werden. Etwaige Überschüsse aus dem Gaststättenbetrieb sollen für Dorfprojekte genutzt, als Rücklagen gebildet oder an die Mitglieder ausgeschüttet werden.

Nach kleineren Renovierungsmaßnahmen soll die Gaststätte Jäger bereits im September den Kneipenbetrieb fortführen können. 14 Thekenteams haben Kiebler und Döhl bereits zusammengestellt, die während der Öffnungszeiten für die Gäste da sein werden. "Und das Bier wird auch weiterhin 1,30 € kosten - für jeden, ganz gleich, ob er Genossenschaftler ist oder nicht", erklärt Sven Kiebler, der sich erst noch daran gewöhnen muss, als Gastwirt angesprochen zu werden. Auch die beiden Ex-Wirtsleute freuen sich über den Fortbestand ihrer Gaststätte und haben bereits Unterstützung zugesagt, sich zeitweise hinter „ihre“ Theke zu stellen. Am kommenden Sonntag um 11:30 Uhr heißt es deshalb vielsagend „Abschiedsfeier zum Neubeginn“, wenn die Genossenschaftler die Gaststätten-Übernahme mit dem Ehepaar Flach feiert.