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Drei Schüler debattierten im Bundestag

fn; 5. Jun 2013, 09:46 Uhr
Bilder: Fabian Nitschmann --- Mit viel Spaß verfolgte Dejan Vujinovic (re.) die Debatten im Plenarsaal des Reichstags aus der ersten Reihe.
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Drei Schüler debattierten im Bundestag

fn; 5. Jun 2013, 09:46 Uhr
Oberberg – Dejan Vujinovic, Jonathan Lessing und Jasmin Retzlaff wurden von den oberbergischen Bundestagsabgeordneten zu „Jugend und Parlament“ nach Berlin eingeladen - Dort diskutierten sie über Wahlfplicht und PKW-Maut.
Von Fabian Nitschmann

„Wir werden hier wirklich behandelt, wie Abgeordnete. Eben hat mich jemand als Herr Fraktionsvorsitzender angesprochen“, erzählt Dejan Vujinovic (19) aus Radevormwald. Vujinovic ist Teilnehmer bei Jugend und Parlament, einem viertägigen Planspiel für 16- bis 20-Jährige, das im Deutschen Bundestag stattfindet und vom Besucherdienst des Hohen Hauses veranstaltet wird. Im Rahmen des Rollenspiels heißt Vujinovic Rüdiger Schäfer, ist 52 Jahre alt, Lehrer und regelmäßiger Teilnehmer bei linken Demos. Seit dem zweiten Tag im Bundestag ist Schäfer darüber hinaus Fraktionsvorsitzender der Ökologisch-Sozialen Partei (ÖSP), dem Pendant zu den Grünen.


[Oberberg war im Planspiel gut verteten: Auch Jörg von Polheim (re.) durfte mit Jonathan Lessing einen Teilnehmer nach Berlin einladen.]

Dabei muss der 19-Jährige, der vom Abgeordneten Klaus-Peter Flosbach für das Spiel nominiert wurde, einen gewaltigen Rollentausch hinlegen. Denn eigentlich ist der Abiturient Vorsitzender der Jungen Union in Radevormwald und steht damit der CDU nahe. Doch bei „Jugend und Parlament“ sollen die insgesamt 308 Teilnehmer nicht einfach ihre politischen Standpunkte zum Besten geben. Vielmehr geht es um die Auseinandersetzung mit dem Gesetzgebungsprozess, der vom dauerhaften Kampf um Mehrheiten und von Kompromissen in Fraktionen, Ausschüssen und letztlich im Plenum geprägt ist.



In der diesjährigen Ausgabe ging es um die vier Themen Wahlpflicht, Lohnfortzahlungen bei Pflegebedarf, anonymisierte Bewerbungen sowie die Einführung einer PKW-Maut. Dazu erhielten die Jungparlamentarier konkrete Gesetzesvorschläge sowie die Position, die die jeweilige Partei bei diesem Thema bezieht, vorgegeben. Auf dieser Basis diskutierten sie dann die Details der Entwürfe, modellierten diese in insgesamt zwölf Ausschüssen und brachten sich für die Auseinandersetzung mit den anderen Fraktionen in Stellung.

Während sich Dejan Vujinovic samt seiner ÖSP für die Einführung von anonymisierten Bewerbungen aussprach, klatschte Jonathan Lessing seinen Fraktionsvorsitzenden der Christlichen Volkspartei (CVP) zu, als man nach langer Diskussion und drohendem Koalitionsbruch die letzten Ungereimtheiten bei der PKW-Maut ausgeräumt hatte. Lessing war ebenfalls als Teilnehmer im Spiel dabei. Er übernahm im übertragenen Sinne den Stuhl von Jörg von Polheim, der für die FDP seit Anfang 2012 Mitglied des Bundestags ist, und den Schüler des Engelbert von Berg Gymnasiums Wipperfürth nach Berlin eingeladen hatte.

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„Manchmal droht man zu vergessen, dass die Gesetze, die man diskutiert, gar nicht umgesetzt werden“, beschreibt Lessing die Tiefe, mit der das Planspiel durchgeführt wird. Und tatsächlich ist fast allen Teilnehmern anzumerken, dass sie das Spiel sehr ernst nehmen und die einmalige Chance nutzen, mitten im Zentrum der deutschen Demokratie die Politik nachzustellen und ein Gefühl für den Beruf des Politikers zu bekommen. „Ich weiß jetzt eher, wie anstrengend der Job der Abgeordneten ist“, sagte Lessing etwa im Gespräch mit von Polheim.

Der FDP-Mann hatte sich am Montag besonders viel Zeit für seinen Gast genommen. Insgesamt zweieinhalb Stunden unterhielten sich die beiden im Abgeordnetenbüro über Politik und ihre Heimat Hückeswagen. Anschließend besuchten sie für einen kurzen Moment die Fraktionsvorstandssitzung der FDP im Jakob-Kaiser-Haus. Am Abend nahm von Polheim darüber hinaus am gemeinsamen Buffet teil und lud Lessing in eine parlamentarische Gesellschaft unweit des Reichstags ein.


[Jasmin Retzlaff (Mitte) machte das oberbergische Trio komplett.]

Dejan Vujinovic konnte seinen Gastgeber Klaus-Peter Flosbach am Montag nur kurz treffen, da dieser zur finanzpolitischen Erbsensuppe mit Finanzminister Wolfgang Schäuble verabredet war. Am Dienstag trafen sich die beiden dann allerdings nochmals im Plenarsaal, wo eine Podiumsdiskussion über Wahlpflicht, Politikverdrossenheit und doppelte Staatsbürgerschaft mit den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktionen veranstaltet wurde. Nach der Abschlussrede von Dr. Norbert Lammert konnte Flosbach seinem Gast noch den Wunsch eines Fotos mit dem Bundestagspräsidenten erfüllen.

Im Vergleich zur realen Situation im Bundestag war der Oberbergische Kreis im Planspiel deutlich überrepräsentiert. Denn durch den Ausfall einer Teilnehmerin aus Düsseldorf konnte Jasmin Retzaff noch kurzfristig ins Spiel nachrücken. Auch sie war, wie Jonathan Lessing, in die CVP gelost worden, und fand nur positive Worte zum Planspiel: „Ich würde nie sagen, dass ich mich gut mit Politik auskenne. Aber auch ohne diese Kenntnisse konnte ich hier wirklich viel lernen und erleben.“


[Mit Hilfe von Klaus-Peter Flosbach (re.) konnte sich Dejan Vujinovic auch mit Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert ablichten lassen.]