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Doppelte Premiere im Sparkassen-Forum mit "Kunst"

vma; 2. Sep 2001, 18:55 Uhr
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Doppelte Premiere im Sparkassen-Forum mit "Kunst"

vma; 2. Sep 2001, 18:55 Uhr
(vma/2.9.2001-18:45) Von Vera Marzinski
Wiehl – Die Eröffnung der Spielzeit 2001/2002 des Schau-Spiel-Studio Oberberg läuteten die Darsteller mit einem brillanten Stück, präsentiert in den Räumlichkeiten der Sparkasse Wiehl, ein.

[Bilder: Vera Marzinski --- Ein Gemälde von ein Meter sechsig auf ein Meter zwanzig wird zur

Belastungsprobe für eine Männerfreundschaft.]


[Drei brillante Darsteller in einem brillanten Stück: (v.l.) Yvan (Gisbert Möller), Marc (Reinhold Rippchen) und Serge (Lutz Uhle).]



"Kunst" – ein Stück von Yasmina Reza. "Kunst" inszeniert vom Schau-Spiel-Studio Oberberg - Regie Raimund Binder. "Kunst" im doppelter Ausführung im Forum der Sparkasse der Homburgischen Gemeinden: inmitten der Ausstellung der Arbeiten des Künstlers Michael Herbrand die neuste Produktion des ambitionierten Theaters: "Kunst".



Doch was ist Kunst? Serge (Lutz Uhle) hat ein Bild gekauft. Ein Ölgemälde von etwa ein Meter sechzig auf ein Meter zwanzig. Ganz in weiß – nur ein paar Querstreifen sind zu erkennen. Serge ist begeistert, doch sein Freund Marc (Reinhold Rippchen) zweifelt an seinem Verstand. Das soll Kunst sein? Und zu dem Preis?

[Eine Männerfreundschaft mit Höhen und Tiefen, Humor und Streit - ein Kampf zwischen Aufrichtigkeit und Höflichkeitslügen.]



Scheinbar dreht es sich um die Auffassung über "Kunst". Der dritte im Bunde, der gemeinsame Freund Yvan (Gisbert Möller) soll Stellung beziehen und will doch nur vermitteln. Aber geht es in diesem Stück nicht eher um die Kunst, eine Freundschaft zu führen? Das Repertoire an Beziehungsmustern zwischen den einzelnen Personen wird deutlich. Da schränkt sich der eine ein – um des Friedens willen -, der andere stellt fest, dass sich die Freundschaft verändert habe. Es führt sogar soweit, dass Serge Marcs Frau Paula verhöhnt und gesteht, dass er Freundlichkeit nur geheuchelt habe.



Verbaler Wahnsinn, gegenseitige Verletzungen und Vorhaltungen untermalt von Marcs selbstgefälligem perfiden Lachen. Doch nicht nur mit seinem Lachen verletzt er, sein Gesicht spiegelt seine ganzen negativen Empfindungen und seine Körperhaltung drückt Arroganz und Dominanz aus. Sensibel dagegen der etwas labile Freund Yvan. Will er doch nur diplomatisch schlichten und die Freundschaft nicht aufs Spiel setzen. Doch das Blatt wendet sich gegen ihn. Marc und Serge, gerade noch fast Feinde, gehen gemeinsam gegen Yvan an, verbünden sich gegen ihn.



Eine jahrelange Freundschaft scheint beendet zu sein, durch die Anschaffung eines nichtssagenden Bild – "die weiße Scheiße". Hat die Verschiedenartigkeit der Freunde die klassische Männerfreundschaft bereichert, ist sie nun durch diese "Kunst" auf die Probe gestellt. Die Dialoge der drei ausgeprägten Charaktere – brillant dargestellt von den drei Akteuren – sind hintersinnig, aber auch sehr humorvoll. Ein unbedacht geäußerter Kommentar wird als Kriegserklärung aufgefasst und so wird eine Nebensächlichkeit zur offenkundigen Wichtigkeit. Das ganze eskaliert – doch so wie aus dem Nichts das Ganze entfacht wurde, scheint es zu enden – als Versuchsperiode der Freundschaft, wie alle drei reflektieren.

[Yvan (Gisbert Möller) leidet unter dem Zwist - Marc (Reinhold Rippchen) drückt seine Empfindung mit Gestik und Mimik aus.]



Das weiße Bild wird zur Projektionsfläche für eine äußerst farbenfrohe Betrachtung über abstrakte Kunst, Freund- und Feindschaft und den Kampf zwischen Aufrichtigkeit und Höflichkeitslügen. So warnt schon André Brie "Wenn du dich zum Richter über deine Freunde aufschwingst, kannst du leicht zum Henker deiner Freundschaft werden". In Yasmina Rezas Stück bewahrheitet sich zudem der Spruch von Paul Klee – abgedruckt auf der Rückseite des Programms – "Die Kunst gibt nicht das sichtbare wieder, sondern macht sichtbar". Und so findet sogar Marc letztendlich eine Beschreibung des Bildinhaltes.



Die Autorin wurde am 1. Juni 1957 in Paris als Tochter einer Ungarin und eines Iraners geboren, wo sie auch heute noch als Autorin und Schauspielerin lebt. Nach der Uraufführung von "Kunst" (im Original "Art") 1994 an der Comedie des Champs-Elysees fand sie große in- und ausländische Beachtung. Mittlerweile wurde das Stück in 35 Sprachen übersetzt und erhielt 1998 in New York den begehrten Preis Tony Award. Die privaten Themen, das Aufscheinen subjektiver Erlebniswelten, der psychologisch subtile Aufbau der Szenen und das melancholische Timbre haben der Autorin den Vergleich mit Tschechow und Schnitzler eingebracht.

[Serge ist begeistert von seinem 200.000 Franc "Kunstwerk" - für Marc ist es nur "die weiße Scheiße" (linkes Bild); Dominant und arrogant vertritt Marc seine Ansichten.]



Weitere Vorstellung in der Aula der Grundschule Wiehl: Sonntag, 2. September, Freitag bis Sonntag , 7. bis 9. September sowie Mittwoch, 12. September, jeweils um 20 Uhr.

[Der "Kunststreit" wird zum Streit um die Freundschaft, der letztendlich als Versuchsperiode bezeichnet wird.]