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"Begegnung mit dem Islam" in der evangelischen Kirche Denklingen

vma; 14. Apr 2005, 21:00 Uhr
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"Begegnung mit dem Islam" in der evangelischen Kirche Denklingen

vma; 14. Apr 2005, 21:00 Uhr
(vma/1.11.2001-18:50) Von Vera Marzinski
Reichshof-
Denklingen – Im Rahmen des offenen Abends "mittendrin" standen Pfarrer Wolfgang Vorländer und Journalistin Karin Vorländer als Talkgäste diesmal die Islamkenner Brigitte und Eberhard Troeger Rede und Antwort.

[Bilder: Vera Marzinski --- Zum Thema "Begegnung mit dem Islam" standen die Islamkenner Eberhard und Brigitte Troeger Rede und Antwort beim offenen Abend "mittendrin" der

evangelischen Kirchengemeinde Denklingen.]




Mission unter Moslems – das sei schwierig, so Eberhard Troeger, denn in vielen islamischen Ländern herrsche keine Religionsfreiheit. In Ägypten gebe es etwa zehn Prozent Christen – Altchristen. Etwa 10.000 wechseln jedoch jährlich zum Islam über. Etliche Muslime träten gerne zum christlichen Glauben über, doch das sei mit Verstoß aus der Familie, Verlust der Arbeit und Verfolgung verbunden. Das Interesse am christlichen Glauben werde dabei selten durch Missionare geweckt – meist durch das Radio oder das Lesen der Bibel.

[In Assuam/Ägypten lebten die Troegers als Missionare unter Muslimen.]



Eine besonders positive persönliche Erfahrung machten die Troegers 1969 mit den Muslimen: Zu dieser Zeit kämpfte Ägypten mit Israel und das Krankenhaus, in dem die Troegers wirkten, wurde in Form eines sonntäglichen Überfalls besetzt. Die ganze Bevölkerung Assuans stellte sich gegen diese Maßnahme – nicht nur Christen, sondern auch Muslime setzten sich für die Befreiung durch den Minister sehr ein.



Besonders positiv sah Eberhard Troeger auch, dass die Muslime ihren Glauben überzeugt aussprechen, was bei den Christen eher selten sei. Die Muslime seien durchweg friedlich – so haben die Troegers sie zumindest erlebt. Wichtig sei, sie nicht zu provozieren, in dem man beispielsweise in ihrem Land gewisse Gepflogenheiten wie Kleidung achte missachte.



"Mohammed war eine große weltgeschichtliche Persönlichkeit", antworte Eberhard Troeger auf die Frage "Was hältst Du von Mohammed?" Kritik müsse nicht sein, denn er wollte den Islam nicht schlecht machen, sondern Jesus Christus groß, erklärte er. Die Muslime seien Menschen mit viel Herz, deshalb sollte man bei der derzeitigen Situation nach dem "11.September" doch unterscheiden: "Das waren zwar Muslime, aber es war nicht der Islam". Der Islam sei ein breiter Strom, an dem sich am Rande extremistische Gruppen tummeln würden. Ganz radikale Gruppen, wie die Kaplan-Gruppe in Köln (eine Gruppe um den islamistischen Extremisten Metin Kaplan) gebe es auch bei uns. Die islamistische Sicht der Gottesherrschaft erfasse alle Bereiche des Lebens, zu diesem Ideal wolle ein Teil der Islamisten zurück.

[Wolfgang Vorländer moderierte (linkes Bild); nach der Zeit in Ägypten war Eberhard Troeger 23 Jahre Leiter der Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten und bekam auch hier einen guten Ein- und Überblick in den Islam.]



"Aber wir glauben doch alle an den selben Gott, was jedes weitere Gespräch erübrigt", stellte Journalistin Karin Vorländer als Phrase in den Raum. Eberhard Troeger stellte dagegen, dass Muslime einen "Ein-Allah (Gott)-Glauben" haben und die Christen glauben an einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, aber in der Bibel werde von der Dreieinigkeit – Vater, Sohn und Heiliger Geist – gesprochen. Am Kreuz scheiden sich die Geister, denn die Dreieinigkeit sei für Muslime nicht möglich bzw. nachvollziehbar. Die persönliche Ansprache und vor Gott seine Probleme und Ängste im Gebet bringen, also mit persönlichem behelligen, sei für Muslime ebenso undurchsichtig, da sie einen entfernten unpersönlichen Gott haben und feste Gebete. Sie kennen nur zwei Arten von Gebet: Lobpreisungen und spontane Stoßgebete.



Anziehend sei der Islam für viele Menschen durch das feste System. In der Zeit der Orientierungslosigkeit sei ein festes Gehäuse attraktiv, Manche seien auch durch das oft mystisch wirkende des Islams angezogen. Eine weitere Unterscheidung zwischen Christentum und Islam sei, dass Christen weltliche und geistliche Macht schon immer differenziert haben. Es gab immer einen Kaiser und einen Papst. Der Islam ist eine Gottesherrschaft, die alle Bereiche des Lebens erfasse.



Ein ganzheitliches Leben praktizieren die Muslime. Glaube, Alltag, Religion – darüber rede man ganz natürlich. Für Muslime sei es selbstverständlich, sich als Muslim zu erkenne zu geben. Auch die orientalischen Christen bekennen sich, obwohl sie von den Muslimen sehr verachtet werden, aber um so stolzer und selbstbewusster würden sie sich zu ihrem Glauben bekennen.

[Karin Vorländer führte bei "mittendrin" das Gespräch mit den Gästen zum aktuellen Thema.]



In Schwetzingen, wo Eberhard Troeger Theologie studierte, steht im Schlossgarten eine der ältesten Moscheen in Deutschland. Hier lernte er auch einen Muslimen kennen und kaufte sich einen Koran, um den Islam näher kennen zulernen. Das Studium hatte er angefangen mit dem Ziel, Missionar zu werden. Über die Oberägyptenmission kam er dann nach Assuan. Seiner Frau, die schon in der Jugendzeit im Missionshaus der Bibelschule Wiedenest geprägt wurde, verdrehte er den Kopf Richtung Islam, wie Pfarrer Wolfgang Vorländer treffend bemerkte.



Von 1966 bis 1975 lebte das Ehepaar aus Wiehl in Assuan/Ägypten als Missionare. Anschließend übernahm Eberhard Troeger für 23 Jahre die Leitung der "Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten" (EMO) in Wiesbaden – seit drei Jahren leben sie in Wiehl. Kurzfristig erklärten sich Troegers bereit, beim offenen Abend in Denklingen etwas über ihre Erfahrungen mit dem Islam und den Muslimen zu erzählen, dass die Gemeinde aus aktuellem Anlass wählte, nachdem der vorgesehene Gast aus Ruanda abgesagt hatte.



Heute leben sie in Deutschland und denken gerne an ihre Zeit unter den Muslimen zurück. Für ein gutes und ehrliches Miteinander sei es wichtig, aufeinander zu zugehen. Muslime leben hier in ihren Ghettos, deshalb sollten wir zu ihnen hingehen, so Troeger. Dies sei eine enorme Aufgabe – manchmal habe man den Eindruck, es sei schon zu spät. Dazu Karin Vorländer abschließend: "Kleine Schritte wagen, um nicht über Muslime, sondern mit ihnen zu reden".